Libanon: Eine Million kehren in Trümmer zurück
Tausende Libanesen sind am Freitag Richtung Süden aufgebrochen, zurück in Orte, die sie vor sechs Wochen unter Beschuss verlassen mussten. Lange Fahrzeugstaus zogen sich über die Straßen ins Hinterland. Was die Rückkehrer vorfinden, ist vielerorts kein Zuhause mehr, sondern Ruinen. Gleichzeitig gilt: Die Waffenruhe, die seit Donnerstagabend in Kraft ist, ist brüchig. Israelische Streitkräfte bombardierten nach Angaben der libanesischen Armee auch am Freitag noch Dörfer im Südlibanon. Die Hisbollah hat bis heute keine formale Zusage zur Einhaltung gegeben.
Sechs Wochen Krieg, eine Million Vertriebene
Der Krieg zwischen Israel und der Hisbollah begann am 2. März 2026. Innerhalb von sechs Wochen wurden nach UN-Angaben mehr als eine Million Menschen vertrieben. Das entspricht etwa einem Fünftel der gesamten libanesischen Bevölkerung. Viele flohen aus den Dörfern des Südlibanon nach Beirut oder in die Bekaa-Ebene, andere verließen das Land ganz. Die Zerstörungen im Süden sind massiv: Ganze Ortschaften nahe der Grenze zu Israel wurden dem Erdboden gleichgemacht.
Das libanesische Gesundheitsministerium verzeichnete bis zum Inkrafttreten der Waffenruhe 2.167 Todesopfer durch israelische Angriffe, darunter 172 Kinder und 91 Angehörige des Gesundheitswesens. Auf israelischer Seite wurden Dutzende Soldaten und Zivilisten durch Raketenbeschuss getötet. Ein Krieg, der sechs Wochen dauerte, hinterlässt eine Trümmerlandschaft, deren Bewältigung Jahre benötigen wird.
Die Grenze, die Israel zieht
Israels Armee warnte Zivilisten explizit, nicht in die Zone südlich des Litaniflusses vorzudringen. Der Litani liegt etwa 30 Kilometer nördlich der Grenze zwischen Israel und Libanon. Israel kontrolliert nach eigenen Angaben weite Teile dieses Gebiets und hält diese Kontrolle vorerst aufrecht.
Der Hintergrund: Die UN-Sicherheitsratsresolution 1701, nach dem Krieg von 2006 verabschiedet, verbot der Hisbollah jede bewaffnete Präsenz südlich des Litani. Zwei Jahrzehnte lang ignorierten beide Seiten diese Regelung. Jetzt besteht Israel auf tatsächlicher Umsetzung. Die libanesische Armee soll die Zone übernehmen. Wann das gelingt und ob sie die Kapazität dafür hat, ist offen.
Waffenruhe ohne alle Beteiligten
Eine Waffenruhe, an der nicht alle Kriegsparteien teilnehmen, ist kein Waffenstillstand. Die Hisbollah hat die Vereinbarung vom 16. April nicht formal anerkannt. Ihr Militärflügel behält sich nach eigenen Angaben Reaktionen auf israelische Verstöße vor.
Diese Ausgangslage schafft eine gefährliche Dynamik: Israel führt Operationen durch, mit dem Argument, die Waffenruhe schütze nicht vor Selbstverteidigung. Die Hisbollah schießt zurück, mit dem Argument, sie sei an die Vereinbarung nicht gebunden. Die libanesische Armee steht dazwischen und dokumentiert. Am Freitag meldete sie israelische Bombardierungen in der Ortschaft Chiam. Die Hisbollah bestätigte Gegenschüsse aus derselben Gegend.
Wiederaufbau ohne Mittel, ohne Staat
Humanitäre Organisationen warnen vor einer zweiten Katastrophe nach der ersten. Die Infrastruktur im Südlibanon ist über weite Teile zerstört: Brücken, Kläranlagen, Stromleitungen, landwirtschaftliche Flächen. Der libanesische Staat verfügt kaum über eigene Mittel für den Wiederaufbau. Nach der Bankenkrise 2019 und der Hafenexplosion in Beirut 2020 ist der öffentliche Sektor faktisch handlungsunfähig.
Die Frage, wer den Wiederaufbau finanziert, ist politisch heikel. Arabische Golfstaaten, die Libanon in früheren Krisen mit Milliarden gestützt hatten, sind durch den Irankonflikt selbst unter Druck. Die Europäische Union hat Nothilfe signalisiert, konkrete Summen stehen noch nicht fest. Die Hisbollah, die in früheren Kriegen den Wiederaufbau in ihren Gebieten übernahm und dadurch politisch punktete, steht nach diesem Konflikt geschwächt da.
Was bis zum 27. April entschieden werden muss
Die Waffenruhe gilt bis zum 27. April. Ob sie hält, hängt von drei Faktoren ab: der Bereitschaft Israels, auf weitere Operationen zu verzichten; der Hisbollah, die bisher keine Zusage gegeben hat; und dem Verlauf der diplomatischen Gespräche über ein dauerhaftes Abkommen, die parallel in mehreren Hauptstädten laufen.
Für die Hunderttausenden auf den Rückkehrstraßen ist das eine abstrakte Frist. Sie brauchen ein Dach über dem Kopf und Trinkwasser. Beides ist in weiten Teilen des Südlibanon nach wie vor nicht gesichert. Wer jetzt losfährt, weiß oft nicht, was ihn erwartet. Viele fahren trotzdem.