Deutschlands einzige Wale: beliebt, beobachtet, bedroht
Jedes Frühjahr kommen sie: Im April tauchen Schweinswale im Jadebusen nahe Wilhelmshaven auf, angezogen von reichen Fischbeständen in den flachen Küstengewässern. Seit dem 24. April läuft dort zum zehnten Mal die bundesweit einzigartige Veranstaltungsreihe der Schweinswal-Tage. Es ist ein Anlass, die Frage zu stellen, wie es Deutschlands einziger heimischer Walart wirklich geht.
Ein Wal, der Deutschland gehört
Der Schweinswal (Phocoena phocoena) ist das einzige Meeressäugetier, das in deutschen Gewässern dauerhaft lebt und sich fortpflanzt. Mit einer Körperlänge von 1,2 bis 1,9 Metern gehört er zu den kleinsten Walen der Welt. In der Nordsee leben nach der europaweiten Bestandserhebung SCANS IV aus dem Jahr 2022 rund 340.000 Tiere. Das klingt nach einer soliden Zahl. Das Problem: Zwischen 2002 und 2019 ist der Bestand in den deutschen Nordseegewässern jährlich um knapp zwei Prozent zurückgegangen. In der Ostsee ist die Situation dramatischer: Die dortige Teilpopulation ist auf wenige hundert Individuen geschrumpft.
Der Jadebusen bietet im Frühjahr besonders günstige Bedingungen: flaches, nahrungsreiches Wasser, ruhige Buchten, geringe Schiffsdichte im Küstenbereich. Schweinswale sind hier manchmal sogar vom Ufer aus zu beobachten, was in Deutschland einzigartig ist. Was anderswo nur auf Hochseeschiffen möglich ist, gelingt am Jadebusen mit etwas Geduld und einem Fernglas vom Strand aus.
Drei Bedrohungen, eine schleichende Krise
Obwohl der Schweinswal in Deutschland streng geschützt ist, bleiben drei Bedrohungen strukturell ungelöst.
Erstens: Beifang. In der Nordsee sterben nach wissenschaftlichen Schätzungen rund 17 Prozent der Tiere als unbeabsichtigte Beifänger in Fischernetzen, in der Ostsee liegt der Anteil mit 31,4 Prozent noch höher. Besonders Stellnetze sind gefährlich: Schweinswale sind Sauerstoffatmer und ertrinken, wenn sie sich verfangen. Deutschland ist nach EU-Recht verpflichtet, akustische Abschreckmittel (sogenannte Pinger) in bestimmten Netzkategorien zu fördern. Die Umsetzung dieser Pflicht verläuft schleppend.
Zweitens: Unterwasserlärm. Windparkgründungen, Offshore-Rammarbeiten und militärischer Sonar erzeugen in Nordsee und Ostsee ein Dauerlärmproblem. Schweinswale sind existenziell auf Echoortung angewiesen; intensive Lärmquellen können ihr Ortungssystem beeinträchtigen, Tiere aus Nahrungsgebieten vertreiben oder in seltenen Fällen Strandungen verursachen.
Drittens: Meeresverschmutzung. Pestizide, Schwermetalle und Mikroplastik reichern sich im Fettgewebe der Wale an. Die Nordsee ist als relativ geschlossenes Meer besonders empfindlich für Rückstände, die aus Flüssen und dem Luftpfad eingetragen werden. Langzeitstudien zeigen erhöhte Schadstoffkonzentrationen bei Schweinswalen aus deutschen Gewässern.
Ein Schritt vorwärts: Bonn und ASCOBANS
2024 wurde die Teilpopulation der zentralen Ostsee-Schweinswale in Anhang I der Bonner Konvention (CMS) aufgenommen, dem höchsten internationalen Artenschutzstatus. Er verpflichtet die Anrainerstaaten zum aktiven Handeln, unter anderem durch temporäre Stellnetzverbote in ausgewiesenen Schutzgebieten. Für Deutschland bedeutet das konkrete Pflichten für das Bundesumweltministerium, das bislang noch keine entsprechenden Verbote erlassen hat.
Ebenfalls 2024 hat ASCOBANS, das internationale Kleinwal-Schutzabkommen für Nordsee und Ostsee, neue Richtlinien für walfreundliche marine Raumordnung verabschiedet. Sie empfehlen Stillstandzonen in bekannten Aufzuchtgebieten und Mindestabstände für Schifffahrtsrouten zu Schweinswalkonzentrationen. Wie verbindlich Deutschland diese Empfehlungen in nationales Recht überführt, ist offen.
Was die Schweinswal-Tage leisten
Die Schweinswal-Tage werden seit 2017 vom Mellumrat e.V. in Kooperation mit dem Nationalpark Wattenmeer und Whale and Dolphin Conservation Deutschland (WDC) veranstaltet. Schirmherr des Jubiläumsjahres ist der Schauspieler und Umweltaktivist Hannes Jaenicke. Das Programm umfasst Schiffstouren mit Walexperten, Vorträge und Informationsstände auf der Südstrandpromenade.
WDC stellt dabei eine Frage in den Mittelpunkt, die selten gestellt wird: die Klimafunktion des Schweinswals. Wale transportieren durch ihre vertikalen Bewegungen in der Wassersäule Nährstoffe vom Meeresboden an die Oberfläche und tragen damit zur marinen Produktivität bei. Wenn Wale sterben und absinken, binden ihre Kadaver Kohlenstoff langfristig im Meeresboden. Lebende Walbestände sind damit kein bloßes Naturschutzanliegen, sondern Teil des marinen Kohlenstoffkreislaufs.
Was zehn Jahre Schweinswal-Tage vor allem bewirkt haben: Der abstrakte Meeresschutzdiskurs bekommt ein Gesicht. Konzepte wie Stellnetzverbote und Lärmobergrenzen gewinnen an Kontur, wenn der Wal nicht Schlagzeile in einem Schutzbericht ist, sondern zwanzig Meter vor dem Bug des Ausflugsschiffs taucht.
Was jetzt entschieden wird
Die Schweinswal-Tage laufen bis zum 3. Mai 2026. Für die Art selbst sind in den kommenden Monaten zwei Entscheidungen in Berlin relevant: ob das Bundesumweltministerium temporäre Stellnetzverbote in ausgewiesenen Schweinswalschutzgebieten erlässt und wie die neuen ASCOBANS-Empfehlungen zur marinen Raumordnung in nationales Recht überführt werden. Beide Fragen sind noch offen.
Der Jadebusen wird auch im nächsten Frühjahr wieder Schweinswale sehen. Ob der Bestand derweil wächst, stagniert oder weiter sinkt, entscheidet sich nicht an der Küste, sondern in Brüssel und Berlin.