Papst gegen Trump: USA streiten um die Todesstrafe
Am 24. April rief Papst Leo XIV. in einer Videobotschaft an die Chicagoer DePaul University zur weltweiten Abschaffung der Todesstrafe auf. Er sprach an einem persönlich bedeutsamen Jahrestag: Sein Heimatstaat Illinois hatte 2011 die Todesstrafe abgeschafft, 2026 jährt sich das zum 15. Mal. Am selben Tag hatte das US-Justizministerium unter Donald Trump Erschießungskommandos, Elektrostuhl und Stickstoffhypoxie als neue Hinrichtungsmethoden genehmigt. Neun Todesurteile auf Bundesebene sollen vollstreckt werden. Der erste US-Papst und der US-Präsident zeigen in entgegengesetzte Richtungen.
Der Papst aus Chicago
Leo XIV., seit Mai 2025 Nachfolger von Franziskus, ist der erste Papst aus den Vereinigten Staaten. Seine Herkunft verleiht dem Thema eine besondere Schärfe: Kein anderes westliches Land vollstreckt Todesurteile auf Bundesebene. Die Todesstrafe sei, so sagte er am 24. April, „ein Angriff auf die Unverletzlichkeit und Würde der Person" und daher „unzulässig, gleichgültig welches Verbrechen begangen wurde".
Das Format der Botschaft ist bemerkenswert. Keine Enzyklika, keine Rede vor Staatsoberhäuptern: Leo XIV. sendete eine persönliche Videobotschaft an eine Universität in seiner Heimatstadt, zu einem regionalen Jahrestag. Das Publikum war begrenzt. Dass die Botschaft am selben Tag veröffentlicht wurde, an dem die Trump-Administration die Hinrichtungsregeln änderte, hat den Kontrast erst sichtbar gemacht.
Trumps Neustart der Bundeshinrichtungen
Am 24. April genehmigte Generalstaatsanwältin Pam Bondi neue Hinrichtungsmethoden. Präsident Biden hatte im Januar 2021 alle geplanten Bundeshinrichtungen ausgesetzt und sich für eine schrittweise Abschaffung ausgesprochen. Trump kehrt nun nicht nur zu den Verfahrensregeln seiner ersten Amtszeit zurück. Das Justizministerium ließ drei zusätzliche Methoden zu: Erschießungskommandos, Elektrostuhl und Stickstoffhypoxie. Letztere war zuletzt 2024 in Alabama eingesetzt worden und ist rechtlich umstritten, weil das Oberste Gericht ihre Verfassungsmäßigkeit noch nicht abschließend bewertet hat. Für neun verurteilte Personen wurden Hinrichtungsanträge genehmigt. Konkrete Termine wurden nicht bekannt gegeben.
Der Sonderfall USA
Die USA sind die einzige westliche Demokratie, die Todesstrafe auf Bundesebene vollstreckt. Innerhalb des Landes ist das Bild gespalten: 27 Staaten haben die Todesstrafe abgeschafft oder ein Moratorium verhängt, 23 halten daran fest. Unter Trump I wurden zwischen Juli 2020 und Januar 2021 dreizehn Bundeshinrichtungen vollstreckt, so viele wie in keiner vergleichbaren Zeitspanne seit Jahrzehnten. Unter Biden: null.
Weltweit dokumentierte Amnesty International 2024 in 16 Ländern mehr als 1.100 Hinrichtungen. Den größten Teil machen China, Iran und Saudi-Arabien aus. Die USA stehen damit in der Gesellschaft von Staaten, die von der EU regelmäßig wegen Menschenrechtsverletzungen kritisiert werden.
Kirche und Staat
Die katholische Kirche hat ihren Kurs zur Todesstrafe in den vergangenen Jahrzehnten schrittweise verschärft. Papst Johannes Paul II. hatte sie als in modernen Gesellschaften „praktisch nicht mehr notwendig" bezeichnet. Franziskus ließ 2018 den Katechismus entsprechend ändern: Die Todesstrafe ist seitdem als „inadmissibel" eingestuft und nicht mehr als letztes Mittel erlaubt. Leo XIV. knüpft daran an und gibt dem Thema durch seine Herkunft eine neue Dringlichkeit.
Ob ein US-Papst in den USA politisch Einfluss nehmen kann, ist offen. Etwa 21 Prozent der Amerikaner sind Katholiken. Unter ihnen wächst der Anteil, der die Todesstrafe ablehnt. Eine Mehrheit der US-Bevölkerung befürwortet sie laut aktuellen Umfragen jedoch nach wie vor. 2023 waren es 53 Prozent, zehn Jahre zuvor noch 60 Prozent. Die Richtung ist klar, das Tempo langsam.
Für Leo XIV. ist das Thema auch biografisch besetzt. Illinois war 2011 der 16. US-Staat, der die Todesstrafe abschaffte. Gouverneur Pat Quinn, ein Demokrat und Katholik, begründete seinen Schritt damals mit dem Risiko, Unschuldige hinzurichten: Seit 1977 waren in Illinois 20 zum Tode Verurteilte nachträglich als unschuldig rehabilitiert worden, bevor das Urteil vollstreckt werden konnte. Leo XIV. wuchs in dieser politischen Atmosphäre auf. Dass er ausgerechnet zum Jahrestag dieser Abschaffung spricht, ist kein Zufall.
Was als nächstes passiert
Bürgerrechtsorganisationen wie die National Coalition to Abolish the Death Penalty haben angekündigt, juristisch gegen die neu zugelassenen Hinrichtungsmethoden vorzugehen, insbesondere gegen die Stickstoffhypoxie. Das Oberste Gericht hat deren Verfassungsmäßigkeit noch nicht abschließend bewertet. Bis zu einem Urteil werden voraussichtlich keine Hinrichtungen mit dieser Methode stattfinden. Der Elektrostuhl und das Erschießungskommando gelten rechtlich als gesicherter.
Leo XIV. hat keine weitere öffentliche Reaktion auf Trumps Schritte angekündigt. Ob er das Thema zur Chefsache macht oder bei symbolischen Botschaften bleibt, entscheidet, ob der Widerspruch zwischen päpstlichem Anspruch und amerikanischer Praxis politische Konsequenzen hat. Bislang hat die Trump-Administration Kritik aus dem Vatikan regelmäßig ignoriert, zuletzt beim Streit über Migrationspolitik und den Besuch Melonis in Rom. Die Diözesen in den USA schweigen.