Net Zero auf Papier: Wie Ölkonzerne täuschen
Shell hat sein 2035-Emissionsziel im März 2025 ersatzlos gestrichen. BP kündigte im Februar 2025 an, die Ölproduktion bis 2030 auf 2,3 bis 2,5 Millionen Barrel täglich auszubauen, nach Berechnungen der Organisation Reclaim Finance ist das 57 Prozent mehr als das Niveau, das die Internationale Energieagentur für das 1,5-Grad-Klimaziel für vereinbar hält. Beide Konzerne hatten noch wenige Jahre zuvor vollmundig von der Energiewende gesprochen. Was jetzt wie eine Kurskorrektur aussieht, war nie etwas anderes: Die Klimaversprechen der Ölindustrie waren von Anfang an eine Marketingstrategie, keine Verpflichtung.
Eine Dekade Klimarhetorik
Seit dem Pariser Klimaabkommen 2015 überbieten sich Ölkonzerne mit Zusagen. „Net Zero by 2050“, „verantwortungsvolle Energiepartnerschaft“, „ausgewogene Energiezukunft“, die Sprache war gewählt, die Broschüren hochglänzend, die Kampagnen teuer. Shell, BP, TotalEnergies, ExxonMobil und Chevron veröffentlichten Transformationspläne. Europäische Konzerne priesen Windkraftanlagen und Solarparks. Politiker dankten für die „konstruktive Zusammenarbeit“.
Die Realität dahinter verlief anders. BP, das 2020 noch eine Senkung der Öl- und Gasproduktion um 40 Prozent bis 2030 ankündigte, korrigierte dieses Ziel schrittweise auf minus 25 Prozent, dann auf minus 10 Prozent und im Februar 2025 faktisch auf null. CEO Murray Auchincloss präsentierte Investoren stattdessen ein Wachstumsprogramm: mehr Öl, höhere Dividenden, weniger grüne Investitionen. Der Konzern begründete den Schwenk mit „veränderten Marktbedingungen“ und „Aktionärserwartungen“.
Shell folgte demselben Muster mit verblüffender Offenheit. Das Unternehmen hatte für 2035 eine Senkung der Kohlenstoffintensität um 45 Prozent versprochen. Im März 2025 strich CEO Wael Sawan dieses Ziel ersatzlos. Das Argument: Es sei „nicht mehr in unserem Geschäftsplan verankert“. Das 2030-Ziel wurde gleichzeitig von einer Reduktion um 20 Prozent auf einen Korridor von 15 bis 20 Prozent abgeschwächt, was technisch bedeutet, dass weiterhin keine Veränderung gegenüber dem Status quo verpflichtend ist. Die Organisation Carbon Brief, die Klimaberichte wissenschaftlich auswertet, dokumentierte: Shells Produktionspläne liegen nach dieser Korrektur rund 23 Prozent über dem Niveau, das mit dem Pariser Klimaziel vereinbar wäre.
Drei Phasen des Klimamarketings
Was Klimaforscherinnen als Greenwashing beschreiben, hat sich über zehn Jahre strategisch entwickelt. Die erste Phase (2015 bis 2021) bestand aus direkten Umweltbehauptungen: „Wir investieren in Erneuerbare“, „Wir reduzieren unsere Emissionen.“ Die zweite Phase (2021 bis 2023) setzte auf Zieldaten: „Net Zero by 2050“, Reduktionsprozentsätze für 2030 und 2035. Die dritte Phase, die Industrie seit etwa 2023 verfolgt, ist raffinierter: Sie bewirbt technische Lösungen, die den Weiterbetrieb fossiler Infrastruktur legitimieren sollen, ohne deren Ausbau einschränken zu müssen.
Carbon Capture and Storage, kurz CCS, gilt als Kernstück dieser Strategie. Die Technologie, CO2 industriell abzuscheiden und geologisch zu speichern, klingt nach echter Klimaschutzlösung. Eine Auswertung des Institute for Energy Economics and Financial Analysis (IEEFA) zeigt jedoch: Zwischen 73 und 82 Prozent aller weltweiten CCS-Kapazitäten werden für „Enhanced Oil Recovery“ eingesetzt. Das bedeutet: Mithilfe von CO2-Injektion wird mehr Öl aus bestehenden Feldern gepresst, das sonst nicht förderbar wäre. CCS ist damit in der Praxis nicht Klimaretter, sondern Produktionsverlängerung. Scientific American fasste das in einer Analyse so zusammen: „Don't Fall for Big Oil's Carbon Capture Deceptions.“
Die Kosten der Technologie belegen die Problematik. CO2-Abscheidung an industriellen Quellen kostet 15 bis 130 US-Dollar pro Tonne. Direkte Luftabscheidung, die Konzerne als skalierbare Zukunftslösung präsentieren, kostet 600 bis 1200 Dollar pro Tonne, bei einer globalen Aufgabe, die viele Milliarden Tonnen CO2 pro Jahr erfordern würde, rechnerisch nicht tragfähig. Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung bezeichnet Szenarien, die auf massivem CCS-Einsatz basieren, als kaum realistisch.
