Wal Timmy befreit sich, steckt wieder fest
Der Buckelwal, den Helfer auf den Namen Timmy getauft haben, hat sich am Sonntagmorgen bei steigendem Wasserstand überraschend von seiner Sandbank vor der Insel Pöl losgeschwommen. Die Freude währte kurz: Wenige Stunden später steckte er in der flachen Kirchsee fest, wo die Wassertiefe stellenweise nur 40 Zentimeter beträgt. Experten sehen im wiederholten Stranden ein schlechtes Zeichen. Helfer und Behörden planen nun, den Wal mit DLRG-Booten in Richtung Nordsee zu leiten.
Wie Timmy in die Ostsee geriet
Buckelwale sind Bewohner des Atlantiks und der Großen Ozeane. In der Ostsee haben sie nichts verloren, im Wortsinn: Das flache, salzarme Wasser bietet weder ausreichend Nahrung noch genug Tiefe für ein ausgewachsenes Exemplar. Wie Timmy in die Ostsee gelangte, ist unklar. Wahrscheinlich ist, dass er durch die Nordsee schwamm, durch den Großen Belt und den Öresund in die Ostsee geriet und sich dort verirrt hat.
Der Wal wurde vor rund zwei Wochen erstmals gemeldet. Seitdem versuchen Freiwillige, Meeresbiologen und Behördenvertreter aus Mecklenburg-Vorpommern, ihn wieder Richtung Norden zu leiten. Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus koordiniert die Rettungsbemühungen und plant, Timmy mit einem Peilsender auszustatten, um seine Bewegungen verfolgen zu können.
Was wiederholtes Stranden bedeutet
Biologisch ist das heutige Szenario ein Warnsignal. Gesunde Wale stranden nicht. Wenn ein Wal sich von einer Sandbank befreit und innerhalb weniger Stunden erneut feststeckt, deutet das auf eine ernsthafte Beeinträchtigung hin: Desorientierung, Erschöpfung, ein gestörtes Navigationssystem oder innere Verletzungen. In der Vergangenheit überlebten mehrfach gestrandete Wale solche Situationen selten.
Walter Gunz, Mitgründer von MediaMarkt und Initiator der Rettungsaktion, zeigte sich am Sonntag ernüchtert: Die Hoffnung nach der Selbstbefreiung am Morgen sei groß gewesen, die erneute Strandung ein schwerer Rückschlag. Gunz finanziert Teile der aufwendigen Bergungsmaßnahmen privat.
Plan B: 1.500 Kilometer mit DLRG-Booten
Der ursprüngliche Plan, Timmy mit steigendem Wasserstand in tiefere Gewässer zu leiten, ist mit der erneuten Strandung gescheitert. Plan B sieht vor, den Wal mit einer Flotte von DLRG-Booten durch die Ostsee in Richtung Nordsee zu treiben. Der Weg von der deutschen Ostseeküste bis in den Atlantik beträgt über 1.500 Kilometer, durch die flachen Gewässer von Fehmarnbelt und Großem Belt.
Dieser Plan ist logistisch und biologisch anspruchsvoll. Wale können solche Distanzen schwimmen, aber unter normalen Umständen, mit Nahrung und ohne die Erschöpfung durch mehrfaches Stranden. Ob Timmy in seiner aktuellen Verfassung die Kraft für diese Strecke aufbringen kann, hält ein Teil der beteiligten Experten für unwahrscheinlich. Greenpeace hat zusätzliche Beobachtungsboote angekündigt.
Was heute Nacht entscheidet
Die Helfer wollen am Sonntagnachmittag und Montag versuchen, den Wal bei steigendem Wasserstand aus der Kirchsee herauszubewegen und in tiefere Gewässer zu leiten. Die kritische Phase ist die Nacht: Wenn Timmy erneut festsitzt und der Wasserstand sinkt, wird sich die Lage weiter verschlechtern. Eine Entscheidung, den Wal einzuschläfern, will keine der beteiligten Behörden derzeit treffen, steht aber als letzte Option im Raum.
Was die Wissenschaft über solche Rettungen weiß
Meeresbiologen sind über die Erfolgsaussichten von Walrettungsaktionen gespalten. Auf der einen Seite gibt es dokumentierte Fälle, in denen gestrandete Wale nach Interventionen überlebt haben. Auf der anderen Seite zeigt die Forschung, dass Wale, die mehrfach stranden, fast immer ernsthaft krank sind. Sie stranden nicht aus Verwirrung allein, sondern weil ihr Körper nicht mehr in der Lage ist, die normale Navigation aufrechtzuerhalten.
Für Buckelwale in der Ostsee kommt ein weiteres Problem hinzu: Das Wasser ist zu salzarm und zu nährstoffarm. Buckelwale benötigen täglich hunderte Kilogramm Fisch und Krill. In der Ostsee gibt es weder das eine noch das andere in ausreichender Menge. Selbst wenn es gelingt, Timmy in die Nordsee zu leiten, stellt sich die Frage, ob er nach wochenlangem Hunger und wiederholten Strandungen noch die Kraft hat, den langen Weg in seinen atlantischen Lebensraum zu schaffen.
Greenpeace und andere Naturschutzorganisationen haben in solchen Situationen wiederholt darauf hingewiesen, dass das Leiden des Tiers bei schlechten Erfolgsaussichten gegen den Rettungsversuch abgewogen werden muss. Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Backhaus hat bisher betont, man werde alle Möglichkeiten ausschöpfen, bevor eine Entscheidung über ein Einschläfern getroffen werde.