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Wirtschaft
Wall Street zweifelt am KI-Boom: OpenAI verfehlt Ziele

Wall Street zweifelt am KI-Boom: OpenAI verfehlt Ziele

OpenAI hat weder sein Nutzerwachstumsziel noch seine Umsatzziele für 2026 erreicht. Die Nachricht trifft eine Wall Street, die ohnehin durch steigende Ölpreise belastet ist. Der Nasdaq verlor 0,9 Prozent.

29. April 2026, 14:59 Uhr 762 Wörter · 4 Min. Lesezeit

OpenAI hat laut einem Bericht des Wall Street Journal weder sein Nutzerwachstumsziel noch seine Monatsumsatzziele für die ersten Monate des Jahres 2026 erreicht. Das Unternehmen wollte bis Ende 2025 eine Milliarde wöchentlich aktiver ChatGPT-Nutzer haben, erreichte aber rund 900 Millionen. An der Wall Street traf diese Nachricht am Dienstag auf eine ohnehin belastete Stimmung: Steigende Ölpreise schüren Inflationssorgen. Der Nasdaq verlor 0,9 Prozent auf 24.663 Punkte, der S&P 500 gab 0,5 Prozent auf 7.138 Punkte nach, der Dow Jones sank minimal um 0,1 Prozent auf 49.141 Punkte.

Das OpenAI-Problem und was es für die Branche bedeutet

Der Wall Street Journal-Bericht enthielt eine besonders alarmierende Innenansicht: Finanzchefin Sarah Friar soll Kollegen intern gewarnt haben, dass es schwierig werden könnte, die künftigen Cloud-Infrastrukturabkommen zu finanzieren, wenn das Umsatzwachstum sich nicht beschleunige. Das klingt nach einer technischen Haushaltswarnung, ist aber eine fundamentale Aussage über die Tragfähigkeit des gesamten KI-Geschäftsmodells.

OpenAI erzielt derzeit rund 25 Milliarden Dollar Jahresumsatz und hat mit Partnern wie Oracle und CoreWeave Infrastruktur für Hunderte Milliarden Dollar kontrahiert. Um diese Abkommen langfristig zu refinanzieren, müsste der Umsatz bis 2030 auf rund 280 Milliarden Dollar steigen. Das wäre ein elffacher Anstieg in vier Jahren. Wenn OpenAI seinen eigenen Wachstumspfad schon jetzt nicht hält, stellt sich die Frage, ob diese Projektion noch trägt.

OpenAI selbst wies den WSJ-Bericht zurück und erklärte, das Unternehmen arbeite auf allen Ebenen erfolgreich. Die Märkte reagierten skeptisch. Oracle-Aktien verloren 3,4 Prozent, weil der Konzern massive Rechenzentrumskapazitäten speziell für OpenAI aufgebaut hat. SoftBank, der größte Einzelinvestor in OpenAI, sah seinen Aktienkurs in Tokio um fast 10 Prozent einbrechen. OpenAI verliert zudem Marktanteile: Google Gemini gewinnt im Konsumentenbereich, Anthropic übernimmt im Unternehmensbereich und im Coding-Segment.

Ölpreise als zweiter Belastungsfaktor

Unabhängig von der OpenAI-Debatte belastet der Irankrieg die Märkte über seinen Effekt auf die Energiepreise. Iranische Ankündigungen in dieser Woche trieben den Ölpreis weiter in die Höhe. In den USA kostet reguläres Benzin im Schnitt 4,18 Dollar pro Gallone, ein Anstieg von 40 Prozent gegenüber dem Preisniveau zu Kriegsbeginn Ende Februar, als eine Gallone noch 2,98 Dollar kostete. Auf ähnlich hohem Niveau hatte der Benzinpreis zuletzt vor rund vier Jahren nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine gelegen.

Für die Finanzmärkte hat das einen doppelten Effekt. Erstens werden höhere Energiepreise als inflationäre Kraft gelesen, was die US-Notenbank Federal Reserve zu länger anhaltend hohen Zinsen bewegen könnte. Zweitens leiden Technologieaktien besonders unter einem Hochzinsumfeld, da ihre Bewertungen auf weit in der Zukunft liegenden Gewinnen basieren, die bei hohen Zinsen weniger wert sind. Wer auf KI-Aktien setzt, muss also nicht nur dem KI-Wachstum vertrauen, sondern auch einer baldigen Zinssenkung.

Die größere Frage: Hält die KI-Investitionsthese?

Die eigentliche Brisanz des OpenAI-Berichts liegt nicht im Jahresminus, sondern in der Grundfrage, ob die gesamte Logik des KI-Infrastrukturbooms noch trägt. Seit 2023 haben Cloud-Anbieter und Tech-Konzerne zusammen mehrere Billionen Dollar in KI-Infrastruktur investiert. Das rechtfertigte sich dadurch, dass führende Modelle wie ChatGPT exponentiell wachsen und die Rechenzentren auslasten würden. Wenn das Wachstum auf 900 statt einer Milliarde Nutzer abflacht und Monatsumsatzziele mehrfach verfehlt werden, stellen Investoren diese Grundannahme infrage.

Einige Analysten mahnten zur Differenzierung. Dass OpenAI Marktanteile verliere, bedeute nicht, dass der gesamte Sektor stagniere. Anthropic und Gemini könnten das Segment insgesamt vergrößern, auch wenn OpenAI kleiner werde. Der Rückschluss von einem Unternehmen auf die gesamte Branche sei voreilig. Zudem stehe noch die Fed-Sitzung in dieser Woche aus, deren Zinsentscheid die Marktbewegung in beide Richtungen verstärken könnte.

Earnings-Saison entscheidet über die Richtung

Die Quartalszahlen von Meta, Alphabet und Microsoft, die in dieser Woche berichtet werden, könnten die Debatte rasch verschieben. Wenn diese drei großen KI-Anbieter für Unternehmenskunden starkes Wachstum melden, dürfte die Wall Street die OpenAI-Nachricht als Einzelproblem und nicht als Sektorproblem einordnen. Wenn nicht, könnte die Skepsis sich vertiefen.

Vorerst gilt: Die Märkte haben das Vertrauen in den KI-Boom noch nicht verloren, aber der erste ernsthafte öffentliche Zweifel ist gesät. Dass er ausgerechnet von OpenAI kommt, dem Unternehmen, das den gegenwärtigen Hype maßgeblich ausgelöst hat, gibt ihm ein Gewicht, das ein Quartalsbericht eines kleineren Konkurrenten nicht hätte.