USA beschlagnahmen Irans Frachter auf hoher See
Der US-Zerstörer USS Spruance hat am Sonntag im Golf von Oman das iranische Frachtschiff Touska aufgebracht und unter US-amerikanische Kontrolle gestellt. Das rund 274 Meter lange Schiff steht auf der Sanktionsliste des US-Finanzministeriums (OFAC). Es ignorierte Warnungen, woraufhin US-Marines an Bord gingen. Für den Konflikt um die Straße von Hormus bedeutet das eine neue Qualität: Die USA blockieren nicht mehr nur Häfen, sondern greifen auf offenem Meer zu. Der Iran droht mit Vergeltung, die Waffenruhe läuft am Montag aus.
Was am Sonntag im Golf von Oman geschah
Das Frachtschiff Touska befand sich am Sonntag (20. April) im Golf von Oman, jenseits der Straße von Hormus. Das US-Finanzministerium hatte das Schiff wegen früherer Lieferungen verbotener Güter an Iran mit OFAC-Sanktionen belegt. Die USS Spruance gab Warnungen aus, die Besatzung ignorierte sie. US-Marines übernahmen die Kontrolle über das Schiff.
Das ist eine andere Ausgangslage als bisherige Vorfälle. Die Straße von Hormus und die iranischen Häfen Bandar Abbas und Bandar Imam Khomeini waren seit Wochen der Fokus des US-Seedrucks. Der Golf von Oman liegt vor der Einfahrt zur Meerenge und gilt als internationale Gewässer. Die Touska wurde nicht in Hafennähe gestoppt, sondern auf offenem Meer.
Die neue Logik der Blockade
Die USA haben damit den Rahmen ihrer Blockadestrategie erheblich erweitert. Bisher galt: Die US-Marine verhindert, dass Schiffe die Straße von Hormus verlassen oder passieren. Jetzt gilt offenbar: Jedes iranische Schiff, das unter aktiven OFAC-Sanktionen steht, kann weltweit gestoppt und beschlagnahmt werden.
Das hat direkte Konsequenzen für Teile der sogenannten iranischen Schattenflotte: Schiffe unter Drittstaatsflaggen, die für Iran Öl transportieren. Viele davon stehen auf Sanktionslisten, operierten bisher aber unbehelligt auf den Weltmeeren, weil die USA den Aufwand einer globalen Durchsetzung scheuten. Mit der Touska-Beschlagnahme könnte sich das geändert haben.
Iran bezeichnete die Aktion umgehend als maritime Piraterie und als Verstoß gegen das laufende Waffenstillstandsabkommen. Das Außenministerium in Teheran kündigte an, den Fall an den UN-Sicherheitsrat zu bringen. Militärische Sprecher der Revolutionsgarden drohten mit einem unmittelbaren Vergeltungsschlag, ohne Details zu nennen. Das Weiße Haus antwortete knapp: Die USA setzten alle geltenden Sanktionen durch.
Timing: Einen Tag vor Ablauf der Waffenruhe
Die Beschlagnahme kommt zu einem ungünstigen Zeitpunkt für die Diplomatie. Die Waffenruhe zwischen Washington und Teheran, nach der zweiten Verhandlungsrunde in Islamabad vereinbart, läuft am Montag (21. April) aus. Ob sie verlängert wird, war schon vor dem Sonntag unklar: Washington fordert ein 20-jähriges Moratorium auf Urananreicherung, Teheran bietet maximal fünf Jahre.
Irans Vizeaußenminister hatte nach der erneuten Sperrung der Straße von Hormus am 18. April erklärt, ohne ein Ende der US-Seeblockade werde Teheran keine neuen Verhandlungen führen. Die Beschlagnahme der Touska dürfte diese Position verhärten.
Was die nächsten 24 Stunden entscheidet
Drei Szenarien halten Analysten für wahrscheinlich: Iran schließt die Straße von Hormus erneut, diesmal ohne die kurze Öffnung vom 17. April als Signal. Oder die Revolutionsgarden greifen USS Spruance oder andere US-Schiffe im Golf von Oman an. Am plausibelsten erscheint ein drittes: Die Waffenruhe läuft aus, ohne dass eine Verlängerung vereinbart wird.
Selbst wenn Iran militärisch nicht reagiert, hat die Touska-Beschlagnahme den diplomatischen Spielraum beider Seiten erheblich verengt. Für Teheran wäre es innenpolitisch kaum vermittelbar, einer Waffenstillstandsverlängerung zuzustimmen, während die USA gleichzeitig iranische Schiffe auf offener See aufbringen. Die Verhandlungen in Islamabad werden morgen zeigen, ob in dieser Lage noch Raum für Diplomatie ist.
Was auf die Schattenflotte zukommt
Die praktische Reichweite der Touska-Beschlagnahme geht über das einzelne Schiff hinaus. Das US-Finanzministerium listet derzeit mehrere Hundert Schiffe, die unter OFAC-Sanktionen stehen oder mit Iran in Verbindung gebracht werden. Viele davon operieren unter den Flaggen von Ländern wie Panama, Togo, Cookinseln oder Palau, die als sogenannte open registries für günstige Flaggengebühren bekannt sind. Sie transportieren Öl und andere Güter im Auftrag Irans und unterlaufen damit den Effekt der westlichen Sanktionen.
Bisher galt für diese Schiffe eine Art inoffizielle Toleranz auf dem offenen Meer: Die US-Marine konzentrierte sich auf die Straße von Hormus und ließ die Schattenflotte weitgehend unbehelligt. Die Touska-Beschlagnahme im Golf von Oman könnte das beenden. Ob die USA das durchhalten können und wollen, hängt davon ab, wie andere Staaten reagieren. China ist der Hauptabnehmer von iranischem Öl, das die Schattenflotte transportiert. Peking dürfte die globale Ausweitung der US-Blockade als direkte Einschränkung seiner Energieversorgung betrachten.
Aktualisierungen
Update 20. April, 14:55 Uhr: Noch am Montag (20. April), weniger als zwölf Stunden nach der Touska-Beschlagnahme, sagte der Iran die geplante zweite Verhandlungsrunde in Islamabad ab. Außenministeriumssprecher Ismail Baghai erklärte, Teheran habe noch keine Entscheidung über weitere Gespräche getroffen und bezeichnete die Beschlagnahme als Verletzung der Waffenruhe. Trumps Delegation reiste dennoch nach Pakistan. Die Waffenruhe zwischen Washington und Teheran, am 8. April für zwei Wochen vereinbart, läuft planmäßig am Mittwoch (22. April) aus. Das Bundesverteidigungsministerium gab bekannt, die Deutsche Marine bereite einen möglichen Einsatz in der Straße von Hormus vor.
Update 20. April, 17:03 Uhr: Während Iran jede weitere Verhandlungsrunde ablehnt, hat US-Präsident Trump am Montagnachmittag klargestellt, eine Verlängerung der Waffenruhe über den 22. April hinaus sei "hochunwahrscheinlich". Die Feuerpause läuft nach Trumps Angaben am Mittwochabend Washingtoner Zeit aus, womit für eine Einigung weniger als 48 Stunden bleiben. Brent-Rohöl stieg am Montag auf 95,16 USD pro Barrel, ein Plus von 5,3 Prozent gegenüber dem Vortag.