Journalistin Khalil im Libanon bei Luftangriff getötet
Amal Khalil war für die libanesische Zeitung Al-Achbar auf Reportage im Südlibanon, als israelische Streitkräfte am 22. April al-Tiri bombardierten. Khalil wurde unter Trümmern begraben. Rettungskräfte konnten stundenlang nicht zu ihr vordringen, weil israelische Angriffe den Bereich weiter unter Beschuss hielten. Als sie schließlich geborgen wurde, war sie tot. Der Angriff ereignete sich mitten in der zehntägigen Waffenruhe zwischen Israel und dem Libanon, die seit dem 17. April gilt und bis zum 27. April dauern soll.
Der Angriff und was wir wissen
Das israelische Militär erklärte, es habe zwei Fahrzeuge identifiziert, die aus einem von der Hisbollah genutzten Gebäude in al-Tiri gekommen seien und habe anschließend eines der Fahrzeuge sowie das Gebäude angegriffen. Nach libanesischen Angaben kamen dabei insgesamt mindestens vier Menschen ums Leben. Khalil und ihre Kollegin Zeinab Faraj, eine freischaffende Fotografin, hatten sich in dem Gebäude befunden.
Das Komitee zum Schutz von Journalisten (CPJ) erklärte, Rettungskräfte seien durch anhaltende israelische Luftangriffe auf den Bereich stundenlang daran gehindert worden, Khalil zu erreichen. Diese Behinderung der Rettungsmaßnahmen stelle eine schwere Verletzung des humanitären Völkerrechts dar und könne ein Kriegsverbrechen sein. Reporter ohne Grenzen (RSF) forderte eine sofortige internationale Untersuchung.
Khalil hatte seit Beginn des israelisch-libanesischen Krieges im März 2026 aus dem Südlibanon berichtet, zuletzt aus Bint Jbeil. CPJ zählt sie als die vierte Medienschaffende, die seit Kriegsbeginn im Libanon durch israelische Angriffe ums Leben kam. Hinzu kommt ein weiterer Umstand: CPJ hatte dokumentiert, dass Khalil bereits im September 2024 eine dem israelischen Militär zugeschriebene Todesdrohung erhalten hatte. Die Organisation sieht darin einen Hinweis auf mögliche gezielte Tötung.
Die Waffenruhe und ihre Lücken
Der Angriff auf al-Tiri ereignete sich innerhalb der Waffenruhe, die auf US-Vermittlung am 17. April in Kraft getreten ist. Diese Waffenruhe enthält eine grundlegende Schwachstelle: Israel hat sich das Recht vorbehalten, weiterhin gegen Hisbollah-Ziele vorzugehen, die es als militärisch notwendig erachtet. Die Hisbollah hat die Vereinbarung nie formell anerkannt.
Das Ergebnis ist eine Waffenruhe, bei der eine Seite weiterhin selektiv angreift und die andere formal nicht gebunden ist. Israelische Streitkräfte haben seit dem 17. April mehrfach Ziele im Südlibanon angegriffen. Jeder Angriff wird mit dem Argument begründet, das Ziel sei ein Hisbollah-Objekt. Ob Zivilpersonen, Journalistinnen oder humanitäre Helfer in der Nähe dieser Ziele als solche erkennbar waren, bleibt in der Regel ungeklärt.
Reaktionen in Beirut, Washington und Genf
Der libanesische Premierminister Nawaf Salam beschuldigte Israel eines Kriegsverbrechens und forderte die internationale Gemeinschaft auf, konkrete Maßnahmen zu ergreifen. Israel antwortete mit dem Argument, das anvisierte Gebäude sei von der Hisbollah genutzt worden und Zivilpersonen seien vorgewarnt worden. Zur Frage, ob die Journalistinnen zum Zeitpunkt des Angriffs als solche erkennbar waren, äußerte sich das Militär nicht.
In Washington und mehreren europäischen Hauptstädten sorgte der Vorfall für Bestürzung. Westliche Regierungen, die Waffenruhe als diplomatischen Fortschritt präsentierten, stehen nun vor der Frage, wie sie auf israelische Angriffe reagieren, die formal im Widerspruch zum Geist der Vereinbarung stehen. CNN berichtete, der US-amerikanische Außenminister habe die Berichte über den Tod der Journalistin als "sehr beunruhigend" bezeichnet und eine Untersuchung gefordert.
Was bis zum 27. April entschieden wird
Die Waffenruhe läuft am 27. April aus. Verhandlungen über eine Verlängerung oder ein dauerhaftes Abkommen laufen parallel in mehreren Städten. Ob eine Einigung gelingt, hängt unter anderem davon ab, wie Israel mit Forderungen nach strikterem Einhalten der Waffenruhe umgeht und ob die Hisbollah eine formelle Zusage gibt.
Der Tod Amal Khalils belastet diese Verhandlungen. Für die libanesische Regierung ist er ein konkretes Argument dafür, dass israelische Angriffe während der Waffenruhe unkontrolliert weitergehen. Für Israel ist er ein Beispiel für die Schwierigkeit, in einem Umfeld zu operieren, in dem militärische Infrastruktur und Zivilbevölkerung nach israelischer Lesart untrennbar vermischt seien. Diese grundsätzliche Uneinigkeit darüber, was als legitimes Ziel gilt, ist die eigentliche Ursache für die Fragilität der Waffenruhe. Ohne eine Klärung dieser Frage ist jede Einigung auf Zeit.