Amazons KI-Doppelwette: Anthropic und OpenAI
Amazon investiert bis zu 25 Milliarden Dollar in Anthropic, den Entwickler des Claude-Modells und hält gleichzeitig eine 50-Milliarden-Beteiligung an OpenAI. Zusammen summieren sich Amazons direkte KI-Investitionen auf bis zu 83 Milliarden Dollar. Die eigentliche Wette lautet nicht auf ein bestimmtes Modell, sondern auf die Infrastruktur: Amazon Web Services soll zur unverzichtbaren Plattform beider führenden KI-Labore werden.
Das Investitionspaket
Die neue Investition in Anthropic besteht aus zwei Tranchen. Sofort fließen fünf Milliarden Dollar zu Anthropics aktueller Bewertung von 380 Milliarden Dollar. Weitere 20 Milliarden sind an kommerzielle Meilensteine geknüpft, die Anthropic in den nächsten Jahren erreichen muss. Diese Bedingung ist entscheidend: Amazon zahlt die zweite Tranche nur, wenn Anthropics Geschäft tatsächlich skaliert.
Als Gegenleistung hat sich Anthropic verpflichtet, über zehn Jahre mehr als 100 Milliarden Dollar für Amazon Web Services auszugeben. Dafür erhält Anthropic Zugang zu bis zu fünf Gigawatt Rechenleistung auf Amazons Trainium-Chips. Knapp ein Gigawatt Kapazität für die Trainium-Chips der zweiten und dritten Generation soll bereits bis Ende 2026 online gehen.
Das ist nicht Amazons erste Investition in Anthropic. Der Konzern hatte bereits acht Milliarden Dollar in das Unternehmen investiert, bevor dieser neue Vertrag zustande kam. Zusammen liegt Amazons Gesamtbeteiligung an Anthropic bei bis zu 33 Milliarden Dollar. Im Februar 2026 schloss Amazon zusätzlich eine Investition von bis zu 50 Milliarden Dollar in OpenAI ab, als Teil einer Finanzierungsrunde, die OpenAI auf 730 Milliarden Dollar Bewertung hob. Amazons direkte KI-Investitionen summieren sich damit auf bis zu 83 Milliarden Dollar.
Die Strategie: Infrastruktur vor Modellwette
Amazons Vorgehen unterscheidet sich grundlegend von dem seiner Wettbewerber. Während Microsoft exklusiv auf OpenAI setzt und Google mit Gemini eigene Modelle entwickelt, finanziert Amazon beide führenden externen KI-Labore gleichzeitig und verpflichtet beide zur Nutzung von AWS als primärer Infrastruktur. Anthropic zahlt 100 Milliarden Dollar für AWS-Dienste, OpenAI erweitert seinerseits seinen bestehenden Vertrag mit Amazon um weitere 100 Milliarden über acht Jahre.
Das Ergebnis ist eine Architektur, bei der AWS zur neutralen Plattform für konkurrierende KI-Systeme wird. Amazons Einnahmen aus dem KI-Boom hängen damit kaum noch davon ab, welches Modell in fünf Jahren dominant ist. Anthropic-Chef Dario Amodei bezeichnete die Partnerschaft als entscheidend dafür, Anthropics Modelle in einem Tempo zu skalieren, das ohne externe Rechenleistung nicht erreichbar wäre.
Für Unternehmenskunden hat der Deal unmittelbare Folgen. Bislang mussten Firmen, die Claude nutzen wollten, gesonderte Verträge mit Anthropic abschließen. Durch die neue AWS-Integration können Kunden direkt über ihr bestehendes AWS-Konto auf Anthropics Modelle zugreifen, inklusive der gewohnten Zahlungsabwicklung und Compliancefunktionen des Konzerns. Das senkt die Einstiegshürde erheblich und dürfte Anthropics Kundenbasis vergrößern.
Die Bewertungsfrage
Die Summen werfen Fragen auf. Anthropic ist mit 380 Milliarden Dollar bewertet, operiert aber noch nicht profitabel. OpenAI liegt nach der jüngsten Runde bei 730 Milliarden Dollar, ebenfalls ohne nachgewiesene Profitabilität im großen Maßstab. Zusammen kommen die beiden Startups auf mehr als eine Billion Dollar Bewertung, getragen von der Erwartung, dass KI die Kosten dieser Finanzierungsrunden irgendwann rechtfertigt.
Für Amazon stellt sich die Rechnung anders dar. Die Investition in Anthropic ist durch die vertraglich gesicherten 100 Milliarden Dollar AWS-Ausgaben teilweise abgesichert. Das Geld fließt nicht als reines Risikokapital, sondern sichert zehn Jahre Umsatz. Ob Anthropics Bewertung von 380 Milliarden Dollar gerechtfertigt ist, spielt für Amazon weniger eine Rolle als die Frage, ob Anthropic seinen Cloudvertrag einhält.
AWS litt seit Jahren unter dem Imageproblem, im KI-Bereich hinter Azure zurückzuliegen. Microsoft hatte OpenAI früh als Vorzeigepartner gebunden und nutzt das als Marketingargument für seine Cloud-Dienste. Mit den neuen Verträgen kann Amazon nun seinen Unternehmenskunden anbieten, alle führenden KI-Modelle über eine einzige Plattform abzurufen.
Ausblick
Das KI-Finanzierungsrennen verdichtet sich zu einem Wettkampf zwischen drei Cloudanbietern um die Infrastrukturrolle. Microsoft bindet OpenAI über Azure, Google entwickelt mit DeepMind und Gemini eigene Modelle und bindet sie an Google Cloud, Amazon sichert sich durch Investitionen die AWS-Bindung der externen Labore. Für Unternehmenskunden bedeutet das: Wer KI nutzen will, wird es zunehmend über bestehende Cloudvertragsbeziehungen tun, nicht über unabhängige Anbieter.
Der nächste Kontrollpunkt kommt, wenn die an Meilensteine geknüpften 20 Milliarden Dollar aus dem Anthropic-Vertrag ausgelöst werden sollen. Welche Meilensteine Amazon und Anthropic vereinbart haben, haben beide Unternehmen nicht öffentlich gemacht. Analysten erwarten in den kommenden Monaten eine Aufschlüsselung, wenn Anthropic seinen ersten offiziellen Jahresumsatz vorlegt.