Amokfahrt in Leipzig: Zwei Tote in Fußgängerzone
Am Montagnachmittag steuerte ein Mann einen VW-SUV durch die Fußgängerzone im Herzen Leipzigs und erfasste dabei zahlreiche Passanten. Zwei Menschen starben, 25 weitere wurden verletzt, zwei davon schwer. Der Tatverdächtige, ein 33-jähriger Deutscher, wurde noch am Tatort festgenommen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Mords und versuchten Mords.
500 Meter durch die Menge
Gegen 15 Uhr setzte der graue VW-Taigo seine Fahrt am Augustusplatz an, dem zentralsten Platz Leipzigs, gesäumt von Oper und Universität. Von dort fuhr das Fahrzeug in die Grimmaische Straße ein, eine der meistgenutzten Einkaufsmeilen der Stadt und erfasste auf rund 500 Metern mehrere Fußgänger. Das Auto stoppte erst vor dem Thomaskirchhof, unweit der Thomaskirche. Der Fahrer blieb im Wagen sitzen; Polizisten nahmen ihn noch am Steuer fest. Augenzeugen beschrieben ihn nach der Festnahme als verwirrt und psychisch aufgewühlt.
Die Behörden lösten umgehend einen Massenanfall von Verletzten aus, die höchste Alarmstufe im deutschen Rettungswesen für Großschadensereignisse. 40 Kräfte der Feuerwehr und 40 weitere des Rettungsdienstes rückten aus. Der gesamte Bereich um Augustusplatz und Grimmaische Straße blieb für Stunden gesperrt. Am Gewandhaus, keine fünf Gehminuten vom Tatort entfernt, richteten die Behörden ein psychologisches Betreuungszentrum für Zeugen und Angehörige ein.
Was die Ermittler wissen
Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer bezeichnete das Ereignis noch am Nachmittag als "mutmaßliche Amokfahrt" und sprach davon, der Täter sei "psychisch auffällig" gewesen. Innenminister Armin Schuster nannte ihn schlicht einen "Amoktäter". Die leitende Oberstaatsanwältin Claudia Laube erklärte gegenüber der Presse: "Wir gehen von einer Amoktat aus."
Erste Ermittlungsergebnisse deuten darauf hin, dass keine politische oder religiöse Gesinnung hinter der Tat steckt. Berichten zufolge könnte dem Vorfall eine persönliche Auseinandersetzung vorausgegangen sein. Oberbürgermeister Burkhard Jung bestätigte am frühen Abend die Zahl von zwei Toten; zur Identität der Opfer machten die Behörden zunächst keine Angaben.
Über den Verdächtigen ist bekannt: 33 Jahre alt, deutsche Staatsbürgerschaft, in Leipzig wohnhaft und der Polizei bereits vor der Tat bekannt. Nähere Angaben dazu machte die Polizei zunächst nicht.
Vier Amokfahrten in fünf Jahren
Leipzig steht nicht allein. Seit 2020 hat Deutschland vier schwere Amokfahrten in belebten öffentlichen Räumen erlebt. Im Dezember 2020 tötete ein 51-jähriger Trierer mit seinem Geländewagen in der dortigen Fußgängerzone sieben Menschen; 24 weitere wurden verletzt. Das Landgericht Trier verurteilte ihn 2024. Im März 2024 raste ein Fahrer am Rosenmontag durch Mannheims Innenstadt und tötete zwei Menschen; das Gericht verhängte lebenslange Haft und ordnete Psychiatrieunterbringung an. Im Dezember 2024 steuerte ein 50-jähriger Arzt aus Saudi-Arabien ein Fahrzeug in den Magdeburger Weihnachtsmarkt: sechs Tote, darunter ein neunjähriges Kind, über 300 Verletzte.
Die Motive unterschieden sich erheblich. Trier und Mannheim: psychische Erkrankung ohne politischen Hintergrund. Magdeburg: gezielter politisch motivierter Angriff. Leipzig: ungeklärt, erste Hinweise sprechen gegen eine Gesinnungstat. Gemein ist allen vier Fällen die Wahl des Tatorts: belebte Räume, in denen sich niemand einer Gefahr bewusst ist.
Die Pollerfrage stellt sich erneut
Nach dem Magdeburger Anschlag im Dezember 2024 hatte der Bund eine Debatte über bauliche Schutzmaßnahmen in Fußgängerzonen angestoßen. Der Deutsche Städtetag forderte damals ein Förderprogramm für Betonpoller und Stahlbarrieren an exponierten Orten. Mehrere Kommunen, darunter Köln, Hannover und München, haben seitdem Poller an ausgewählten Stellen errichtet oder deren Errichtung geplant. Leipzig hatte Medienberichten zufolge eigene Prüfungen angekündigt. Ob die Grimmaische Straße in diesem Prüfprozess einbezogen war, ist derzeit nicht bekannt. Für das konkrete Szenario vom Montag, ein Fahrzeug, das von der Straße in die Fußgängerzone einbiegt, sind Poller an den Zufahrten eine der wenigen wirklich wirksamen Maßnahmen.
Psychiatrisches Gutachten in den nächsten Tagen
Die Staatsanwaltschaft Leipzig hat die Ermittlungen aufgenommen. Der Verdächtige wird vernommen; ein psychiatrisches Gutachten wird in Kürze in Auftrag gegeben, was bei Straftaten dieser Schwere in Deutschland dem Standard entspricht. Lautet das Ergebnis auf schwere psychische Erkrankung, wäre ein Verfahren ähnlich wie in Mannheim möglich: Unterbringung in einer forensischen Psychiatrie statt klassischer Freiheitsstrafe. Ob ein Haftbefehl bereits am Abend des 4. Mai vorlag, war von der Staatsanwaltschaft noch nicht bestätigt.