Deutschland startet Milliarden-Wettbewerb für Quantencomputer
Am 14. April 2026, dem World Quantum Day, hat Deutschland offiziell den Startschuss für einen technologischen Großversuch gegeben: Bundesforschungsministerin Dorothee Bär veröffentlichte die Förderrichtlinien der Quantum Computing Competition, eines wettbewerbsbasierten Programms, das Unternehmen und Konsortien bis zu 55 Millionen Euro bietet, wenn sie fehlerkorrigierte Quantencomputer auf europäischem Niveau bauen. Das Ziel lautet: Bis 2030 sollen mindestens zwei solche Systeme in Deutschland stehen.
Warum fehlerkorrigiert der entscheidende Begriff ist
Heutige Quantencomputer gelten als laut: Ihre Qubits, die Quantenentsprechung klassischer Bits, sind so empfindlich, dass kleinste Störungen zu Fehlern in Berechnungen führen. Bisherige Systeme können dadurch nur kurze Aufgaben zuverlässig lösen, bevor Fehler sich aufschaukeln und das Ergebnis verfälschen. Fehlerkorrektur bedeutet: Mehrere physische Qubits werden zu einem robusten logischen Qubit zusammengefasst, das Fehler selbst erkennt und behebt.
Das ist nicht nur eine technische Verfeinerung, sondern die Voraussetzung dafür, dass Quantencomputer überhaupt wirtschaftlich nutzbar werden. Pharmakonzerne, die neue Moleküle simulieren, Logistikunternehmen, die Routenoptimierung betreiben, und Banken, die Risikoportfolios berechnen, benötigen Systeme, die Stunden lang stabil rechnen können. Das schaffen aktuelle Prototypen nicht.
Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) hat die Förderung deshalb bewusst als Hardwarewettbewerb konzipiert: Nicht Grundlagenforschung, sondern der Aufbau von Pilotlinien mit realen Systemen soll gefördert werden. Drei Technologieplattformen sind zugelassen: Supraleiter, neutrale Atome und Ionenfallen. Das sind die Ansätze, für die die wissenschaftliche Gemeinschaft die größten Fortschritte in den kommenden Jahren erwartet.
Was in Hamburg und Jülich bereits funktioniert
Parallel zur Bekanntmachung der Förderrichtlinien präsentierte QUDORA Technologies am 14. April im Hamburger DESY Innovation Village den 50-Qubit-Quantencomputer XAPHIRO, der im Rahmen der DLR Quantum Computing Initiative entwickelt wurde. QUDORA ist ein Spin-off der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt, der TU Braunschweig und der Leibniz Universität Hannover. XAPHIRO nutzt Ionenfallentechnologie, bei der einzelne Atome mit Laserlicht in Position gehalten und als Qubits genutzt werden.
Noch bemerkenswerter ist, was im November 2025 am Forschungszentrum Jülich gelungen ist: Der europäische Exascale-Supercomputer JUPITER, der erst im Herbst 2025 eingeweiht wurde, hat erstmals einen universellen 50-Qubit-Quantencomputer vollständig auf klassischer Hardware simuliert. Dafür war ein Arbeitsspeicher von zwei Millionen Gigabyte nötig, entsprechend etwa zwei Millionen handelsüblichen Laptops. Die Simulation übertraf den bisherigen Weltrekord von 48 Qubits, den ebenfalls Jülicher Forscher 2019 aufgestellt hatten.
Was paradox klingt, hat praktischen Wert: Wer Quantenalgorithmen auf einem klassischen Supercomputer vollständig simulieren kann, kann damit neue Quantenprogramme entwickeln und testen, bevor die echte Hardware existiert. Die Jülicher Emulationsumgebung JUQCS-50 soll externen Institutionen und Unternehmen zur Verfügung gestellt werden.
Strategische Souveränität als Argument
Bär bezeichnete die Quantum Computing Competition als Schritt zur strategischen Souveränität Deutschlands in der Schlüsseltechnologie. Die USA und China investieren seit Jahren massiv in Quantencomputer: IBM betreibt bereits Systeme mit über 1.000 Qubits, Google, Microsoft und mehrere chinesische Staatsunternehmen sind in demselben Wettbewerb. Europa ist bei skalierbaren Systemen bislang nicht auf dem Stand der Spitzengruppe.
Die Förderrichtlinie sieht vor, dass jedes Konsortium auf etwa fünf Partner begrenzt bleibt, um Entscheidungsfähigkeit zu gewährleisten. Das unterscheidet die Competition von früheren Großprojekten, in denen weitverzweigte Konsortien oft mehr mit internen Abstimmungen als mit Forschung beschäftigt waren. Pro Konsortium sind zwischen 20 und 55 Millionen Euro vorgesehen, wobei der genaue Betrag vom Umfang der geplanten Infrastruktur abhängt.
Ausblick: Was bis 2030 passieren soll
Die Bewerbungsphase läuft bis zum 11. Mai 2026. Auswahlentscheidungen sind für das zweite und dritte Quartal 2026 geplant. Projektstart ist für das erste Quartal 2027 vorgesehen, erste Meilensteine für fehlerkorrigierte Systeme sind für 2029 bis 2030 gesetzt.
Ob dieser Zeitplan realistisch ist, hängt von offenen technischen Fragen ab, die selbst führende Labore noch nicht abschließend beantwortet haben. Fehlerkorrektur auf Systemen mit ausreichend vielen logischen Qubits erfordert eine Fehlerschwelle, die aktuelle Hardware kaum unterschreitet. Entscheidend wird sein, ob die geförderten Konsortien grundlegende Materialprobleme lösen, nicht nur Systeme zusammenbauen, die besser klingende Qubitwerte ausweisen. Der Unterschied liegt, wie so oft, zwischen dem, was in Pressemitteilungen steht, und dem, was in der Praxis berechnet werden kann.