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Erste Weißstörche in London seit dem Mittelalter

Erste Weißstörche in London seit dem Mittelalter

Im Oktober 2026 sollen erstmals seit 600 Jahren wieder Weißstörche in London angesiedelt werden, im Eastbrookend Country Park in Dagenham. Das Projekt ist Teil einer wachsenden Bewegung, die Wildtiere gezielt in europäische Städte zurückbringt.

6. Mai 2026, 9:58 Uhr 710 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Im Oktober 2026 werden erstmals seit mehr als 600 Jahren wieder Weißstörche in London angesiedelt. Die Stadt setzt sechs Vögel in den Eastbrookend Country Park im Stadtteil Dagenham ein, finanziert mit 500.000 Pfund aus dem Mayor's Green Roots Fund. Im März 2027 folgen Biber. Das Projekt steht im Zeichen des Urban Rewilding, der gezielten Rückkehr heimischer Wildtiere nicht an den Stadtrand, sondern in die Stadt selbst.

Was den Storch 600 Jahre aus Britannien fernhielt

Der letzte dokumentierte Brutnachweis von Weißstörchen in Britannien stammt aus Edinburgh im Jahr 1416, von der St.-Giles-Kathedrale. Die Gründe für das Verschwinden lagen im Wandel der Landschaft: Feuchtwiesen, die der Storch für die Nahrungssuche braucht, wurden trockengelegt und in Ackerland umgewandelt. Dazu kam jahrhundertelange Jagd. Ciconia ciconia, mit einer Flügelspanne von bis zu 215 Zentimetern eine der markantesten Großvogelarten Europas, überlebte auf dem Kontinent, in Britannien fehlte sie sechs Jahrhunderte lang.

In Europa hat sich der Bestand in den vergangenen Jahrzehnten gut entwickelt. BirdLife International schätzt die europäische Population auf 502.000 bis 563.000 geschlechtsreife Tiere, ein Anstieg um rund 20 Prozent gegenüber früheren Schätzungen, getragen vor allem durch Schutzmaßnahmen in Spanien und Osteuropa.

Wer zahlt und warum gerade Dagenham

Die Londoner Stadtregierung finanziert das Projekt mit 500.000 Pfund aus dem Mayor's Green Roots Fund. Das London Wildlife Trust koordiniert die Umsetzung: Eine speziell gebaute Voliere im Eastbrookend Country Park dient als Akklimatisierungsstation, bevor die Vögel Zugang zu den umliegenden Seen und Feuchtgebieten erhalten. Die sechs Störche sollen sich im Park ansiedeln und im günstigsten Fall dort ein Brutpaar bilden.

Der Standort Dagenham im Londoner Osten ist kein Zufall. Das Gebiet um den Eastbrookend Country Park gehört zu den wenigen Teilen Londons mit ausreichend unversiegelter Feuchtfläche, die dem Storch als Nahrungshabitat dienen kann. Das Timing schließt an ein früheres Projekt an: 2023 wurden Biber in Greenford im Stadtteil Ealing angesiedelt, nach 400 Jahren Abwesenheit. Im März 2027 sollen weitere Biber folgen.

Was das Knepp-Projekt über die Erfolgsaussichten sagt

Die erste moderne Weißstorch-Wiederansiedlung in Britannien begann 2019 auf dem Knepp Estate in der Grafschaft Sussex. 2020 brüteten dort erstmals seit 600 Jahren wieder Störche erfolgreich in Britannien. 2025 registrierte das White Stork Project auf Knepp 45 flügge Jungtiere aus 18 aktiven Nestern. Die Vögel brüten also unter britischen Bedingungen. Das Londoner Projekt geht einen Schritt weiter: Es überträgt das Konzept aus dem ländlichen Sussex in eine Metropole mit mehr als neun Millionen Einwohnern.

Urban Rewilding folgt dabei nicht einem romantischen Naturbild, sondern einer ökologischen These: Auch stark besiedelte Stadträume können bei gezielter Habitatrestaurierung für Wildtiere habitierbar sein. Die entscheidende Bedingung für Störche ist Feuchtgebiet in erreichbarer Nähe. Wo das vorhanden ist, siedelt sich Ciconia ciconia an, das zeigen die Daten aus Knepp.

Im Vergleich: Bartgeier, Biber und die Logik der Wiederansiedlung

Das Londoner Projekt steht in einer langen Reihe europäischer Wiederansiedlungen. Der Bartgeier wurde 1913 in den Alpen ausgerottet und ab 1986 in einem koordinierten europäischen Projekt wieder eingebracht. Heute leben mehr als 300 Bartgeier in den Alpen, darunter mittlerweile auch in Deutschland. Der Europäische Biber verschwand im 19. Jahrhundert aus weiten Teilen Europas und kommt heute in Deutschland nach gezielter Wiederansiedlung auf über 40.000 Tiere. Diese Projekte fanden in Schutzgebieten oder dünn besiedelten Räumen statt. Das Londoner Störcheprojekt behandelt die Dichte der Stadt ausdrücklich nicht als Ausschlusskriterium und das macht es unter diesen Beispielen ungewöhnlich.

Berlin, Rotterdam, Wien: Welche Städte nachziehen

Das Londoner Projekt steht nicht allein. In Berlin laufen seit 2020 Biberprojekte in städtischen Gewässern. In Bristol wurden Pollinatorkorridore eingerichtet, um Bienen Wanderwege durch das Stadtgebiet zu sichern. Rotterdam und Amsterdam haben Feuchtgebiets-Restaurierungen an Stadtgewässern gestartet, die auf die Rückkehr von Wasservögeln und Amphibien abzielen. Das europäische Netzwerk Rewilding Europe nennt Wien, Stockholm und Zürich als nächste Städte, die ähnliche Projekte mit auf die lokale Vogelwelt zugeschnittenen Arten prüfen.

Was allen diesen Projekten gemein ist: Sie zeigen, dass die Frage, welche Wildtiere in einer Stadt leben, eine politische und planerische Entscheidung ist, keine naturgegebene. London hat sie für den Weißstorch getroffen. Ob die Störche bleiben werden, zeigt sich im Herbst 2026.

Quellen (6)