
WHO: Aktivitätsniveau Jugendlicher seit 15 Jahren kaum verändert
Quellen (9)
- One in four adolescents worldwide reported no active days in the previous weekwho.int
- Physical activity among adolescents, active on all 7 days of the past week, prevalence (%)who.int
- WHO-Bericht: Jeder vierte Jugendliche weltweit ohne aktiven Tag pro Woche – News – Deutsches Ärzteblattaerzteblatt.de
- One in four teenagers worldwide say they do not take part in regular physical activitysciencemediacentre.es
- Youth Sport Trust | Girls Active 2026 report summaryyouthsporttrust.org
- The Big Sister Project - Women in Sport Charitywomeninsport.org
- Eckpunkte zum Nationalen Aktionsplan zur Förderung des Kinder- und Jugendsportsbaden-wuerttemberg.de
- One in four adolescents worldwide gets no daily exercise, girls lag behind boys | Health and Wellness News - The Indian Expressindianexpress.com
- A generation missing out: global trends in adolescent physical activity, 2010–2025who.int
Jeder vierte Jugendliche im Alter von 11 bis 17 Jahren berichtete weltweit, in der Vorwoche an keinem Tag mindestens 60 Minuten körperlich aktiv gewesen zu sein. Das entspricht nach den am 4. November 2026 veröffentlichten globalen WHO-Schätzungen etwa 240 Millionen jungen Menschen. Die Auswertung beruht auf 389 bevölkerungsbezogenen Erhebungen in 140 Ländern und Gebieten mit mehr als 3,2 Millionen Jugendlichen. Nach Angaben der WHO beruhen die weltweiten Schätzungen auf statistischen Modellen, die auch Länder ohne eigene Befragungsdaten einbeziehen.
Im Durchschnitt berichteten die Jugendlichen laut den globalen WHO-Schätzungen von 2,7 aktiven Tagen pro Woche, 14 Prozent gaben an, an allen sieben Tagen aktiv gewesen zu sein. Das weltweite Niveau hat sich damit laut WHO über die vergangenen 15 Jahre kaum verändert. WHO-Generaldirektor Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus erklärte, die Antwort bestehe nicht darin, Jugendlichen zu sagen, sie sollten sich mehr Mühe geben, sondern Schulen, Straßen und Gemeinschaften zu schaffen, in denen Bewegung, Spielen und körperliche Aktivität sicher, einfach und normal seien.
Mädchen bewegen sich seltener als Jungen
Mädchen waren laut WHO in fast jedem Land und jeder WHO-Region weniger aktiv als Jungen. 28 Prozent der Mädchen berichteten von keinem aktiven Tag, gegenüber 22 Prozent der Jungen, täglich aktiv waren 11 Prozent der Mädchen und 17 Prozent der Jungen. Nach einer Auswertung in The Lancet Global Health berichteten Jungen im Schnitt von drei aktiven Tagen pro Woche, Mädchen von 2,4 Tagen, ein Unterschied, der sich nach Angaben von Luis Cereijo, Assistenzprofessor für Bewegungs- und Sporterziehung und Forscher für Epidemiologie und öffentliche Gesundheit an der Universität Alcalá, in allen Regionen zeigte.
Was „null aktive Tage“ wirklich bedeutet
Cereijo erläutert, dass die Angabe von null aktiven Tagen pro Woche nicht bedeute, die Jugendlichen seien vollständig inaktiv, sondern dass sie das von den Studienautoren verwendete Minimum von 60 Minuten mäßig bis intensiver Bewegung pro Tag nicht erreichten. Er weist zudem darauf hin, dass die aktuellen WHO-Empfehlungen von 2020 einen Wochendurchschnitt von 60 Minuten pro Tag verlangen, während die Studie einen Indikator auf Grundlage der Empfehlungen von 2010 verwendet, der die Tage mit mindestens 60 Minuten mäßiger bis intensiver Aktivität zählt. Dieser Indikator erlaube historische Vergleiche, sei aber nicht direkt mit der Erfüllung der aktuellen Empfehlung gleichzusetzen, bewertet Cereijo die Studie insgesamt aber als methodisch robust mit einer sehr großen Stichprobe.