Der zweite Pfeiler des neuen Narrativs ist Wasserstoff. Alle großen Ölkonzerne präsentieren Wasserstoff als echte Klimainvestition. In der Praxis handelt es sich meist um „blauen Wasserstoff“, der aus Erdgas hergestellt wird und CCS zur Abscheidung nutzt, also wieder auf derselben Technologie basiert, die hauptsächlich die Ölproduktion stützt. Grüner Wasserstoff, aus Erneuerbaren erzeugt, bleibt nach Einschätzung des Potsdam-Instituts noch Jahrzehnte zu teuer und zu knapp für eine Massenanwendung. LNG, verflüssigtes Erdgas, wird als weitere „Übergangslösung“ angepriesen, obwohl sein Einsatz über lange Zeiträume die Erreichung von Klimazielen strukturell verhindert.
Finanzielle Kennzahlen zeigen, wo die tatsächlichen Prioritäten liegen. Shell kündigte Aktionären Ausschüttungen von 23 Milliarden US-Dollar an, sechsmal mehr als die 3,5 Milliarden, die der Konzern 2023 in erneuerbare Energien investierte. Follow This, eine Aktionärsinitiative, die Konzerne auf ihre Klimapläne verpflichten will, errechnete, dass Shell 8 Prozent seines Kapitalbudgets in Erneuerbare fließen lässt. Für einen Konzern, der öffentlich von sich als „Energiepartner der Transformation“ spricht, ist das eine aufschlussreiche Zahl.
Lobbyismus: Die andere Front
Parallel zur öffentlichen Klimarhetorik betreibt die fossile Industrie systematische politische Einflussnahme. Bei der Weltklimakonferenz COP28 in Dubai im November 2023 wurden 2.456 Vertreter der fossilen Industrie akkreditiert, wie Global Witness dokumentierte, ein absoluter Rekord und fast viermal so viele wie bei COP27 in Scharm el-Scheich (636 Lobbyisten). Zum Vergleich: Viele Inselstaaten, die am stärksten vom Klimawandel bedroht sind, entsendeten Delegationen im niedrigen zweistelligen Bereich. Der Austritt aus fossilen Energien, der auf dem Papier des Abschlusstexts von COP28 steht, wurde im Verfahren auf ein unverbindliches „transitioning away“ abgemildert.
In Brüssel ist die Präsenz dauerhaft. Shell beschäftigt nach dem EU-Transparenzregister 18 spezialisierte Lobbyisten für EU-Arbeit und gibt dafür 6 Millionen Euro jährlich aus. BP kommt auf über 2 Millionen Euro. LobbyControl beziffert das Gesamtbudget der fünf größten westlichen Ölkonzerne für EU-Lobbyarbeit auf über 16 Millionen Euro pro Jahr. Die Strategie gleicht strukturell dem, was Soziologen bei der Tabakindustrie analysiert haben: Forschungsinstitute finanzieren, die Zweifel schüren, vermeintlich neutrale Organisationen sponsern, Entscheidungsträger mit Argumenten aus dem Bereich „Energiesicherheit“ und „Versorgungsstabilität“ bearbeiten.
Das Ergebnis dieser Arbeit zeigt sich in nüchternen Zahlen. Die G7-Staaten verpflichteten sich 2016, fossile Subventionen bis 2025 abzubauen. In Deutschland beziffert das Umweltbundesamt umweltschädliche Subventionen auf rund 65 Milliarden Euro jährlich, ein erheblicher Teil davon entfällt direkt auf fossile Energieträger. Das DIW Berlin hat berechnet, dass diese Summe seit dem G7-Versprechen nicht gesunken, sondern tendenziell gestiegen ist. Deutschland liegt damit im internationalen Vergleich der Industriestaaten weit hinten bei der Umsetzung seiner eigenen Klimaversprechen.
