Waffenruhe in Kraft: Russland zieht nicht mit
Seit Mitternacht des 6. Mai gilt die einseitige ukrainische Waffenruhe. Die erste Nacht brachte messbar weniger Angriffe: Russland feuerte 108 Drohnen und 3 Raketen, verglichen mit 164 Drohnen und 11 Raketen in der Nacht davor. Doch Moskau hat die Feuerpause weder anerkannt noch kommentiert. Und die 22 Toten, die Russland am 5. Mai hinterließ, kurz bevor die Uhr auf Mitternacht stand, zeigen, welcher Widerspruch im Kern dieser Situation steckt.
Erste Nacht: weniger Feuer, kein russisches Signal
Das ukrainische Militär registrierte in der Nacht zum 6. Mai 3 russische Raketen und 108 Drohnen. Verglichen mit der Nacht davor, in der 11 ballistische Raketen und 164 Drohnen abgefeuert wurden, ist das ein klarer Rückgang. Das Schweizer Radio und Fernsehen bezeichnete die Lage als "erste Entspannung". Das russische Verteidigungsministerium meldete seinerseits nur 53 abgefangene ukrainische Drohnen über russischem Territorium, ebenfalls weniger als in den Tagen zuvor.
Ob Moskau damit die Waffenruhe stillschweigend respektiert oder ob operative Zyklen die Erklärung sind, bleibt offen. Russland hatte am 5. Mai bereits einen der schwersten Angriffstage seit Wochen absolviert. Eine offizielle Anerkennung der ukrainischen Feuerpause blieb bis Dienstagmittag aus.
22 Tote, Stunden bevor die Uhr auf Mitternacht sprang
Am 5. Mai tötete Russland mindestens 22 Menschen in der Ukraine und verletzte über 80 weitere. Es war einer der tödlichsten Einzeltage seit Wochen. In der Oblast Poltawa griffen Raketen die Gasförderanlagen des staatlichen Energiekonzerns Naftogaz an: 4 Menschen starben, 37 wurden verletzt. Selenskyj schilderte, Russland habe eine zweite Rakete auf dieselbe Stelle gefeuert, während Rettungskräfte bereits Verletzte bargen. Al Jazeera und RTÉ bestätigten diese Angaben aus ukrainischen Behördenquellen.
"Reiner Zynismus" nannte Selenskyj das Vorgehen. Russland kündige Waffenruhen an und bombardiere gleichzeitig die Energieversorgung. "Russland könnte zu jeder Zeit aufhören zu schießen. Das würde den Krieg und unsere Reaktionen stoppen", sagte er. Über das von Putin angebotene zweitägige Schweigen zum 8. und 9. Mai teilte Selenskyj mit, Moskau habe Kiew weder davon unterrichtet noch eingeladen mitzumachen. Er bezeichnete den russischen Vorschlag als "bedeutungslos".
Zwei Waffenruhen, eine Asymmetrie
Selenskyj bietet eine unbegrenzte gegenseitige Feuerpause an, sofort und ohne Vorbedingungen, gültig solange Russland sie ebenfalls einhält. Europa und die USA stellten sich öffentlich hinter dieses Angebot und forderten Moskau auf, es anzunehmen. Damit steht Russland vor einer klaren Wahl: Greift es weiter an, führt es den Krieg fort, obwohl die Gegenseite Feuer eingestellt hat. Stimmt es zu, wäre es der erste echte Test einer längeren Feuerpause im dritten Kriegsjahr.
Kyrylo Budanow, Leiter des ukrainischen Präsidentenbüros, machte die Kiewer Position klar: Wenn die Feuerpause gegenseitig werde, setze Kiew sie fort. Putin dagegen hat eine offene oder zeitlich unbegrenzte Waffenruhe nicht angeboten. Er ordnete eine Pause ausschließlich für den 8. und 9. Mai an, den 81. Jahrestag des sowjetischen Sieges im Zweiten Weltkrieg. Das Angebot Moskaus schützt die Parade, nicht den Frieden.
Was bis zum 9. Mai entschieden wird
Am 8. und 9. Mai tritt formal auch Putins begrenzte Waffenruhe in Kraft. Ob beide Seiten dann gleichzeitig schweigen, wäre historisch, auch wenn es nur 48 Stunden dauerte. Bisher hat Moskau nicht erklärt, ob es Selenskyjs unbegrenztes Angebot aufnehmen will.
Die Friedensverhandlungen laufen auf mehreren Strängen, kommen aber kaum voran. US-Außenminister Marco Rubio berichtete aus Genf von Gesprächskanälen zu Militär, Politik, Wirtschaft, Territorium und Sicherheitsgarantien. Russland besteht nach Angaben der Brookings Institution darauf, etwa 75 Prozent des Donezker Gebiets zu behalten; Kiew lehnt das ab. Ein konkretes Treffen auf Spitzenebene ist nicht terminiert.
Die Ukraine hat mit ihrer einseitigen Feuerpause die Initiative übernommen. Die erste Nacht lieferte Material für beide Seiten: weniger Angriffe als Hinweis auf russisches Zurückhalten, kein russisches Bekenntnis als Hinweis auf fortgesetzten Willen zum Krieg. Ob der 9. Mai diese Frage beantwortet, entscheidet sich in den nächsten 72 Stunden.