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VAE verlassen OPEC: Irans Krieg erschüttert Golfstaaten

VAE verlassen OPEC: Irans Krieg erschüttert Golfstaaten

Die Vereinigten Arabischen Emirate verlassen am 1. Mai die OPEC, mit 16 Prozent der Kartellproduktion der größte Mitgliederaustritt in der Geschichte des Ölkartells. Zur gleichen Zeit untersuchen US-Geheimdienste Szenarien für eine einseitige Siegeserklärung Trumps im 60 Tage alten Irankrieg.

29. April 2026, 8:37 Uhr 810 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Am 1. Mai verlassen die Vereinigten Arabischen Emirate die OPEC. Mit einer täglichen Ölproduktion von 3,4 Millionen Barrel, die 16 Prozent der gesamten Kartellproduktion ausmachen, ist das der folgenreichste Mitgliederaustritt in der Geschichte des Ölkartells. Zur gleichen Zeit untersuchen US-Geheimdienste, wie der Iran auf eine einseitige Siegeserklärung Trumps reagieren würde: An Tag 60 des Irankrieges beginnt der Persische Golf auseinanderzufallen.

Der VAE-Bruch und seine Logik

Das OPEC-Kartell leidet seit zwei Monaten unter dem Krieg. Die Straße von Hormus ist seit dem 12. April durch eine US-Marineblockade de facto geschlossen. Der normale Schiffsverkehr von rund 100 Frachtern täglich ist auf nahezu null gesunken, etwa 2.000 Schiffe sitzen in der Region fest. Für die Vereinigten Arabischen Emirate, deren Ölexporte fast ausschließlich über Hormus laufen, macht die Blockade jede Förderquote bedeutungslos: Was produziert wird, kommt ohnehin nicht durch.

Hinzu kommt eine tiefere Verstimmung. Iranische Drohnen hatten mehrfach emiratisches Territorium getroffen. Das von Saudi-Arabien dominierte Kartell hatte aus Sicht Abu Dhabis die Golfnachbarn nicht ausreichend geschützt. Dass die VAE die ihnen zugeteilten Förderquoten seit Jahren systematisch überschreiten, war innerhalb der OPEC ein Dauerkonfliktherd. Abu Dhabi hält sich für in der Lage, deutlich mehr zu produzieren als das Kartell erlaubt. Außerhalb der OPEC können die Emirate diese Kapazitäten nach Kriegsende frei nutzen.

Ökonomen wie DekaBank-Chefvolkswirt Ulrich Kater erwarten, dass die VAE ihre Produktion nach dem Austritt ausweiten werden. Das würde mittel- bis langfristig den Ölpreis drücken, kurzfristig aber vor allem die Fragmentierung des Kartells beschleunigen. Für die verbliebenen elf OPEC-Mitglieder stellt sich die Frage, ob der Austritt der größten Nicht-Saudi-Fördernation Schule macht.

Washingtons Dilemma nach 60 Kriegstagen

Innenpolitisch befinden sich die USA in einer schwierigen Lage. Eine Reuters/Ipsos-Umfrage der vergangenen Woche zeigt: Nur 26 Prozent der Amerikaner halten den Militäreinsatz gegen den Iran für die Kosten wert, nur 25 Prozent sagen, er habe die USA sicherer gemacht. Mit den Midterm-Wahlen im Spätherbst 2026 wächst der Druck auf die republikanische Fraktion.

US-Geheimdienste analysieren auf Anfrage hochrangiger Regierungsvertreter, wie der Iran auf eine einseitige Siegeserklärung Trumps reagieren würde. Die bisherigen Szenarien sind unbefriedigend: Zöge sich Trump mit einer Siegeserklärung zurück und reduzierte die US-Truppenpräsenz, würde der Iran das nach Einschätzung der Geheimdienste als eigenen Sieg werten. Blieben die USA trotz Siegeserklärung stark in der Region präsent, wäre das aus iranischer Sicht ein taktisches Manöver ohne echten Rückzug.

Hinzu kommt der verfassungsrechtliche Druck: Am 1. Mai läuft die War Powers Resolution ab, die dem Präsidenten die rechtliche Grundlage für den laufenden Militäreinsatz gibt. Demokraten im Kongress bereiten für diesen Tag eine Abstimmung vor, die Trump zur Einstellung der Kampfhandlungen zwingen würde.

Das Verhandlungsangebot des Iran bleibt unverändert. Teheran ist bereit, die Straße von Hormus zu öffnen und den Krieg zu beenden, wenn Washington die Seeblockade aufhebt. Die Atomfrage soll ausgeklammert werden. Trump hat das als unvollständig abgelehnt. Sonderbeauftragter Steve Witkoff und Jared Kushner sollten zur Vermittlung nach Islamabad fliegen, Trump stoppte die Reise am 27. April persönlich mit der Begründung, er werde nicht 15 Stunden im Flugzeug sitzen. Irans Außenminister Abbas Araghchi reiste stattdessen nach Sankt Petersburg, wo er Russlands Präsidenten Putin traf und die Beziehungen beider Länder als strategische Partnerschaft bezeichnete.

Was Deutschland und Europa spüren

Der Brent-Ölpreis notiert über 100 US-Dollar pro Barrel. An deutschen Tankstellen kostet Super E10 nach Daten des ADAC im Schnitt mehr als 2,10 Euro pro Liter. Seit Beginn der Hormusblockade am 12. April spüren Verbraucher und Unternehmen die Folgen direkt. Für die Energieversorgung im Winter 2026/27 stellen Fachleute die Frage, ob die Flüssiggasversorgung Europas gesichert ist: Ein erheblicher Teil der LNG-Lieferungen aus dem Persischen Golf passiert die Straße von Hormus.

Der VAE-Austritt könnte die Lage mittelfristig in zwei Richtungen verschieben. Wenn die Emirate ihre Produktion nach Kriegsende ausweiten, könnten fallende Ölpreise die Energiekosten in Europa entlasten. Kurzfristig aber vertieft der Schritt die Unsicherheit über die geopolitische Ordnung am Persischen Golf und damit über einen der wichtigsten Energiekorridore der Welt.

Was am 1. Mai passiert

Drei Entwicklungen verdichten sich auf denselben Tag. Der VAE-Austritt aus der OPEC wird wirksam. Im US-Kongress stimmt das Repräsentantenhaus über eine Resolution ab, die Trump zur Einstellung der Iranoperationen zwingen würde. Und die diplomatischen Kanäle sind nach dem gescheiterten Islamabad-Besuch unterbrochen. Ob Trump den Kongress politisch überstimmen kann, eine Siegeserklärung wählt oder auf das Verhandlungsangebot Teherans eingeht, entscheidet sich in den kommenden 72 Stunden.