Bluttest erkennt 50 Krebsarten vor ersten Symptomen
Ein Bluttest, der gleichzeitig über 50 verschiedene Krebsarten erkennt und dabei in 99,6 Prozent aller Fälle keinen falschen Alarm auslöst. Das war jahrelang ein Labor-Versprechen. Seit dem 19. Februar 2026 ist es das Ergebnis einer der größten randomisierten klinischen Studien, die je in der Krebsfrüherkennung durchgeführt wurden. Das britische National Health Service und das Biotechunternehmen Grail haben Ergebnisse ihres NHS-Galleri-Trials mit 142.000 Teilnehmern veröffentlicht: Der Galleri-Test findet viermal mehr Krebsfälle als die bisherige Standardversorgung.
Warum frühe Erkennung entscheidend ist
Die Überlebenschancen bei Krebs hängen stark davon ab, in welchem Stadium die Erkrankung gefunden wird. Bei Lungenkrebs liegt die Fünfjahresüberlebensrate im Stadium I bei über 60 Prozent, im Stadium IV bei unter zehn Prozent. Bei Bauchspeicheldrüsenkrebs beträgt der Unterschied zwischen den Stadien I und IV mehr als 80 Prozentpunkte Überlebenswahrscheinlichkeit. Das Problem: Viele Krebsarten, darunter Eierstock-, Speiseröhren- und Leberkrebs, verursachen lange keine Symptome und werden daher häufig erst in einem fortgeschrittenen Stadium entdeckt, wenn eine Heilung kaum noch möglich ist.
Gängige Früherkennungsuntersuchungen existieren für einige häufige Krebsarten: Mammografie für Brustkrebs, Koloskopie für Darmkrebs, PSA-Test für Prostatakrebs. Für die meisten der über 100 bekannten Krebsarten gibt es keine Standardscreening-Programme. Genau hier setzt der Galleri-Test an.
Was der Test kann und wie er funktioniert
Der Galleri-Test des US-Unternehmens Grail analysiert im Blut zirkulierende DNA-Fragmente, die von absterbenden Körperzellen stammen. Krebszellen hinterlassen dabei charakteristische Methylierungsmuster, die sich von normalen Zellen unterscheiden. Algorithmen des maschinellen Lernens erkennen diese Muster. Wird ein Krebssignal gefunden, gibt der Test zusätzlich das wahrscheinliche Ursprungsgewebe an, mit einer Genauigkeit von rund 90 Prozent. Das beschleunigt die anschließende Diagnostik erheblich: Arzt und Patient wissen sofort, wo sie suchen müssen.
In der NHS-Galleri-Studie wurden 142.000 Menschen zwischen 50 und 77 Jahren über drei Jahre begleitet. Die Kernergebnisse vom 19. Februar 2026: Für die zwölf Krebsarten, die für zwei Drittel aller Krebstodesfälle verantwortlich sind, darunter Lungen-, Bauchspeicheldrüsen- und Eierstockkrebs, lag die Erkennungsrate bei 73,7 Prozent. Die Gesamterkennungsrate über alle Krebsarten betrug 40,4 Prozent. Besonders bedeutsam war der Rückgang der Stadium-IV-Diagnosen in jedem Screening-Jahr. Weniger Patienten mit Spätstadienbefunden bedeutet, dass mehr Tumoren gefunden wurden, bevor sie sich ausgebreitet hatten.
Grenzen und Einschränkungen
Der Test ist kein Allheilmittel. Bei frühen Stadien liegt die Erkennungsrate bei 27,5 Prozent, für Stadium I allein bei 16,8 Prozent. Er erkennt also die meisten frühen Krebserkrankungen nicht. Ein positiver Befund erfordert immer aufwendige Folgeuntersuchungen: Bildgebung, Biopsie oder endoskopische Verfahren. Der Test ersetzt bestehende Screening-Programme nicht. Wer eine Mammografie oder Darmspiegelung braucht, braucht sie weiterhin.
Die Spezifität von 99,6 Prozent klingt hoch. In der Praxis bedeutet sie, dass bei einem bevölkerungsweiten Screening von einer Million Menschen rund 4.000 Personen ohne Krebs ein positives Ergebnis erhalten und aufwendige Folgeuntersuchungen auf sich nehmen würden. Grail betont, dass der Test deshalb nicht als allgemeines Massenscreening gedacht ist, sondern für Erwachsene ab 50 Jahren mit erhöhtem Krebsrisiko.
Zulassung und Verfügbarkeit
In den USA ist der Galleri-Test kommerziell erhältlich, allerdings nicht als FDA-zugelassener Test, sondern als sogenannter Laboratory Developed Test unter der CLIA-Regulierung für Hochkomplexitätslabore. Seit dem 4. Februar 2026 bietet das Digitalgesundheitsunternehmen Hims & Hers den Test an: 699 US-Dollar für Abonnenten, 949 US-Dollar regulär. Die FDA hat dem Test die Breakthrough-Device-Designation erteilt. Am 29. Januar 2026 reichte Grail das abschließende Modul des Premarket-Approval-Antrags ein, eine vollständige FDA-Zulassung steht noch aus.
In Großbritannien wird diskutiert, ob und zu welchen Kosten der Test in das NHS-Leistungsportfolio aufgenommen werden sollte. Die NHS-Galleri-Studie war weltweit das erste randomisierte kontrollierte Trial für einen Multi-Krebs-Früherkennungstest dieser Art. Ihre Ergebnisse bilden die Grundlage für politische Entscheidungen über eine mögliche öffentliche Finanzierung.
Was als nächstes kommt
Grail erwartet eine FDA-Entscheidung über den Premarket-Approval-Antrag im Lauf des Jahres 2026. Bis dahin bleibt der Test in den USA auf zahlende Patienten beschränkt. Ob er Teil eines kostenlosen nationalen Screenings werden wird, sei es im NHS oder in anderen Gesundheitssystemen, hängt von Kosten-Nutzen-Analysen ab, die gerade erst begonnen haben. Die NHS-Studiendaten liefern dafür erstmals eine belastbare empirische Grundlage. Ob die Zahl der geretteten Leben die Kosten der Folgeuntersuchungen falscher Alarme rechtfertigt, wird die gesundheitspolitische Frage der nächsten Jahre sein.