EU einigt sich auf neues Stahlschutzregime: 50 Prozent Zoll ab Juli
In der Nacht von Montag auf Dienstag haben sich Vertreter der EU-Mitgliedstaaten und des Europäischen Parlaments im Trilog auf eine neue Stahlschutzverordnung geeinigt. Das Ergebnis ist deutlich: Ab dem 1. Juli 2026 gilt ein Strafzoll von 50 Prozent auf Stahlimporte, die eine Jahresquote von 18,3 Millionen Tonnen überschreiten. Das ist doppelt so viel wie nach dem bisherigen Regime und rund 47 Prozent weniger zollfreie Importmenge als noch 2024.
Was sich konkret ändert
Die bisherige Schutzmaßnahme, die 2018 als Reaktion auf Trumps erste Stahlimportzölle eingeführt und seitdem mehrfach verlängert wurde, läuft am 30. Juni 2026 aus. Die neue Verordnung ist ihr Nachfolger, aber erheblich schärfer: Die zollfreie Einfuhrmenge sinkt von rund 34 Millionen Tonnen in 2024 auf 18,3 Millionen Tonnen. Wer darüber hinaus importiert, zahlt 50 statt bisher 25 Prozent Zoll auf den überschreitenden Anteil. Die Regelung betrifft mehr als 50 Stahlerzeugniskategorien, von Warmbreitband und Grobblech bis hin zu Stahlrohren.
Neu ist außerdem ein Transparenzmechanismus: Ab Oktober 2026 müssen Importeure belegen, in welchem Land der Stahl ursprünglich erschmolzen und vergossen wurde, der sogenannte Melt-and-Pour-Nachweis. Damit soll verhindert werden, dass chinesischer Stahl über Drittländer wie Malaysia, Vietnam oder die Türkei umgeleitet wird, um die Schutzmaßnahmen zu umgehen.
Warum jetzt und warum so scharf
Der Zeitdruck war strukturell bedingt: Ohne eine Nachfolgeregelung wäre die EU ab dem 1. Juli schutzlos gegenüber chinesischen Exportüberschüssen gewesen. China produziert jährlich rund eine Milliarde Tonnen Stahl, mehr als die Hälfte der globalen Produktion und exportiert erhebliche Mengen zu Preisen, die weit unter den Produktionskosten europäischer Hersteller liegen.
Zusätzlich verschärft die Handelspolitik der Trump-Regierung die Lage: Die US-Importzölle auf Stahl von 25 Prozent wurden 2025 ausgeweitet und drängen chinesische Überkapazitäten verstärkt auf europäische Märkte. Wer den US-Markt nicht bedienen kann, sucht andere Abnehmer. Europäische Hersteller sehen sich damit einer Konkurrenz gegenüber, die nicht aus Effizienzvorteilen, sondern aus staatlichen Subventionen resultiert.
Wer profitiert und wer trägt die Kosten
Die europäische Stahlindustrie beschäftigt direkt rund 330.000 Menschen, darunter mehrere zehntausend in Deutschland bei Unternehmen wie ThyssenKrupp, Salzgitter und Hüttenwerke Krupp Mannesmann. Für sie bringt die neue Verordnung Planungssicherheit und eine stabilere Preisbasis: Wenn weniger chinesischer Billigstahl in Europa landet, können europäische Hersteller wettbewerbsfähigere Preise halten.
Die Kosten trägt vor allem die verarbeitende Industrie. Die Automobilindustrie, der Maschinenbau und die Baubranche beziehen Stahl als zentralen Vorproduktionsfaktor. Steigen die Importpreise durch Zölle und können inländische Kapazitäten den Bedarf nicht vollständig decken, erhöhen sich ihre Rohstoffkosten. Diese Kosten werden, verzögert aber strukturell, an Endverbraucher weitergegeben: über teurere Fahrzeuge, Industrieanlagen und Bauprojekte.
Besonders die ohnehin unter Druck stehende Automobilindustrie könnte doppelt belastet werden. Sie konkurriert im Absatz mit günstigen chinesischen Elektrofahrzeugen und sieht sich im Einkauf mit steigenden Stahlpreisen konfrontiert. Dieser Zielkonflikt zwischen Industrieschutz und Wettbewerbsfähigkeit nachgelagerter Branchen zieht sich durch die gesamte handelspolitische Debatte der vergangenen Jahre.
Ausblick
Die Trilogeinigung muss noch formell vom Rat der EU und dem Europäischen Parlament bestätigt werden, gilt nach dem Ergebnis dieser Nacht aber als sicher. Die Verordnung tritt am 1. Juli 2026 in Kraft, parallel zum Auslaufen der bisherigen Schutzmaßnahme.
Das politische Risiko liegt in Vergeltungsmaßnahmen: China hat in der Vergangenheit auf EU-Schutzinstrumente mit Gegenzöllen auf europäische Exportprodukte reagiert, zuletzt auf Brandy und Schweinefleisch. Hinzu kommt, dass die EU derzeit gleichzeitig Ausgleichszölle auf chinesische Elektrofahrzeuge aufrecht erhält. Die neue Stahlverordnung fügt sich in ein Muster ein, in dem Europa seinen Binnenmarkt selektiv schützt, ohne eine kohärente Gegenstrategie zur chinesischen Industriepolitik formuliert zu haben.