Deutschland zählt mehr Auslandsstudierende als je zuvor
Während die USA, Kanada, Großbritannien und Australien ihre Hochschulen für internationale Studierende zunehmend schwerer zugänglich machen, gewinnt Deutschland als Studienstandort massiv an Attraktivität. Für das Wintersemester 2025/26 prognostiziert der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) rund 420.000 internationale Studierende und Promovierende an deutschen Hochschulen. Das wäre ein neuer Rekord und ein Plus von rund 4 Prozent gegenüber dem bestätigten Wert von 402.083 im Vorjahr.
Woher die Zahlen kommen
Die Projektion basiert auf einer DAAD-Umfrage vom Dezember 2024, bei der 212 deutsche Hochschulen befragt wurden. Diese Einrichtungen decken rund 78 Prozent aller in Deutschland eingeschriebenen internationalen Studierenden ab. Die offiziellen amtlichen Statistiken für das Wintersemester 2025/26 wird das Statistische Bundesamt erst im Herbst 2026 veröffentlichen. Bis dahin bleibt die DAAD-Hochrechnung die belastbarste verfügbare Schätzung.
Besonders auffällig: Die Zahl der internationalen Erstsemester stieg laut der Umfrage auf rund 99.000, ein Plus von 9 Prozent gegenüber den 91.000 des Vorjahres. Da Erstsemesterzahlen als Frühindikator für die weitere Entwicklung gelten, deutet das auf einen sich selbst verstärkenden Trend hin.
Indien überholt China, anglophones Ausland verliert
Für das Wintersemester 2024/25 veröffentlichte der DAAD im November 2025 konkrete Herkunftsdaten: Indien hat China als größtes Herkunftsland abgelöst. Rund 59.000 indische Studierende waren eingeschrieben, 20 Prozent mehr als im Vorjahr. China kommt auf rund 38.600, was einem Rückgang von 7 Prozent seit dem Wintersemester 2019/20 entspricht.
Geografisch kommt rund ein Drittel der internationalen Studierenden aus dem asiatisch-pazifischen Raum, 19 Prozent aus Nordafrika und dem Nahen Osten, 15 Prozent aus Westeuropa. Der starke Anstieg aus Indien hängt laut DAAD-Analysen auch damit zusammen, dass die USA nach dem Regierungswechsel 2025 ihre Visaregeln für Studierende verschärft haben, während Kanada und Australien ihre Aufnahmezahlen aktiv gedeckelt haben.
Warum Deutschland profitiert
Deutschlands Attraktivität für internationale Studierende basiert auf drei strukturellen Faktoren. Erstens erheben staatliche Universitäten im Regelfall keine Studiengebühren, was Deutschland im internationalen Vergleich zu einer günstigen Option macht. Zweitens gibt es ein 18-monatiges Aufenthaltsrecht zur Arbeitsplatzsuche nach dem Abschluss, das für viele Absolventen aus aufstrebenden Wirtschaftsregionen ein entscheidender Anreiz ist. Drittens vergeben DAAD und das Bundesministerium für Bildung und Forschung jährlich Tausende Stipendien an internationale Studierende.
Laut dem DAAD-Bericht „Wissenschaft weltoffen 2025" sind die Abbruchquoten internationaler Studierender außerdem niedriger als bisher angenommen. Das bedeutet, dass ein größerer Anteil der internationalen Studierenden ihr Studium tatsächlich abschließt und dem deutschen Arbeitsmarkt als Fachkraft zur Verfügung steht.
Ungleich verteilt und nicht ohne Risiko
Nicht alle Hochschulen profitieren gleich. Nur 42 Prozent der befragten Universitäten berichten von steigenden Zahlen neuer internationaler Studierender. Das deutet auf eine Konzentration an etablierten Hochschulen in Großstädten hin, während Fachhochschulen und regionale Universitäten weniger davon haben.
Ein strukturelles Risiko bleibt: Die Diskussion über die Einführung von Studiengebühren speziell für internationale Studierende wird in mehreren Bundesländern geführt. Baden-Württemberg hat 2017 solche Gebühren eingeführt und danach einen temporären Rückgang internationaler Einschreibungen verzeichnet, bevor sich die Zahlen wieder erholten. Sollten weitere Länder diesem Modell folgen, könnte das die Wettbewerbsposition Deutschlands gegenüber gebührenfreien Alternativen in Nordeuropa schwächen.
Deutschland auf Platz zwei weltweit
Deutschland belegt laut DAAD weltweit Platz zwei als Zielland für internationale Wissenschaftler und Studierende, nach den USA. Seit dem Jahr 2000 hat sich die Zahl internationaler Studierender von rund 175.000 auf heute fast 420.000 mehr als verdoppelt. Ob dieser Trend anhält, hängt nicht nur von der globalen Nachfrage ab, sondern auch davon, ob Deutschland politisch und bürokratisch ein verlässlicher Standort bleibt.