RWE und das Muster in Deutschland
Deutsche Energiekonzerne folgen dem gleichen Schema wie die internationalen Riesen, nur mit weniger globaler Aufmerksamkeit. RWE, Deutschlands größter Stromerzeuger, bewirbt sich in Kampagnen als Pionier der Energiewende und verweist auf Windkraftprojekte in der Nordsee. ClientEarth, eine auf Klimarecht spezialisierte Organisation, analysiert in ihren „Greenwashing Files“ die Lücke zwischen Kommunikation und Praxis: Der Konzern bleibt weiterhin stark von fossilen Kraftwerken abhängig, während die grüne Außenwirkung zunehmend von einem kleinen erneuerbaren Portfolio getragen wird.
Das Muster ist in der Branche strukturell. Konzerne mit gemischten Portfolios setzen die profitablen fossilen Anlagen für Cashflow ein und investieren einen Teil davon in erneuerbare Projekte, die sie öffentlichkeitswirksam vermarkten. Der Anteil erneuerbarer Energie an der Gesamtproduktion bleibt dabei systematisch klein. Die Klimabilanz verbessert sich kaum, die Außenwirkung dagegen erheblich.
Selbst die Science Based Targets Initiative (SBTi), die Unternehmensklimapläne nach wissenschaftlichen Standards validiert, pausierte 2025 die Prüfung von Klimazielen aus dem Öl- und Gassektor. Die Begründung: Die vorgelegten Konzernversprechen ließen sich technisch nicht auf ihre Vereinbarkeit mit dem 1,5-Grad-Ziel prüfen. Das ist ein bemerkenswerter Schritt einer Institution, die eigentlich genau das tun soll. Dass selbst professionelle Standard-Setter den Konzernplänen nicht mehr folgen können, zeigt, wie weit Versprechen und überprüfbare Realität auseinanderklaffen.
Recht und Konsequenzen
Rechtlich nimmt der Druck auf die Industrie zu, auch wenn die bisherigen Klagen ernüchternde Ergebnisse hatten. New York City klagte 2021 gegen ExxonMobil, Shell, BP und den American Petroleum Institute wegen systematischer Täuschung der Öffentlichkeit über den Klimaeinfluss ihrer Produkte. Das Gericht wies die Klage im Januar 2025 ab: Richterin Anar Patel befand, klimabewusste New Yorker wüssten ohnehin um die Schädlichkeit fossiler Brennstoffe und könnten daher nicht durch Unternehmensmarketing getäuscht worden sein. Andere Verfahren in anderen Rechtssystemen, unter anderem in den Niederlanden und Australien, laufen weiter.
Die EU-Richtlinie gegen irreführende Umweltbehauptungen soll 2026 in nationales Recht umgesetzt werden. Sie würde vage Formulierungen wie „klimaneutral“ oder „CO2-kompensiert“ ohne belastbare Grundlage verbieten. Wie weit sie auf die systematische Lücke zwischen Expansionsplänen und Klimaversprechen angewendet werden kann, ist rechtlich noch ungeklärt. Eine Regulierung, die nur den Worten auf Anzeigen gilt, aber nicht der Kapitalallokation dahinter, würde das Kernproblem nicht berühren.
Was als Nächstes kommt
Shell und BP werden ihre angekündigten Expansionspläne wie beschrieben umsetzen, sofern Öl- und Gaspreise nicht erheblich einbrechen. Die IEA hat 2021 in ihrem Net-Zero-Szenario explizit festgehalten: Für das 1,5-Grad-Ziel darf kein einziges neues Öl- oder Gasfeld mehr erschlossen werden. Die Konzerne erschließen trotzdem neue Felder. Die Differenz zwischen dieser wissenschaftlichen Einschätzung und den Investitionsentscheidungen der Industrie ist nicht das Ergebnis von Unwissen oder technischen Schwierigkeiten. Es ist eine bewusste Entscheidung.
Was sich verändert hat gegenüber 2015: Die Sprache ist vorsichtiger geworden. Die alten direkten Greenwashing-Behauptungen, „unser Produkt ist umweltfreundlich”, werden seltener. Stattdessen dominiert ein Narrativ technischer Komplexität: Energiewende brauche Zeit, CCS müsse skaliert werden, Wasserstoff sei die Zukunft, LNG überbrücke den Übergang. Das ist schwieriger zu widerlegen als eine falsche Werbeaussage und erfüllt denselben strategischen Zweck.
Auch COP30, das im November 2025 in Belém, Brasilien, stattfand, brachte keine neuen Regeln zur Beschränkung fossiler Lobbyakkreditierungen. Die Ausgangslage für die nächsten internationalen Klimaverhandlungen ist damit strukturell nahezu identisch mit 2023. Wer die Muster der vergangenen zehn Jahre kennt, weiß, was das bedeutet.