BioNTech schließt Marburg und streicht 540 Stellen
Das Marburger Werk hat BioNTech in der Pandemie groß gemacht. Hier fertigte der Konzern Hunderte Millionen Impfdosen, die in alle Welt gingen und dem Unternehmen Milliardengewinne einbrachten. Jetzt schließt BioNTech den Standort bis Ende 2027 und baut 540 der 670 Stellen ab. Die heute veröffentlichten Quartalszahlen zeigen den Kontext: In Q1 2026 schreibt BioNTech laut eigenem Quartalsbericht 532 Millionen Euro Verlust bei einem Umsatz von nur noch 118 Millionen Euro.
Vom Impfstoff-Boom zur Verlustzone
In den Pandemie-Jahren schrieb BioNTech Gewinne in einer Größenordnung, wie sie ein deutsches Unternehmen selten erzielt. Die Corona-Impfstoffe brachten Milliarden ein und Marburg war das Produktionszentrum: Auf dem Gelände der früheren Behringwerke liefen die Fertigungslinien rund um die Uhr. Seitdem ist die Nachfrage eingebrochen. Im ersten Quartal 2026 erzielte BioNTech laut Quartalsmitteilung nur noch 118,1 Millionen Euro Umsatz, gegenüber 182,8 Millionen Euro im gleichen Zeitraum 2025. Für das Gesamtjahr 2026 erwartet das Unternehmen zwischen zwei und 2,3 Milliarden Euro Umsatz.
Trotz der roten Zahlen sitzt BioNTech auf einem komfortablen Polster: Laut Quartalsbericht verfügt der Konzern über 16,8 Milliarden Euro in Cash und liquiden Wertpapieren. Diese Reserven stammen aus den Pandemie-Jahren und sind das Fundament, auf dem der Umbau des Unternehmens finanziert werden soll.
Drei Standorte dicht, 1.860 Stellen weltweit
Neben Marburg schließt BioNTech bis Ende 2027 auch die Standorte in Idar-Oberstein (Rheinland-Pfalz) und Tübingen (Baden-Württemberg) sowie ein Werk in Singapur. Weltweit fallen rund 1.860 Stellen weg. In Marburg allein sind 540 der 670 Vollzeitstellen betroffen. Das Unternehmen hat angekündigt, keine betriebsbedingten Kündigungen auszusprechen; über die konkreten Modalitäten laufen Sozialplanverhandlungen.
Betriebsratsvorsitzender Mark Pfister kritisierte die Entscheidung scharf: Der Standort habe in der Pandemie „maßgeblich dazu beigetragen, die Welt mit dem Impfstoff gegen Corona zu versorgen“ und Milliardenerträge für den Konzern ermöglicht. Die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IGBCE) nannte die Maßnahme einen „Kahlschlag“ und warf BioNTech „gesellschaftliche Verantwortungslosigkeit“ vor. Parallel hat auch der australische Pharmakonzern CSL, der ebenfalls in Marburg produziert, Stellenstreichungen angekündigt. Die Universitätsstadt mit rund 78.000 Einwohnern ist damit von zwei großen Pharmaunternehmen gleichzeitig betroffen.
16 Milliarden Cash, kein Grund zur Schließung? Der BMS-Deal erklärt den Widerspruch
Während die Schließungspläne bekannt wurden, verkündete BioNTech gleichzeitig ein Abkommen mit dem US-Pharmariesen Bristol-Myers Squibb. Das Volumen liegt laut Unternehmensangaben bei bis zu zehn Milliarden Euro; Gegenstand ist die gemeinsame Entwicklung von Krebstherapien. An der Börse sprang die Aktie daraufhin um fast zwanzig Prozent, der größte Tagesgewinn seit dem Impfstoff-Boom 2021.
Der Zusammenhang zwischen Deal und Schließung ist direkt: BioNTech transformiert sich vom Impfstoffhersteller zu einem globalen Onkologieanbieter. Massenproduktion für Impfstoffe, wie sie in Marburg stattfand, gehört nicht in dieses Modell. Krebstherapien werden in spezialisierten Labors entwickelt und produziert, nicht in den Fertigungshallen ehemaliger Impfstoffwerke. Die Schließungen sollen ab 2029 jährlich 500 Millionen Euro einsparen, das frei werdende Kapital soll in die Onkologie-Pipeline fließen. Für die Beschäftigten bedeutet das: Die Milliarden, die BioNTech gerade einplant, gehen in Forschungsstandorte, nicht in Produktionsstandorte, schon gar nicht in Marburg.
Marburg als Symbol einer Branchenwende
BioNTechs Rückzug aus Marburg steht für ein breiteres Muster. Deutschland hat die Pandemie als Pharmastandort vor allem deshalb mitgespielt, weil bestehende Produktionskapazitäten verfügbar waren. Dieser Vorteil entfällt, sobald die Massenproduktion nicht mehr gebraucht wird. Zugleich konzentriert sich die Krebsforschung global in angloamerikanischen Biotechzentren: in Boston, Basel und London entstehen die Jobs, die jetzt in Marburg und Idar-Oberstein wegfallen.
Die Gewerkschaft IGBCE hat den politischen Druck bereits erhöht und die Bundesregierung aufgefordert, Konsequenzen zu ziehen. Wer staatliche Fördergelder für den Aufbau von Produktionskapazitäten in einer Krise erhalten habe, dürfe diese nicht unmittelbar danach ohne weiteres abbauen, so der Tenor der Gewerkschaft.
Hauptversammlung am 15. Mai
Am 15. Mai hält BioNTech seine Hauptversammlung ab. Auf der Tagesordnung steht neben der Erweiterung des Aufsichtsrats auch die strategische Ausrichtung des Konzerns. Die IGBCE hat angekündigt, den öffentlichen Druck bis dahin zu erhöhen und erwartet konkrete Sozialplan-Eckpunkte. Ob BioNTech die freiwerdenden Kapazitäten in Marburg für andere Produktionszwecke nutzt, etwa für die eigene Krebsmedikament-Pipeline, bleibt nach aktuellem Stand offen. Das Unternehmen hat dazu keine Zusagen gemacht.