Trump droht auch Italien und Spanien mit Truppenabzug
Drei Wochen nach dem Abzugsbefehl für Deutschland weitet Donald Trump die Drohungen auf die südliche NATO-Flanke aus. Am 1. Mai erklärte er, er werde "wahrscheinlich" Truppen aus Italien und Spanien abziehen. Beide Länder verweigerten Washington während des Irankriegs den Zugang zu ihren Militärbasen. Was als deutsch-amerikanischer Streit über Merz' Iranstrategie-Kritik begann, ist zur Krise für die Sicherheitsarchitektur der gesamten europäischen Südflanke geworden.
Sigonella, Rota und 16.000 Soldaten
In Italien sind nach Angaben des US-Verteidigungsministeriums rund 12.600 US-Soldaten stationiert, in Spanien rund 3.800. Die Zahlen sind kleiner als die etwa 35.000 in Deutschland, ihr strategisches Gewicht ist aber vergleichbar. Der Marinestützpunkt Rota an der spanischen Atlantikküste ist das wichtigste US-Marinedrehkreuz in Europa; von hier aus operieren die Zerstörer des europäischen Raketenabwehrsystems, das Osteuropa schützen soll. Der Luftwaffenstützpunkt Sigonella auf Sizilien ist seit dem libyschen Bürgerkrieg das zentrale Drehkreuz für US-Drohnenoperationen und Aufklärungsoperationen im Mittelmeer und im Nahen Osten.
Im Frühjahr 2026 sperrte Spanien Washington den Zugang zu gemeinsamen Stützpunkten auf spanischem Boden und schloss seinen Luftraum für US-Militärmaschinen. Italien verweigerte einer US-Militärmaschine die Nutzung der Basis Sigonella. Beides geschah als Reaktion auf amerikanische Luftangriffe gegen den Iran, denen weder Madrid noch Rom parlamentarisch zugestimmt hatten. Trumps Reaktion war direkt: Spanien sei "schrecklich, absolut schrecklich" gewesen und Italien habe "in keiner Weise geholfen".
Der Streit ist damit kein reiner Beitragsdisput. Die USA verlangen nicht nur mehr Geld für die NATO, sondern aktive militärische Beteiligung an einem laufenden Krieg. Diese Unterscheidung ist politisch wesentlich: Verteidigungsbudgets lassen sich durch Parlamentsbeschlüsse erhöhen. Militärische Mitwirkung an einem Krieg, den das eigene Parlament nicht gebilligt hat, ist eine andere Frage.
Meloni zwischen Trump und dem Papst
Am schwierigsten ist die Lage für Ministerpräsidentin Giorgia Meloni. Sie gilt als eine der wenigen europäischen Regierungschefs mit persönlich gutem Draht zu Trump, politisch konservativ ausgerichtet und bislang weniger offen konfrontativ als Paris oder Berlin. Dieser Status ist im April gerissen. Trump nannte Italiens Haltung "inakzeptabel", nachdem Meloni den neu gewählten Papst Leo XIV. gegen amerikanische Kritik verteidigt hatte.
Italiens Verteidigungsminister Guido Crosetto versuchte, den Schaden zu begrenzen. Italien habe angeboten, eine Eskortemission zum Schutz der Handelsschifffahrt im Persischen Golf durchzuführen, erklärte Crosetto gegenüber mehreren Medien. Das sei "eine Geste, die vom US-Militär sehr geschätzt wurde". Seine Darstellung widerspricht Trumps Formulierung direkt, ohne dabei offen konfrontativ zu werden. Ob Washington das als konstruktives Entgegenkommen wertet oder als nachträgliche Rechtfertigung, ist offen.
Was ein Abzug strategisch bedeuten würde
Ein tatsächlicher Rückzug aus Sigonella würde die amerikanischen Aufklärungskapazitäten im östlichen Mittelmeer empfindlich schwächen. Der Stützpunkt wird für Drohnenoperationen, Seeüberwachung und Truppentransit in Richtung Naher Osten genutzt. Ein Rückzug aus Rota würde das europäische Raketenabwehrnetz berühren, das seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine als unverzichtbar für die Ostflanke gilt. Die Konsequenz wäre kein Symbol, sondern ein messbarer Kapazitätsverlust.
Im US-Kongress wächst der Widerstand. Roger Wicker, Vorsitzender des Streitkräfteausschusses im Senat und Mike Rogers, sein Pendant im Repräsentantenhaus, hatten bereits nach dem Deutschland-Beschluss öffentlich gewarnt, der Schritt sende das falsche Signal an Wladimir Putin. Ihre Kritik gilt spiegelbildlich für die Drohungen gegen Südeuropa. Eine biparteiliche Mehrheit im Kongress gegen alle drei Abzugspläne gleichzeitig hätte mehr Gewicht als Einzelkritik an Deutschland allein.
Vor dem NATO-Gipfel im Juni
Der NATO-Gipfel im Juni 2026 wird zur ersten formellen Bewährungsprobe. Erstmals sitzen Deutschland, Italien und Spanien gleichzeitig am Tisch mit einem US-Präsidenten, der alle drei öffentlich unter Druck gesetzt hat. Bundesaußenminister Johann Wadephul hat in den vergangenen Wochen mehrfach von europäischer Souveränität in Sicherheitsfragen gesprochen; wie belastbar diese Linie ist, wenn einzelne Länder bilateral mit Washington verhandeln, um die eigenen Truppen zu sichern, wird der Gipfel zeigen.
Für die südeuropäischen Partner steht dabei mehr auf dem Spiel als Symbolik. Sigonella und Rota lassen sich mit europäischen Mitteln kurzfristig nicht ersetzen. Das ist der eigentliche Grund, warum Crosetto Trumps Worten mit sachlicher Korrektur statt mit Gegendrohung begegnet: Im Ernstfall braucht Europa die Stützpunkte und die USA ebenfalls.