Kein Puffer mehr: Mehr als die Hälfte der Geringverdiener hat keine Rücklagen, SCHUFA warnt vor Zahlungsausfällen
Wenn der Ölpreis steigt, zahlen alle mehr. Aber nicht alle können das abfedern. Mehr als die Hälfte der deutschen Haushalte mit einem monatlichen Nettöinkommen unter 2.000 Euro hat laut aktuellen SCHUFA-Daten keine finanziellen Rücklagen mehr, die einen weiteren Preisanstieg auffangen könnten. In der mittleren Einkommensgruppe zwischen 2.000 und 4.000 Euro netto gilt das für rund ein Drittel.
Was die Zahlen bedeuten
Rund 103 Euro kostet ein Barrel Rohöl derzeit auf dem Weltmarkt, etwa 49 Prozent mehr als vor Beginn der Iran-Krise Anfang März. Super E10 kostet an deutschen Zapfsäulen durchschnittlich 2,20 Euro pro Liter. Das ist der Preis an der Kasse. Was er für Haushalte ohne Rücklagen bedeutet, ist eine andere Rechnung.
Wer keine Rücklagen hat, kann gestiegene Tankkosten nicht aus Ersparnissen ausgleichen. Er kürzt stattdessen woanders: bei Lebensmitteln, bei der Heizung, oder er nimmt Kleinkredite auf. Die SCHUFA registrierte 2025 rund 650.000 Menschen mit neu gemeldeten Zahlungsstörungen, ein Anstieg von zwölf Prozent gegenüber dem Vorjahr und mehr als 25 Prozent über dem Vorkrisenniveau. SCHUFA-Chefin Tanja Birkholz warnte öffentlich vor systemischen Risiken für die Kreditwürdigkeit großer Bevölkerungsgruppen.
Was die Entlastung leistet und für wen
Der Bundestag hat am 13. April ein Entlastungspaket über 1,6 Milliarden Euro verabschiedet: Die Mineralölsteuer sinkt für zwei Monate um 17 Cent pro Liter, Arbeitgeber dürfen bis zu 1.000 Euro Prämie steuerfrei zahlen. Das ist dieselbe Konstruktion wie beim Tankrabatt 2022, der damals gemischte Ergebnisse brachte: Die Mineralölkonzerne gaben die Senkung nicht vollständig an die Verbraucher weiter.
Das Kartellamt hat diesmal angekündigt, die Weitergabe der Steuersenkung an den Zapfsäulen zu überwachen. Das ist wichtig, löst aber das eigentliche Problem nicht. Die 17-Cent-Entlastung hilft demjenigen am meisten, der am meisten fährt und sich das Tanken leisten kann. Für einen Haushalt mit kleinem Einkommen, der ohnehin kaum noch tankt, weil er das Auto stehen lässt, ist sie wirkungslos. Und für Haushalte ohne Auto, die die gestiegenen Energiepreise über die Stromrechnung und die Fernwärme spüren, hilft sie gar nicht.
Verbraucherschutzverbände und Wohlfahrtsverbände fordern strukturellere Maßnahmen: eine Erhöhung der Pendlerpauschale, eine Anpassung der Regelsätze für Grundsicherungsempfänger oder einen Energiebonus für Geringverdiener. All das steht derzeit nicht auf der Agenda. Die Koalition aus Union und SPD einigte sich auf das Paket, das politisch schnell durchzusetzen war, nicht auf das, das die Verwundbarsten schützt.
Gasreserven als zweites Risiko
Der Tankkostenaspekt ist sichtbar und unmittelbar. Weniger sichtbar, aber strukturell ebenso relevant: Die deutschen Gasreserven stehen Mitte April bei rund 23 Prozent Füllstand, historisch niedrig für diese Jahreszeit. Die Heizperiode ist formal vorbei, aber der Spielraum für eine problemlose Befüllung bis zum Herbst ist gering. Wenn die Iran-Krise den Gaspreis weiter treibt oder die Auffüllung der Speicher teurer wird als erwartet, könnten die Energierechnungen im Herbst erneut steigen.
Für Haushalte ohne Rücklagen gibt es keine zweite Chance. Wer seine Ersparnisse bereits aufgebraucht hat, um die Kostensteigerungen der vergangenen Monate zu überbrücken, hat beim nächsten Anstieg keine Reserven mehr. Die SCHUFA-Daten dokumentieren diesen Prozess bereits, Quartal für Quartal.
Was die Politik nicht sagt
Die politische Debatte dreht sich fast ausschließlich um den Spritpreis und die Frage, ob 17 Cent ausreichen oder nicht. Das ist eine Stellvertreterdebatte. Die eigentliche Frage lautet: Warum haben so viele Haushalte in einer wohlhabenden Volkswirtschaft keine finanziellen Reserven mehr? Die Antwort ist eine Dekade stagnierender Reallöhne in der unteren Einkommenshälfte, gestiegene Wohn- und Energiekosten und eine Sozialpolitik, die Rücklagen für diese Gruppen strukturell schwierig macht.
Der Ölpreisanstieg hat dieses Problem nicht geschaffen. Er hat es sichtbar gemacht. Die 650.000 neu gemeldeten Zahlungsstörungen aus dem Jahr 2025 entstanden nicht erst nach Beginn der Iran-Krise. Sie sind das Ergebnis eines länger wirkenden Drucks. Was jetzt hinzukommt, ist ein weiterer Schlag gegen Haushalte, die bereits keinen Puffer mehr haben.