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Wirtschaft
BioNTech schließt drei Werke: 1.860 Jobs weg

BioNTech schließt drei Werke: 1.860 Jobs weg

Der Impfstoffhersteller BioNTech schließt seine Produktionsstandorte in Marburg, Idar-Oberstein und Tübingen bis Ende 2027. Bis zu 1.860 Arbeitsplätze sind gefährdet, weil die Nachfrage nach Corona-Impfstoffen weitgehend kollabiert ist.

5. Mai 2026, 16:59 Uhr 762 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Der Impfstoffhersteller BioNTech schließt seine Produktionsstandorte in Marburg, Idar-Oberstein und Tübingen bis Ende 2027. Bis zu 1.860 Arbeitsplätze sind in Gefahr, 540 davon allein im hessischen Marburg. Das Werk dort war 2021 als Herzstück der europäischen mRNA-Produktion gefeiert worden, intern als "Wunschkind" bezeichnet und mit staatlicher Unterstützung in Rekordgeschwindigkeit aufgebaut. Jetzt schließt es, weil die Nachfrage nach Corona-Impfstoffen weitgehend kollabiert ist.

Von Rekordgeschwindigkeit zu Überkapazität

BioNTech ist kein gewöhnlicher Fall von Industriekonsolidierung. Das Mainzer Unternehmen wurde durch die Pandemie zum wertvollsten deutschen Unternehmen seiner Zeit: 2021 erzielte es einen Jahresumsatz von rund 18,9 Milliarden Euro und einen Nettogewinn von knapp 10 Milliarden Euro. Marburg war in dieser Phase das Herzstück der Produktion. Die Bundesregierung hatte BioNTech erhebliche Fördermittel bereitgestellt, um Produktionskapazitäten für die Pandemiebekämpfung schnell aufzubauen.

Heute sieht die Bilanz anders aus. Im ersten Quartal 2026 erzielte BioNTech laut eigenen Angaben einen Umsatz von lediglich 118,1 Millionen Euro, gegenüber 182,8 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Der Nettoverlust betrug 531,9 Millionen Euro, mehr als die 415,8 Millionen Euro Verlust des Vorjahresquartals. Die Nachfrage nach COVID-19-Impfstoffen in Europa und den USA ist strukturell gesunken. BioNTech produziert Corona-Impfstoffe künftig vollständig bei Pfizer-Standorten; die eigenen Produktionsstätten werden dafür nicht mehr benötigt.

Drei Standorte, 1.860 Stellen

Konkret schließen bis Ende 2027 die Werke in Marburg (540 Stellen), in Idar-Oberstein in Rheinland-Pfalz (bis zu 150 von 450 Stellen) und in Tübingen in Baden-Württemberg (rund 820 Stellen). Ein Standort in Singapur, der voraussichtlich bereits im ersten Quartal 2027 schließt, ist ebenfalls betroffen. BioNTech gibt an, nach vollständiger Umsetzung aller Maßnahmen bis 2029 jährliche Einsparungen von bis zu 500 Millionen Euro zu erzielen. Die frei werdenden Mittel sollen in die Entwicklung von Krebsmedikamenten fließen.

Die Reaktionen der Arbeitnehmervertreter sind eindeutig. Der Betriebsrat bezeichnete die Pläne als "inakzeptabel und verantwortungslos" und kündigte "entschiedenen Widerstand" an. Roland Strasser, Funktionär der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie (IG BCE), formulierte die Kritik strukturell: "Aus kurzfristigem finanziellem Kalkül streichen sie radikal Produktionskapazitäten zusammen und schaden damit der Resilienz des deutschen Pharmastandorts."

BioNTech begegnet dieser Kritik mit dem Hinweis, die Entscheidungen seien "mit schwerem Herzen" getroffen worden und spiegelten strategische Überlegungen wider, keine Leistungsprobleme der einzelnen Werke. Betriebsbedingte Kündigungen will das Unternehmen vermeiden. Wie das gelingen soll, wenn 1.860 Stellen wegfallen, hat BioNTech bislang nicht konkret erklärt.

Staatsgeld, private Rendite, öffentlicher Verlust

Die Schließungen stellen die politische Debatte über Industriesubventionen in ein neues Licht. Während der Pandemie war das Zusammenspiel zwischen BioNTech und dem deutschen Staat ein gern zitiertes Erfolgsbeispiel: Staatliche Förderung half dabei, Produktionskapazitäten schnell hochzuziehen, weil es um die Impfstoffversorgung der Bevölkerung ging. Die IG BCE hat diesen Widerspruch explizit benannt: BioNTech habe während der Pandemie Milliarden erwirtschaftet und erhebliche staatliche Subventionen erhalten, um die Fabriken aufzubauen. Jetzt schließe es sie.

Das Muster ist strukturell bekannt. Wenn staatlich gestützte Kapazitäten für einen konkreten Krisenfall aufgebaut werden, stellt sich nach der Krise regelhaft die Frage, was mit ihnen passiert. In Marburg, Idar-Oberstein und Tübingen lautet die Antwort: Schließung. Die betroffenen Regionen verlieren nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch über Jahre aufgebautes Knowhow in der mRNA-Technologie.

Krebsmedizin als nächste Wette: bis 2030

BioNTech ist nicht in einer Krise, sondern in einem strategischen Umbau. Das Unternehmen hat den Verlust eingepreist und verfolgt eine klare Richtung: mRNA-basierte Krebsmedikamente. Bis 2030 plant BioNTech mehrere Zulassungsanträge für onkologische Therapien. Klinische Studien, unter anderem bei Bauchspeicheldrüsenkrebs, laufen seit Jahren mit ersten positiven Ergebnissen.

Ob diese Wette aufgeht, ist offen. Klinische Studien bei Krebstherapien scheitern häufig. Der Schritt von einem einzelnen Impfstoffhit zu einem breit aufgestellten Krebsmedikamenten-Portfolio ist wissenschaftlich, regulatorisch und kommerziell anspruchsvoll. Was feststeht: Die Pandemie-Produktionsinfrastruktur in Deutschland wird dafür nicht mehr gebraucht. Die Schließungen sollen bis Ende 2027 abgeschlossen sein; ein Sozialplan steht noch aus.

Quellen (6)