Streik zum Geburtstag: UFO legt Lufthansa an ihrem 100. Jubiläum lahm
Die Kabinengewerkschaft UFO hat das Kabinenpersonal der Deutschen Lufthansa AG und Lufthansa CityLine für Mittwoch und Donnerstag in den Ausstand gerufen. Der Termin ist kein Zufall: Am Mittwoch, dem 15. April 2026, feiert Lufthansa genau hundert Jahre Linienflugbetrieb, mit Bundeskanzler Friedrich Merz als Ehrengast im Hangar One am Frankfurter Flughafen. UFO hat für denselben Tag eine Demonstration direkt neben dem Jubiläumsgelände angekündigt. Über 1.800 Flugbewegungen an beiden Tagen fallen aus.
Was UFO fordert und warum
UFO vertritt rund 19.000 Flugbegleiterinnen und Flugbegleiter bei Lufthansa und CityLine. Im Kern des Tarifstreits steht ein neuer Manteltarifvertrag, der Arbeitszeiten, Ruhezeiten und soziale Absicherung grundlegend neu regeln soll. Der bestehende Vertrag stammt aus einer Zeit, als Lufthansa deutlich mehr Personal beschäftigte und die Belastung gleichmäßiger verteilt war. Für die rund 800 Beschäftigten der Lufthansa CityLine fordert die Gewerkschaft zusätzlich einen eigenen Sozialtarifvertrag. Lufthansa hat bislang kein Angebot vorgelegt, das UFO als ernsthafte Verhandlungsgrundlage akzeptiert.
Das strukturelle Problem dahinter: Nach den massiven Entlassungen in der Coronakrise ist die Belegschaft bis heute dünn besetzt, während das Flugaufkommen längst wieder auf Vorkrisenniveau liegt. Wer geblieben ist, arbeitet unter wachsendem Druck. Dienstpläne werden nach Aussagen der Gewerkschaft regelmäßig kurzfristig geändert, verbindliche Vorankündigungsfristen fehlen. UFO fordert verlässlichere Einsatzplanung als vertragliche Grundlage, nicht als Goodwill des Konzerns.
Fünfte Welle, zwei Gewerkschaften
Die Streikankündigung für Mittwoch und Donnerstag ist nach Einschätzung von Branchenbeobachtern bereits die fünfte Streikwelle bei Lufthansa in diesem Frühjahr. Nach dem UFO-Kabinenstreik an Gründonnerstag und dem Pilotenstreik der Vereinigung Cockpit an Ostermontag und Dienstag eskaliert der Arbeitskampf weiter. Beide Gewerkschaften agieren unabhängig voneinander, treffen Lufthansa aber zeitlich überlappend in der umsatzstärksten Reisephase des Jahres.
Für die beiden Streiktage wurden über 1.100 Flugbewegungen allein am Frankfurter Flughafen gestrichen, 710 weitere in München. Betroffen sind alle Abflüge der Deutschen Lufthansa AG von Frankfurt und München sowie zahlreiche weitere deutsche Abflughäfen für Lufthansa CityLine. Die Vereinigung Cockpit hatte in ihrer Urabstimmung 94 Prozent Zustimmung erzielt; bei UFO liegen vergleichbare Zahlen aus der Mobilisierung vor. Solche Werte signalisieren, dass die Bereitschaft zum Arbeitskampf in der Belegschaft tief verwurzelt und nicht mit schnellen Zugeständnissen zu überbrücken ist.
Was Reisende wissen müssen
Passagiere mit gestrichenen Flügen am 15. oder 16. April haben Anspruch auf kostenlose Umbuchung auf den nächstmöglichen Flug oder vollständige Ticketerstattung. Schadensersatzansprüche nach der EU-Fluggastrechteverordnung 261/2004 entfallen bei Streiks als außergewöhnlichem Umstand, solange Lufthansa angemessene Umbuchungsoptionen anbietet. Reisende sollten frühzeitig über die Lufthansa-App oder die Servicenummer aktiv werden und nicht auf eine Spontanlösung am Flughafen warten. Für Flüge in den Nahen Osten gilt: Wie schon beim Pilotenstreik sind diese Verbindungen voraussichtlich ausgenommen, da beide Gewerkschaften die geopolitische Lage berücksichtigt hatten.
Jubiläum mit Symbolgehalt
Am 6. April 2026 hatte Lufthansa in Berlin den 100. Jahrestag ihrer historischen Erstflüge auf den Strecken Berlin-Zürich und Berlin-Köln gefeiert, mit einer Böing 787-9 in Jubiläumslackierung und mehr als 600 Gästen aus Politik und Branche. Die eigentliche Abschlussfeier des Jubiläumsjahres folgt am 15. April in Frankfurt, mit Bundeskanzler Merz und der gesamten Lufthansa-Führung. Das Datum, an dem Lufthansa als modernes Unternehmen im Mittelpunkt stehen sollte, ist nun untrennbar mit Streikaufrufen und offenem Tarifkonflikt verbunden.
Für UFO ist das Timing politisch kalkuliert: Streiken, wenn die Konzernspitze vor Kameras und Ehrengästen steht, erzeugt eine Aufmerksamkeit, die in normalen Wochen ausbleibt. Die Gewerkschaft nutzt den Symbolmoment als Druckmittel und plant, mit Fahrzeugen direkt an der Jubiläumsparade teilzunehmen.
Konkrete Verhandlungstermine zwischen UFO und Lufthansa sind für die nächsten Tage nicht bekannt. Die Gewerkschaft hat signalisiert, weitere Aktionen seien nicht ausgeschlossen, falls Lufthansa kein tragfähiges Angebot vorlegt. Lufthansa steht damit vor dem dichtesten Arbeitskampfkalender seit Jahren, ohne erkennbare Perspektive auf eine baldige Einigung in beiden offenen Tarifkonflikten. Für die rund 19.000 Flugbegleiter, die in diesem Frühjahr gleich mehrfach die Arbeit niedergelegt haben, ist die Botschaft eindeutig: Sie sind bereit, den Druck so lange aufrechtzuerhalten, bis Lufthansa ans Verhandeln geht.