Iran-Krieg: Jedes 3. Unternehmen stoppt Investitionen
Jedes dritte Unternehmen in Baden-Württemberg hat wegen des Iran-Kriegs Projekte zurückgestellt oder Investitionen gestrichen. Das zeigt eine Blitzumfrage des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertags (BWIHK) unter 372 Südwestbetrieben vom April 2026. 85 Prozent aller befragten Firmen berichten von Beeinträchtigungen. Die Zahlen machen systematisch sichtbar, welche betriebliche Realität sich hinter den makroökonomischen Wachstumsprognosen verbirgt, die Ökonomen seit Wochen senken.
Transportkosten als stärkste Einzellast
Mehr als 60 Prozent aller befragten Unternehmen nennen gestiegene Frachtkosten und Transportkosten als ihre größte Belastung. Im Industriesektor liegt dieser Anteil bei 75 Prozent, im Handel bei 78 Prozent. Der Preis für einen Standardcontainer auf der Route China-Deutschland ist seit Kriegsbeginn von etwa 1.800 auf rund 2.100 Euro gestiegen. Weitere 43 Prozent der Industriebetriebe berichten von konkreten Lieferkettenstörungen, 46 Prozent haben Preiserhöhungen registriert.
Der Hintergrund: Mit der faktischen Blockade der Straße von Hormus sind Containerrouten zwischen Asien und Europa teilweise umgeleitet worden. Frachtschiffe, die den Persischen Golf meiden, nehmen die längere Strecke um das Kap der Guten Hoffnung. Das verlängert Transitzeiten und treibt Logistikkosten. Für Industriebetriebe, die auf eng getaktete, termingebundene Lieferungen angewiesen sind, entstehen damit Planungsprobleme, die über die reine Kostenfrage hinausgehen.
Das ifo Institut hat parallel bundesweit Industrieunternehmen befragt: 78 Prozent nannten gestiegene Energiepreise als direkte Kriegsfolge, 36 Prozent berichten von Einschränkungen bei Schifffahrtswegen, weitere 36 Prozent von Lieferschwierigkeiten bei Vorprodukten und Rohstoffen. 24 Prozent erwarten sinkende Nachfrage auf ihren Exportmärkten.
Jedes dritte Unternehmen bremst
Was den BWIHK-Bericht von früheren makroökonomischen Prognosen unterscheidet, sind die Reaktionsdaten. 35 Prozent der befragten Betriebe haben Projekte oder Investitionen zurückgestellt. 63 Prozent haben ihr Risikomanagement intensiviert: Vertragsrevisionen, Lieferantenprüfungen, Absicherungsstrategien, die in normalen Zeiten keinen Ressourceneinsatz erfordern. 34 Prozent der Industriebetriebe haben Lagerbestände aufgebaut, um Lieferengpässe abzupuffern.
Lageraufbau klingt nach einer technischen Kennzahl, hat aber direkte wirtschaftliche Konsequenzen: Kapital, das in Vorräten gebunden ist, steht für Investitionen nicht zur Verfügung. Unternehmen, die gleichzeitig höhere Transportkosten zahlen, Risikomanagement aufwenden und Lager auffüllen, belasten ihre Liquidität auf drei Ebenen zugleich. Das erklärt, warum der Anteil der Betriebe, die Projekte verschieben, mit 35 Prozent höher liegt als in früheren Krisenumfragen etwa während des Ukrainekriegs.
BWIHK-Vizepräsident Claus Paal fasste die Stimmungslage so zusammen: „Die Unternehmen fahren auf Sicht.“ Die Formulierung beschreibt den Kern des Problems: Wer auf Sicht fährt, plant nicht langfristig. Investitionsentscheidungen werden vertagt, weil unklar ist, ob der Konflikt eskaliert, sich stabilisiert oder beigelegt wird.
Warum Baden-Württemberg besonders exponiert ist
Baden-Württemberg ist mit rund 590.000 Industriebeschäftigten das industriestärkste Flächenland Deutschlands. Maschinenbau, Automobilzulieferer, Elektronikhersteller und chemische Industrie sind Branchen, die besonders von internationalen Lieferketten und wettbewerbsfähigen Energiepreisen abhängen. Dass 75 Prozent der Industriebetriebe im Südwesten Transportkostenbelastungen melden, erklärt sich auch durch die starke Verflechtung mit asiatischen Lieferanten, für die Hormus und der Persische Golf zentrale Transitrouten sind.
Bundesweit zeigt sich ein noch schärferes Bild. Das ifo Institut stellt fest, dass 90 Prozent aller deutschen Industrieunternehmen erwarten, dass der Iran-Krieg ihre Geschäfte beeinträchtigen wird. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche hat die Konjunkturprognose der Bundesregierung für 2026 von 1,0 auf 0,5 Prozent halbiert. Was diese Zahl nicht zeigt: dass dahinter konkrete Entscheidungen stehen, Projekte die nicht umgesetzt, Planstellen die nicht besetzt werden.
Was als Nächstes entscheidet
Für die Wirtschaft im Südwesten hängt der weitere Verlauf an zwei Faktoren. Erstens: dem Fortgang der Verhandlungen zwischen Washington und Teheran. Irans Außenminister Abbas Araghchi hat zuletzt Pakistan und Russland besucht; direkte Gespräche zwischen beiden Seiten haben bislang kein Ergebnis gebracht. US-Präsident Trump muss bis zum 1. Mai die Genehmigung des Kongresses für die Fortführung der Militäroperationen einholen, eine verfassungsrechtliche Pflicht, die ihn unter Zeitdruck setzt.
Zweitens: den Energiepreisen. Rohöl notiert bei rund 96 Dollar je Barrel, rund 35 Prozent über Vorkriegsniveau. Goldman Sachs schätzt, dass eine dauerhafte Öffnung der Straße von Hormus den Preis um 18 bis 25 Prozent senken könnte, mit spürbarem Entlastungseffekt für Produktionskosten und Verbraucherpreise. Für die befragten Betriebe im Südwesten bedeutet das: Sie fahren weiter auf Sicht, bis eine der beiden Variablen kippt.