Asylrückgang: Dobrindts Verdienst oder EU-Trend?
Die Asylantragszahlen in Deutschland sind 2025 um die Hälfte gesunken, im ersten Quartal 2026 lagen sie rund 38 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) sieht darin die Bestätigung seiner schärferen Migrationspolitik. Migrationsforscher kommen zu einem anderen Schluss: Der Rückgang sei vor allem geopolitischen Entwicklungen geschuldet, die nichts mit Dobrindts Amtsantritt zu tun haben.
Die Behauptung: Dobrindts Migrationswende
Seit Alexander Dobrindt im Frühjahr 2025 Bundesinnenminister wurde, hat die Bundesregierung die Migrationspolitik deutlich verschärft. Grenzkontrollen an allen deutschen Außengrenzen, schnellere Abschiebungen, Aussetzung des Familiennachzugs, Abschaffung der beschleunigten Einbürgerung. Dobrindt nennt diese Maßnahmen seine „Migrationswende“ und verweist auf die sinkenden Zahlen als Beweis ihrer Wirksamkeit. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) verzeichnete im ersten Quartal 2026 insgesamt 22.491 Erstanträge: Im Januar 7.649, im Februar 6.987 und im März 6.981. Das ist ein Rückgang von 37,8 Prozent gegenüber dem ersten Quartal 2025. Im April 2026 wurden nach BAMF-Angaben rund 6.144 Erstanträge gestellt, etwa ein Drittel weniger als im April des Vorjahres.
Was die Daten wirklich zeigen
Das Problem mit Dobrindts Erfolgsbilanz beginnt bei einem Datum: Im Dezember 2024, mehrere Monate vor seinem Amtsantritt, fiel das Assad-Regime in Syrien. Syrer stellten in den Jahren zuvor einen erheblichen Anteil der Asylsuchenden in Deutschland und Europa. Mit dem Ende des Bürgerkriegs und der Aussicht auf Rückkehr brach diese Gruppe fast vollständig weg. Migrationsforscher Gerald Knaus sagte dazu direkt: „Die Asylanträge in Deutschland sind dramatisch zurückgegangen, aber das liegt vor allem an der Entwicklung in Syrien.“
Hinzu kommen strukturelle EU-Entwicklungen, die ebenfalls vor Dobrindts Amtsantritt ihren Anfang nahmen. Die Europäische Union hat in den Jahren 2023 und 2024 Migrationsabkommen mit Tunesien, Ägypten und Libyen geschlossen. Diese Abkommen reduzierten die Anzahl der Menschen, die über die zentrale Mittelmeerroute nach Europa gelangten, laut ZDF-Recherche um bis zu 60 Prozent. Auch die verschärften Grenzkontrollen auf den Balkanrouten, die mehrere EU-Länder unabhängig voneinander eingeführt haben, tragen zu den sinkenden Zahlen bei. Victoria Rietig von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) stellte fest, dass der Abwärtstrend bei Asylzahlen bereits seit etwa zwei Jahren in ganz Europa zu beobachten sei, nicht erst seit dem deutschen Regierungswechsel. Insgesamt wurden in der gesamten EU 2025 rund 798.000 Asylanträge registriert, etwa 20 Prozent weniger als im Vorjahr.
Was nicht stimmt: Grenzkontrollen und ihre Wirkung
Knaus geht mit einem konkreten Instrument der deutschen Migrationspolitik hart ins Gericht: den Binnengrenzkontrollen. Deutschland kontrolliert seine Grenzen zu Österreich, Polen und der Schweiz seit Monaten. Knaus nennt das „ein Instrument, das einst nur die AfD forderte, europarechtswidrig ist und wenig Wirkung hat“. Er fügt hinzu, dass auch Gerichte diese Einschätzung teilen. Die Berliner Zeitung fasste den Forschungsstand zusammen: Grenzkontrollen an Binnengrenzen des Schengenraums seien zwar kurzfristig als Störsignal wahrnehmbar, brächten aber keine dauerhafte Wirkung. Wer die Grenze überschreiten will, versucht es an einer anderen Stelle.
Statt dieser Symbolpolitik, so Knaus, solle die Bundesregierung „diese Chance für eine nachhaltige, humane Kontrolle nutzen“: konkret durch Drittstaatsabkommen, die Menschen legal und geordnet nach Europa bringen, anstatt irreguläre Routen zu verstopfen.
Was an Dobrindts Erklärung dran sein könnte
Migrationsforscherin Birgit Glorius räumt ein, dass Symbolpolitik nicht per se wirkungslos ist: Sie sendet ein Signal nach außen, das potenzielle Migranten in ihrer Entscheidung beeinflussen kann. Ob und wie stark dieser Signaleffekt die deutschen Zahlen beeinflusst hat, lässt sich kaum isolieren. Es ist also nicht auszuschließen, dass Dobrindts Maßnahmen einen marginalen Effekt hatten. Was die Forschung aber klar verneint: dass die drastisch gesunkenen Zahlen überwiegend auf seine Grenzkontrollen zurückzuführen sind. Der Löwenanteil des Rückgangs erklärt sich durch den Assad-Sturz und die EU-Abkommen mit Nordafrika.
Nächste BAMF-Statistik im Mai 2026 als erster Belastungstest
Dobrindt selbst verweist auf das Gemeinsame Europäische Asylsystem (GEAS), das 2026 schrittweise eingeführt werden soll, als dauerhafte Grundlage seiner Migrationspolitik. Wenn das System funktioniert, sollen Anträge EU-weit einheitlich bearbeitet werden, was unkoordinierte nationale Maßnahmen überflüssig machen würde. Damit gibt Dobrindt indirekt zu, dass seine aktuellen Instrumente Übergangslösungen sind. Die nächste BAMF-Monatsstatistik für April erscheint im Lauf des Mais. Entscheidend ist die Frage, ob der Rückgang strukturell verankert ist oder ob er sich auf einmalige geopolitische Ereignisse stützt, die sich nicht wiederholen lassen.