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Alzheimer: Neues Proteinziel lässt Gedächtnis von Mäusen aufblühen

Alzheimer: Neues Proteinziel lässt Gedächtnis von Mäusen aufblühen

Forscher am Cold Spring Harbor Laboratory haben ein Protein entdeckt, dessen Hemmung bei Alzheimermäusen das Gedächtnis auf das Niveau gesunder Tiere bringt und die Plaqueablagerungen im Gehirn reduziert.

2. Mai 2026, 8:38 Uhr 711 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Das Gehirn hat eigene Reinigungskräfte, die schädliche Ablagerungen beseitigen können. Bei Alzheimer funktioniert dieses System schlechter als normal. Forscher am Cold Spring Harbor Laboratory haben nun einen molekularen Schalter gefunden, der diese Reinigungszellen wieder aktiviert: das Protein PTP1B. Wird es gehemmt, schrumpfen die für Alzheimer typischen Plaqueablagerungen und das Gedächtnis verbessert sich deutlich. Die Studie erschien am 2. Februar 2026 in den Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS).

Mikroglia: Die Müllabfuhr des Gehirns

Im Mittelpunkt des Ansatzes stehen Mikroglia, die Immunzellen des Gehirns. Ihre Aufgabe ist es, beschädigte Zellen, Fremdkörper und schädliche Proteinablagerungen zu beseitigen. Bei Alzheimer häuft sich das Protein Amyloid-beta (Aβ) zu Plaques an, die Nervenzellen schädigen. Mikroglia sollen diese Plaques abräumen, tun es aber bei Alzheimerpatienten zu wenig.

PTP1B ist ein Enzym, das die Aktivität der Mikroglia reguliert. Genauer: Es bremst die sogenannte SYK-Signalkette, die Mikroglia dazu bringt, Plaques aufzufressen. Wenn PTP1B aktiv ist, ist die Bremse angezogen. Das Team um Yuxin Cen und Nicholas Tonks am Cold Spring Harbor Laboratory untersuchte, was passiert, wenn man die Bremse löst.

Was die Mäuseexperimente zeigen

Die Forscher arbeiteten mit Mäusen, die genetisch so verändert wurden, dass sie Alzheimersymptome entwickeln, darunter Amyloidplaques und Gedächtnisschwäche. In einem ersten Ansatz wurde PTP1B genetisch ausgeschaltet. Das Ergebnis: Die Mikroglia dieser Mäuse waren aktiver und räumten mehr Plaques ab. Bei einjährigen Alzheimermäusen, die ohne PTP1B aufwuchsen, war die Plaquebelastung deutlich geringer als bei unbehandelten Kontrolltieren.

Im zweiten Schritt testeten die Forscher einen pharmakologischen PTP1B-Hemmer namens DPM-1003, der von der Firma DepYmed entwickelt wird, an der die Gruppe beteiligt ist. Mäuse, die fünf Wochen lang mit DPM-1003 behandelt wurden, hatten danach rund 25 Prozent weniger Amyloidplaques als unbehandelte Alzheimermäuse. Noch auffälliger: Ihre Gedächtnisleistung in Labortests entsprach der gesunder Kontrollmäuse, nicht der von unbehandelten Alzheimertieren.

Die Reduktion um 25 Prozent klingt bescheiden, ist aber im Kontext zu sehen: Andere Ansätze, die ähnliche Reduktionen der Plaquebelastung erreichten, führten nicht zu dieser deutlichen Gedächtnisverbesserung. Die Forscher vermuten, dass PTP1B nicht nur die Plaquebeseitigung beeinflusst, sondern auch direkt die Nervenzellkommunikation.

Mehrfache Wirkung, mehrere Krankheiten

PTP1B ist kein unbekanntes Protein. Es wurde bereits seit Jahrzehnten als mögliches Ziel für Diabetes vom Typ 2 und Adipositas untersucht, weil es in den Signalwegen von Insulin und Leptin eine Rolle spielt. Bisher scheiterten PTP1B-Hemmer in der Diabetesforschung an Problemen mit Selektivität und Nebenwirkungen, ohne jedoch das Konzept zu widerlegen.

Für die Alzheimertherapie bedeutet diese Doppelfunktion potenziell einen Vorteil: Ein Medikament, das PTP1B hemmt, könnte gleichzeitig Demenz, Diabetes vom Typ 2 und Übergewicht positiv beeinflussen. Ob sich das in Menschen so verhält, ist noch vollständig offen. Aber das Interesse der Pharmaindustrie an Substanzen mit mehreren Wirkmechanismen ist groß, was die Chancen auf Investitionen und Entwicklung erhöht.

Wo die Grenzen des Befunds liegen

Der wichtigste Vorbehalt: Mäuse sind keine Menschen. Alzheimermausmodelle replizieren wichtige Merkmale der Erkrankung, aber Alzheimer beim Menschen ist komplexer und entsteht über Jahrzehnte. Viele Substanzen, die im Mausmodell beeindruckend wirken, scheitern in klinischen Studien. Das gilt als eine der schwierigsten Aufgaben der Neurologie: Den Schritt vom Tier zum Menschen zu schaffen.

Auch der verwendete PTP1B-Hemmer DPM-1003 hat noch keine Humanstudien durchlaufen. Nebenwirkungsprofil, optimale Dosierung und Langzeitwirkung sind unbekannt. DepYmed arbeitet nach eigenen Angaben an Verbindungen der nächsten Generation mit besserer Selektivität. Klinische Studien der Phase 1 sind geplant, aber noch nicht begonnen.

Einordnung in die Alzheimerforschung

In den vergangenen Jahren wurden mehrere Alzheimermedikamente zugelassen, die Amyloidplaques direkt angreifen, darunter Lecanemab (Leqembi) und Donanemab. Diese Antikörpertherapien zeigen in frühen Krankheitsstadien moderate Effekte, sind aber teuer, müssen intravenös verabreicht werden und haben ernste Nebenwirkungsrisiken, vor allem Hirnblutungen und Hirnödeme.

Der PTP1B-Ansatz ist komplementär: Statt Plaques direkt anzugreifen, aktiviert er das körpereigene Reinigungssystem. Das Tonks-Labor hat bereits Gespräche mit anderen Forschergruppen aufgenommen, um zu prüfen, ob eine Kombination mit bestehenden Alzheimermedikamenten sinnvoll wäre. Wann erste Ergebnisse aus Menschenstudien vorliegen könnten, ist derzeit offen. Die Forschungsgruppe hat ein Ziel formuliert: Klinische Studien der Phase 1 in den nächsten zwei bis drei Jahren.