Mädchen nehmen ungleiche Chancen im Schulsport wahr
Wie groß der wahrgenommene Unterschied zwischen Jungen und Mädchen ausfallen kann, zeigt eine Befragung: Nach der jährlichen Girls Active Survey des Youth Sport Trust unter mehr als 16.000 jungen Menschen nahmen geschlechterbezogene Einstellungen zum Sport zu. Mädchen hatten weiterhin den Eindruck, in der Schule nicht denselben Zugang zur Bandbreite der Angebote zu haben wie Jungen. 50 Prozent der befragten Mädchen stimmten der Aussage zu, Mädchen und Jungen hätten außerhalb des Sportunterrichts dieselben Möglichkeiten, Räume und Ausrüstung zu nutzen, bei den Jungen waren es 68 Prozent. Ob der Sport von Mädchen und Jungen als gleich wichtig angesehen werde, bejahten 39 Prozent der Mädchen gegenüber 56 Prozent der Jungen.
Eine Antwort auf solche Hürden versucht das Big-Sister-Projekt von Women in Sport zu geben, das Mädchen im Teenageralter nach eigenen Angaben kostenlosen oder vergünstigten Zugang zu Fitnessstudios, Schwimmen und Aktivitäten ausschließlich für Mädchen in unterstützenden Freizeiteinrichtungen bietet. Nach Angaben des Trägers gaben 6 von 10 teilnehmenden Mädchen an, nach der Teilnahme mehr Freude am Sport zu haben, 63 Prozent berichteten von mehr Widerstandskraft. Women in Sport beschreibt das 2022 gestartete Programm als von Mädchen für Mädchen entwickelt.
Deutschland arbeitet an einem eigenen Aktionsplan
Schon vor der am 4. November 2026 veröffentlichten WHO-Auswertung hatte die Sportministerkonferenz am 15. Oktober 2026 Eckpunkte für einen Nationalen Aktionsplan zur Förderung des Kinder- und Jugendsports beschlossen, die als Grundlage für dessen weitere Entwicklung dienen sollen. Vorgesehen ist unter anderem das Handlungsfeld „Tägliche Bewegungsstunde, Förderung täglicher Bewegungszeit gemäß WHO-Empfehlung“. Die Federführung liegt gemeinsam bei der Sportministerkonferenz und dem Bundeskanzleramt, einen Entwurf des Plans sollen die Sportreferentenkonferenz und das Bundeskanzleramt zur 55. Sportministerkonferenz vorlegen.
Große Unterschiede zwischen Ländern
Zwischen einzelnen Ländern gab es laut WHO erhebliche Unterschiede: In manchen Staaten berichteten 4 Prozent der Jugendlichen von keinem aktiven Tag, in anderen waren es mehr als 40 Prozent. Nach Angaben des Deutschen Ärzteblatts lebten die meisten Jugendlichen mit sieben aktiven Tagen pro Woche unter anderem in Nordamerika, Finnland, der Slowakei, Ungarn, Kasachstan und der Mongolei, während sich die meisten Jugendlichen ganz ohne aktive Tage in Mauretanien, Namibia, Simbabwe, Nepal und den Philippinen fanden. Für Indien, auf das 18 Prozent der weltweiten jugendlichen Bevölkerung entfallen, enthält die Auswertung keine Daten, Studienautorin Tessa Strain erklärte der Indian Express, man habe mehr als 15 Erhebungen im Land geprüft, aber jede habe mindestens einen Ausschlussgrund aufgewiesen. Kein Land ist nach dem zugrunde liegenden WHO-Bericht zu Jugendlichen auf Kurs, das 2018 von den Mitgliedstaaten beschlossene Ziel einer Verringerung der körperlichen Inaktivität um 15 Prozent bis 2030 zu erreichen.
Cereijo zieht aus der 15 Jahre andauernden Stagnation den Schluss, dass Förderstrategien neu gedacht werden müssten, hin zu bevölkerungsweiten Maßnahmen, die Lebensbedingungen von Jugendlichen verändern, statt auf individuelles Verhalten zu setzen. Das erfordere laut Cereijo einen Ansatz, an dem Bildung, Stadtplanung, Verkehr, Sport und Gesundheitsversorgung gemeinsam beteiligt sind, damit alle im Alltag Zugang zu nachhaltiger körperlicher Aktivität haben. Die WHO selbst sieht die Herausforderung darin, ein Umfeld zu schaffen, in dem Bewegung ein zugänglicher, sicherer und alltäglicher Bestandteil des Aufwachsens ist, statt sich darauf zu beschränken, Jugendliche zu mehr Anstrengung aufzufordern.
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