Frühjahrsprojektion: Wachstum 2026 nur noch 0,5 Prozent
Am Mittwoch hat Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche die Frühjahrsprojektion der Bundesregierung vorgestellt: Das Wachstum für 2026 wird auf 0,5 Prozent halbiert, gegenüber 1,0 Prozent im Januar. Die Inflation steigt auf 2,7 Prozent. Als Hauptursache benennt das Wirtschaftsministerium den Iran-Krieg. Für Unternehmen wie Verbraucher bedeutet das: 2026 wird kein Erholungsjahr.
Was die Projektion zeigt
Die Frühjahrsprojektion ist die offizielle Konjunkturprognose der Bundesregierung und erscheint zweimal jährlich. Sie dient als Planungsgrundlage für Haushalt und Wirtschaftspolitik. In der aktuellen Version hat die Regierung nicht nur das Wachstum für 2026 von 1,0 auf 0,5 Prozent gesenkt, sondern auch die Prognose für 2027 nach unten revidiert: von 1,3 auf 0,9 Prozent. Die Inflationsrate für 2026 wird nun mit 2,7 Prozent erwartet, gegenüber 2,1 Prozent in der Januarprognose.
Der Haupttreiber ist der Iran-Krieg. Die faktische Sperrung der Straße von Hormus hat die Energiepreise in die Höhe getrieben, Lieferketten unterbrochen und die Exportnachfrage in wichtigen Absatzmärkten gedämpft. Energiepreise lagen im März 2026 auf dem höchsten Stand seit über zwei Jahren. Die Internationale Energieagentur warnte zuletzt, dass Brent-Rohöl bei anhaltender Blockade auf 150 bis 200 Dollar pro Barrel steigen könnte. Aktuell notiert Brent bei rund 96 Dollar, bereits 35 Prozent über dem Niveau vor Kriegsbeginn.
Was Unternehmen melden
Die Auswirkungen auf die Wirtschaft sind in Umfragen bereits messbar. 83 Prozent der deutschen Unternehmen berichten laut DIHK von negativen Auswirkungen des Iran-Konflikts auf ihr Geschäft; in der Industrie sind es 87 Prozent. Rund 40 Prozent der Betriebe planen Investitionskürzungen in 2026, nur 21 Prozent wollen mehr investieren. Fast 30 Prozent prüfen Stellenabbau. Im Logistikbereich und im Transport gaben 88 Prozent an, ihre Planungen grundsätzlich überarbeiten zu müssen.
Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln beschreibt die aktuelle Phase als die längste Wirtschaftskrise Deutschlands seit 20 Jahren. Die Kombination aus Iran-Krieg, vorangegangener Stagnation und strukturellen Problemen wie hohen Energiekosten und Bürokratielast macht 2026 zum dritten Jahr in Folge, in dem Deutschland unter seinem wirtschaftlichen Potenzial bleibt. Die Stimmung in deutschen Unternehmen ist laut Euronews auf dem niedrigsten Stand seit 2022.
Was Forschungsinstitute sagen
Die Prognosen der Wirtschaftsforschungsinstitute streuen, sind aber einig im Trend. Das ifo-Institut rechnet in einem Deeskalationsszenario mit 0,8 Prozent Wachstum 2026; ohne den Iran-Krieg läge die Zahl modellhaft bei rund 1,2 Prozent. Die Bundesbank erwartet rund 0,6 Prozent. Das IMK der Hans-Böckler-Stiftung gibt sich mit 1,2 Prozent noch optimistischer, setzt aber voraus, dass der private Konsum trotz Preisdrucks stabil bleibt. Alle Institute benennen den Energiepreisschock als zentralen Bremsblock.
Bemerkenswert ist die Differenz zwischen den Institutsprognosen und der Regierungsprognose. Die Gemeinschaftsdiagnose führender Institute vom 1. April hatte noch 0,6 Prozent für 2026 ausgewiesen. Die Bundesregierung liegt mit ihrer aktualisierten Projektion nun sogar darunter. Das zeigt: Seit dem 1. April hat sich die Datenlage weiter verschlechtert.
Was das für Verbraucher bedeutet
Für Haushalte äußert sich der Iran-Effekt vor allem an der Zapfsäule und in der Energierechnung. Spritpreise sind seit Kriegsbeginn im Februar 2026 deutlich gestiegen. Der Koalitionsstreit um Entlastungsmaßnahmen dauert an: Wirtschaftsminister Reiche signalisierte grundsätzliche Bereitschaft zu Entlastungen, verwies aber auf die Haushaltsdisziplin. Konkrete Beschlüsse stehen noch aus.
Der Widerspruch ist strukturell. Private Haushalte und ihre Konsumausgaben sind laut Frühjahrsprojektion eine der tragenden Säulen der Erholung. Wenn die Kaufkraft durch steigende Energiepreise und Nahrungsmittelkosten schwindet, fällt genau diese Stütze weg. Die Inflation von 2,7 Prozent trifft dabei einkommensschwächere Haushalte überproportional, weil sie einen höheren Anteil ihres Budgets für Energie und Lebensmittel ausgeben.
Wann sich das ändert
Die Bundesregierung stützt ihren Ausblick auf drei Faktoren: Infrastrukturinvestitionen und Verteidigungsausgaben aus dem Sondervermögen, privaten Konsum und steuerliche Impulse. Für 2027 erwartet sie eine Erholung auf 0,9 Prozent, unter der Bedingung, dass der Iran-Konflikt sich nicht weiter verschärft.
Die nächste Überprüfung erfolgt im Herbst 2026. Bis dahin gilt: Die deutsche Wirtschaft wächst, aber auf einem Niveau, das für die meisten Bürger nicht spürbar ist. Ob 2027 tatsächlich besser wird, entscheidet sich nicht in Berlin, sondern im Persischen Golf und in den Verhandlungen zwischen Washington und Teheran, die noch nicht begonnen haben.