Georg Baselitz: Der große Provokateur ist tot
Georg Baselitz ist gestorben. Der Maler, der 1969 sein erstes Bild auf den Kopf hängte und damit die Nachkriegsmalerei Deutschlands neu definierte, starb am 30. April 2026 im Alter von 88 Jahren in Salzburg. Sein Tod markiert das Ende einer Generation von Künstlern, die aus persönlicher Erfahrung mit Trümmern und Teilung malten. Diese Direktheit ist in der Gegenwartskunst selten geworden.
Von der DDR-Exmatrikulation zum Skandalkünstler
Hans-Georg Kern wurde am 23. Januar 1938 in Deutschbaselitz geboren, einem Dorf in Sachsen, dessen Namen er später als Künstlerpseudonym übernahm. Er wuchs im Nationalsozialismus auf, erlebte den Zusammenbruch des Dritten Reichs als Siebenjähriger und die Gründung der DDR als Heranwachsender. 1956 begann er ein Studium an der Kunsthochschule Ost-Berlin, wurde aber 1957 exmatrikuliert. Der offizielle Grund: "soziopolitische Unreife". Er übernahm dieses Urteil nicht. Er zog nach West-Berlin.
An der Hochschule der Künste studierte er bis 1962. Mit Eugen Schönebeck verfasste er die "Pandämonischen Manifeste" von 1961 und 1962: kurze, aggressive Texte, die sich gegen die gesamte etablierte Kunstwelt richteten. Weder der abstrakte Expressionismus der Amerikaner noch der sozialistische Realismus der DDR noch der kulturelle Pragmatismus des westdeutschen Wirtschaftswunders interessierte Baselitz. Er suchte eine Sprache für das, was aus dem Zusammenbruch geblieben war. Ordnung interessierte ihn nicht. Er hatte Ordnungen scheitern sehen.
1963: Das Verhör als erstes Statement
Den Beweis, dass er es ernst meinte, lieferte er 1963 mit seiner ersten Einzelausstellung in der Galerie Werner & Katz in West-Berlin. Zwei Bilder wurden sofort von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt: "Die große Nacht im Eimer" und "Der nackte Mann". Das Ermittlungsverfahren wegen Obszönität lief bis 1965 und endete mit einer Einstellung. Baselitz hatte damit eine Aufmerksamkeit erzielt, die keinem Kunstkritiker-Lob gleichkam: Seine Arbeit hatte den Staat beunruhigt.
Die Bilder dieser Jahre zeigen zerstörte, deformierte Körper. Kunstkritiker lasen darin Metaphern für das beschädigte Deutschland, für Schuld und Nachkriegsversehrtheit. Baselitz widersprach solchen Deutungen nie ausdrücklich, er bestätigte sie auch nicht. Er malte, was er malte. Die Zuschreibungen überließ er anderen.
1969: Die Welt auf den Kopf
Der Eingriff, der seinen Platz in der Kunstgeschichte sicherte, kam 1969. Mit "Der Wald auf dem Kopf" begann Baselitz seine Bilder um 180 Grad zu drehen. Das Motiv hängt kopfüber. Was wie eine Provokation wirkt, folgt einer präzisen Theorie: Wer ein Bild nicht als Darstellung lesen kann, weil das Sujet nicht erkennbar ist, sieht plötzlich nur noch Farbe, Pinselstrich, Textur. Die Malerei zeigt sich selbst, statt eine Geschichte zu erzählen.
Baselitz fand damit einen dritten Weg zwischen totaler Abstraktion und figürlicher Malerei. Der abstrakte Expressionismus der amerikanischen Nachkriegskunst hatte die Figur aufgegeben. Der sozialistische Realismus hatte sie instrumentalisiert. Baselitz behielt die Figur, machte sie aber durch die Umkehrung unleserlich. Das Ergebnis war ein Neoexpressionismus, der an die expressionistische Tradition anknüpfte, die Nationalsozialisten als "entartet" verboten hatten. Nicht nostalgisch, sondern auf eigenen Bedingungen.
Baselitz lehrte seine Methode auch: Von 1978 bis 1983 hatte er eine Professur an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe, anschließend bis 1988 an der Hochschule der Künste in Berlin. Dort prägte er eine Generation jüngerer Künstler, die unter dem Begriff "Neue Wilde" bekannt wurden, darunter Markus Oehlen und Albert Oehlen.
Weltgeltung und unveränderliche Kompromisslosigkeit
Die internationale Anerkennung war enorm. Das MoMA in New York, das Guggenheim Bilbao, die Tate London und die National Gallery Washington erwarben seine Werke. Das Centre Pompidou in Paris und das Hirshhorn Museum in Washington zeigten große Retrospektiven. Die Fondation Beyeler in Basel präsentierte mehrere Werkschauen. 2019 wählte die Académie des Beaux-Arts in Paris ihn als erstes Mitglied seiner Malergeneration. Im Jahr davor hatte er als erster lebender Künstler überhaupt im Rahmen der Gallerie dell'Accademia in Venedig ausgestellt.
Was den internationalen Kunstmarkt faszinierte, war die gleiche Eigenschaft, die Behörden 1963 beunruhigt hatte: die Bereitschaft zur Konsequenz. Baselitz änderte seinen Stil nicht für das Publikum. Er äußerte sich kontrovers über Frauen in der Kunst, die Reaktionen in der internationalen Kunstwelt waren scharf, die Position blieb. 1977 protestierte er gegen die Teilnahme der DDR an der documenta 6 und zog seine eigenen Werke aus der Ausstellung zurück. Sein bekanntester Satz beschreibt seinen Ausgangspunkt präzise: "I was born into a destroyed order. I didn't want to reestablish an order: I had seen enough of so-called order."
Seit 2013 lebte Baselitz in Salzburg, wo er 2015 die österreichische Staatsbürgerschaft annahm. Vor wenigen Jahren schenkte er dem Metropolitan Museum in New York sechs seiner frühen Gemälde.
Was bleibt
Retrospektiven in deutschen und österreichischen Museen sind in den kommenden Monaten zu erwarten. Das Ludwig Museum Köln, die Nationalgalerie Berlin und das Städel Frankfurt halten Baselitz-Werke im Bestand. Der Kunstmarkt wird auf seinen Tod reagieren: Bei Auktionen für Werke von Künstlern dieser Bedeutung steigen die Preise erfahrungsgemäß, sobald keine weiteren Werke entstehen können.
Baselitz hat keine Schule hinterlassen im akademischen Sinne. Aber er hat eine Frage beantwortet, die er als Siebenjähriger in den Trümmern Sachsens gestellt bekam: Wie malt man in einem Land, das sich selbst zerstört hat? Indem man die Welt auf den Kopf hängt. Und neu hinschaut.