Rubio zweifelt an Irans Verhandlungsvollmacht
Außenminister Marco Rubio nannte Irans Hormus-Angebot am Dienstag „besser als erwartet" und stellte sofort die Frage, die das Angebot in Zweifel zieht: Hat die Person, die es einreichte, überhaupt das Mandat gehabt? Rubio sagte im Fox-News-Interview: „Es gibt weiterhin Fragen, ob die Person, die das Angebot eingereicht hat, auch befugt war, es einzureichen." Diese Skepsis ist nicht diplomatisches Taktieren. Sie benennt ein reales Machtproblem in Teheran, bei dem ein Außenminister Angebote machen kann, die der faktisch mächtigste Mann im Land anschließend kassiert.
Vahidi, der Mann im Hintergrund
Ahmad Vahidi übernahm am 1. März 2026 das Kommando über die Islamischen Revolutionsgarden (IRGC), nachdem sein Vorgänger Mohammad Pakpour am ersten Kriegstag getötet worden war. Seitdem gilt Vahidi nach übereinstimmenden Analysen als faktischer Entscheidungsträger im iranischen Sicherheitsapparat. Gemeinsam mit seinen Vertrauten Ali Akbar Ahmadian und Mohammad Bagher Zolghadr setzt er die Verhandlungsmandate und roten Linien, nicht Außenminister Abbas Araghchi. Präsident Masoud Pezeshkian ist nach Berichten des Nachrichtenportals Fox News von zentralen Entscheidungen weitgehend ausgeschlossen.
Der Unterschied zwischen diplomatischem Signal und tatsächlichem Entscheid zeigte sich nach Trumps Waffenruheverlängerung am 21. April besonders deutlich. In den folgenden Tagen beschlagnahmten IRGC-Kräfte zwei Frachtschiffe in der Straße von Hormus und feuerten auf drei weitere Schiffe. Iran verweigerte jede offizielle Stellungnahme zur Verlängerung und erklärte, ihr nie zugestimmt zu haben. Was Araghchi in öffentlichen Erklärungen als Verhandlungsbereitschaft dargestellt hatte, konterkarierte Vahidis Apparat durch konkrete Aktionen.
Amerikanische Regierungsbeamte sehen Vahidi inzwischen als zentrales Hindernis für jede belastbare Einigung. Amerikanische Medien, darunter CNN und The Defense News, berichten, die Trump-Regierung prüfe, Vahidi als militärisches Ziel einzustufen, sollte die Waffenruhe endgültig zusammenbrechen.
Das Vollmachtproblem in Teherans Führungsstruktur
Dass Rubio ausgerechnet die Autorität des Unterhändlers infrage stellt, liegt an einer strukturellen Schwachstelle in der iranischen Führung. Oberster Führer Mojtaba Khamenei, beim amerikanisch-israelischen Angriff vom 28. Februar schwer verletzt, kommuniziert ausschließlich schriftlich über Boten. Amerikanische Geheimdienstquellen berichteten der New York Times, die entscheidende Frage sei nicht ob Khamenei eine Meinung hat, sondern ob er sie seinen Untergebenen klar genug mitteilt. Wer ohne klares Mandat von oben verhandelt, kann Zusagen machen, die das System anschließend nicht deckt.
Trump griff genau dieses Problem am 21. April auf, als er die Waffenruhe mit der Begründung verlängerte, Irans Führung sei „ernsthaft gespalten". Er machte die Bedingung, Iran müsse einen einheitlichen Verhandlungsvorschlag vorlegen. Dass nach mehr als einer Woche kein solches einheitliches Papier erschien, bis Araghchi das Hormus-Angebot über pakistanische Vermittler einreichte, deutet darauf hin, dass die Einheitlichkeit dieses Angebots eben jene Frage ist, die Rubio jetzt stellt.
Khameneis erste Botschaft an das Ausland
Beim Treffen zwischen Araghchi und Wladimir Putin in Moskau am Montag gab Putin bekannt, er habe vergangene Woche eine persönliche Botschaft von Mojtaba Khamenei erhalten. Es war die erste bekannte internationale Kommunikation des neuen Obersten Führers seit seiner Ernennung vor mehr als sechs Wochen. Den Inhalt gaben weder Moskau noch Teheran bekannt. Putins Antwort an Araghchi war protokollarisch präzise: „Übermitteln Sie dem Obersten Führer bitte meinen Dank für seine Nachricht und meine besten Wünsche für seine Gesundheit." Die explizite Erwähnung der Gesundheitswünsche in einem formellen Protokollsatz bestätigt, was bisher Spekulation war: Khameneis körperlicher Zustand ist so unsicher, dass er in einem diplomatischen Kommuniqué eigens thematisiert wird.
Der Zeitpunkt der Botschaft ist auffällig. Sie wurde vergangene Woche übermittelt, kurz bevor das Hormus-Angebot über pakistanische Vermittler die USA erreichte. Ob sie das Angebot formell autorisiert hat, blieb offen. Für Rubios Vollmacht-Frage ist sie aber relevant: Wenn Khamenei schriftlich an Putin kommuniziert, könnte er dasselbe an Araghchi getan haben. Ob der IRGC unter Vahidi das billigt, ist eine andere Frage.
Warum die Vollmachtfrage den Ölpreis beeinflusst
Für Deutschland sind diese Machtfragen keine abstrakte Außenpolitik. Nordseeöl notiert bei 106 bis 108 Dollar pro Barrel, rund 45 Prozent über dem Niveau vor Kriegsbeginn. Eine DIHK-Umfrage unter 2.400 deutschen Unternehmen zeigt, dass 87 Prozent der Industriebetriebe direkte Auswirkungen auf Produktion und Lieferketten melden. Das ifo-Institut hat die Wachstumsprognose für Deutschland auf 0,6 Prozent gesenkt.
Selbst wenn Trump Irans Hormus-Angebot akzeptierte, blieben die Ölpreise hoch, solange Vahidis IRGC sich nicht gebunden fühlt. Ein Abkommen, das der Außenminister unterschreibt und das die Revolutionsgarden anschließend durch neue Schiffsbeschlagnahmen konterkarieren, ist wirtschaftlich wertlos. Der Beleg dafür liegt bereits vor: Die Tankerbeschlagnahmen unmittelbar nach der Waffenruheverlängerung geschahen parallel zu Araghchi-Erklärungen über Verhandlungsbereitschaft.
Was am 1. Mai entscheidet
Am 1. Mai läuft die gesetzliche Frist der War Powers Resolution ab. Senate-Demokratenführer Chuck Schumer hat eine sechste Abstimmung angekündigt, die Trump zur Einstellung der Militäroperationen verpflichten würde. Auch im Repräsentantenhaus scheiterte ein entsprechender Antrag zuletzt mit 213 zu 214 Stimmen knapp. Selbst wenn der Kongress die Operationen beendet, bleibt die Straße von Hormus gesperrt, bis Vahidis IRGC eine Öffnung freigibt.
Rubios Frage, ob der iranische Unterhändler die nötige Vollmacht hatte, wird bis zum 1. Mai keine offizielle Antwort erhalten. Entweder legt Teheran ein neues, klar von Khamenei autorisiertes Dokument vor, das auch die IRGC-Führung trägt. Oder die USA akzeptieren das bestehende Angebot unter dem Vorbehalt, dass seine Umsetzung unsicher bleibt. Beide Optionen verändern die Grundkonstellation nicht: Für belastbare Vereinbarungen muss Vahidi entweder eingebunden sein oder aus der Gleichung entfernt werden.