Deutschlands erster Quantencomputer ist in Betrieb
Seit dem 17. November 2025 steht im Forschungszentrum Jülich ein Quantencomputer, der vollständig in Deutschland entwickelt und gebaut wurde. Er hat zehn Qubits. Google und IBM betreiben inzwischen Systeme mit mehr als tausend. Dieser Rückstand klingt ernüchternd, verkennt aber, was "Made in Germany" im globalen Quantenrennen bedeutet: nicht Qubit-Rekorde, sondern Technologiesouveränität.
Vier Jahre, 76 Millionen Euro, 25 Institute
Das Projekt QSolid begann im Januar 2022 und läuft bis Dezember 2026. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert es zu fast 90 Prozent, das Gesamtbudget beträgt 76,3 Millionen Euro. Mehr als 160 Wissenschaftler und Ingenieure aus 25 deutschen Partnerinstitutionen arbeiten daran mit: vom Forschungszentrum Jülich über Fraunhofer-Institute und die Freie Universität Berlin bis zu Unternehmen wie ParTec, ParityQC und HQS Quantum Simulations. Die Koordination liegt bei Prof. Dr. Frank Wilhelm-Mauch, Leiter der Theorie der Nanölektronik in Jülich.
Das Herzstück ist die JUNIQ-Infrastruktur des Jülich Supercomputing Centre, über die der Quantencomputer in der Cloud erreichbar ist. Über diese Plattform ist der Quantencomputer seit November 2025 für externe Nutzer zugänglich. Erste Industrieunternehmen haben bereits Testzugang erhalten und eigene Algorithmen auf dem System erprobt.
Das Ziel für das Projektende im Dezember 2026: ein System, das bis zu 30 Qubits mit größtmöglicher Fehlerkorrektur kontrollieren kann. Nicht tausend Qubits. Dreißig. Dieser Unterschied ist der Kern dessen, was QSolid von amerikanischen Projekten trennt.
Warum dreißig Qubits besser sein können als tausend
Die rohe Qubit-Zahl ist der irreführendste Vergleichswert im Quantencomputing. Quantenbits sind extrem störanfällig: Temperaturänderungen in Bruchteilen eines Kelvin, elektromagnetische Felder oder mechanische Erschütterungen können einen Quantenzustand zerstören. Dieses Phänomen heißt Dekohärenz. Systeme mit tausend Qubits und hoher Fehlerrate produzieren Ergebnisse, die durch Rauschen korrumpiert sind und keiner praktischen Berechnung standhalten.
Google hat Ende 2024 mit seinem Willow-Chip einen entscheidenden Schritt demonstriert: Wenn Qubits in einem bestimmten fehlerkorrigierenden Muster zusammengeschaltet werden, sinkt die Fehlerrate exponentiell statt zu steigen. Das beweist, dass skalierbare Fehlerkorrektur prinzipiell möglich ist. QSolid verfolgt denselben Ansatz, aber mit europäischer Hardware und europäischem Know-how.
Der Vergleich mit den USA greift deshalb zu kurz, weil er verschiedene Strategien gleichsetzt. Googles Willow-Chip und IBMs Heron-Prozessor haben tausende Qubits, sind aber auf vollständige Fehlerkorrektur noch nicht optimiert. QSolid hat zehn Qubits mit niedrigen Fehlerraten und einem integrierten Softwarestack. Forschende der Freien Universität Berlin haben 2026 Ergebnisse zur Gatterfidelität veröffentlicht, also zur Präzision einzelner Quantenoperationen. Eine Quantenoperation mit 99,9 Prozent Präzision ist für reale Algorithmen nützlicher als eine mit 95 Prozent Präzision in einem System mit hundertmal so vielen Qubits.
Warum Europa einen eigenen Quantencomputer braucht
Die Halbleiterindustrie hat vorgeführt, was Technologieabhängigkeit bedeutet. Europa bezieht Prozessoren fast ausschließlich aus Taiwan und Südkorea. Als die Pandemie die Lieferketten störte und politische Spannungen zunahmen, hatte Europa kaum Verhandlungsmasse. Im Quantencomputing droht eine ähnliche Situation.
Hinzu kommt eine Sicherheitsdimension. Quantencomputer werden in absehbarer Zeit in der Lage sein, gebräuchliche Verschlüsselungsverfahren wie RSA zu knacken. Die G7 haben im Januar 2026 deshalb eine gemeinsame Roadmap zur Post-Quanten-Kryptographie verabschiedet: Bis 2030 sollen staatliche IT-Systeme auf Verfahren umgestellt sein, die auch Quantenangriffen standhalten. Wer an der Entwicklung von Quantensystemen beteiligt ist, versteht Angriffsvektoren und Schwachstellen besser als jemand, der nur Cloudkapazitäten mietet.
Für die deutsche Industrie geht es außerdem um Wettbewerbsfähigkeit. Erste kommerzielle Anwendungen von Quantencomputern zeichnen sich in der Logistikoptimierung, der Arzneimittelforschung und der Materialwissenschaft ab. Unternehmen, die Algorithmen entwickeln, sind abhängig von den Systemen, auf denen sie testen. Wer keine eigene Hardware hat, wird den Zugang bei amerikanischen oder chinesischen Anbietern kaufen müssen, zu deren Preisen und unter deren Nutzungsbedingungen.
Was bis Ende 2026 noch entschieden wird
Bis Dezember 2026 muss QSolid zeigen, dass 30 zuverlässig arbeitende Qubits in einem deutschen System möglich sind. Das ist kein Weltrekord, aber ein Machbarkeitsnachweis für europäische Quantenhardware. Vom Ergebnis hängt ab, ob das BMBF ein Folgeprojekt finanziert und in welchem Umfang.
Parallel verhandelt die EU-Kommission über ein europäisches Quantennetzwerk, das nationale Systeme verbinden soll. Deutschland, Frankreich und die Niederlande haben jeweils eigene Quantenprogramme, aber bislang kein gemeinsames Ökosystem. Der Aufbau eines solchen Netzes gilt als Voraussetzung dafür, dass Europa in der Post-Quanten-Ära technologisch handlungsfähig bleibt und nicht dauerhaft auf amerikanische oder chinesische Plattformen angewiesen ist.
Die eigentliche Messlatte lautet nicht: Schlägt Deutschland Google? Sie lautet: Kann Europa Quantentechnologie beherrschen, bevor sie zur kritischen Infrastruktur wird? Die nächsten acht Monate in Jülich sind dafür ein entscheidender Test.