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International
Wie Ukraine ihren Waffenhandel formalisiert

Wie Ukraine ihren Waffenhandel formalisiert

Saudi-Arabien, Katar und die VAE haben bereits Zehnjahresverträge über ukrainische Drohnen und Marinetechnologie unterzeichnet, elf weitere Länder stehen an. Hinter dem Aufbau des Rüstungshandels steckt kein neues Gesetz, sondern das Ende einer bürokratischen Blockade.

6. Mai 2026, 4:37 Uhr 740 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Saudi-Arabien, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate haben mit der Ukraine bereits Zehnjahresverträge über Drohnen und Marinetechnologie unterzeichnet; elf weitere Länder wollen ähnliche Abkommen schließen. Hinter dem Aufbau dieses Rüstungshandels steckt kein politischer Kurswechsel, sondern das Ende einer bürokratischen Blockade: Am 28. April erklärte Präsident Wolodymyr Selenskyj, alle Details des Genehmigungssystems seien auf staatlicher Ebene abgestimmt.

Kein Gesetz, aber eingefrorene Bürokratie

Ein formelles gesetzliches Exportverbot hat die Ukraine nie gehabt. Nach der russischen Invasion im Februar 2022 fror eine interministerielle Kommission alle Exportanträge ein: kein Bescheid, keine Ablehnung, kein Ergebnis. Das Resultat war dasselbe wie ein Verbot, aber ohne gesetzliche Grundlage. Jetzt reaktiviert Kyiv diesen Mechanismus und baut ihn systematisch aus.

Das Genehmigungssystem läuft nach Recherchen der Fachpublikation Lawfare über drei parallele Wege.

Der erste Weg ist der langsamste: Unternehmen beantragen eine eigenständige Exportlizenz direkt beim Kabinett der Minister. Die Bearbeitungszeit dauert mindestens sechs Monate. Dieser Weg ist für etablierte Rüstungskonzerne gedacht, die dauerhaft im Exportmarkt aktiv sein wollen.

Der zweite Weg geht über sechs staatliche Exporteure, die bereits alle nötigen Lizenzen halten. Unternehmen, die über diese Intermediäre arbeiten, brauchen ein bis zwei Monate statt halbe Jahre.

Der dritte Weg ist der schnellste: Defense.City, eine seit Januar 2026 operative Sonderwirtschaftszone, stellt vorläufige Exportgenehmigungen in 15 Tagen aus. Steuerbefreiungen und vereinfachte Verfahren machen die Zone besonders für Start-ups attraktiv. Das Drohnenunternehmen SkyFall, Hersteller der Vampire-Drohne, war das erste Unternehmen mit Defense.City-Status.

Warum die Ukraine jetzt verkaufen kann

Die Produktionszahlen erklären den Zeitpunkt. Vor 2022 gab es in der Ukraine sieben Drohnenhersteller; heute sind es nach Angaben des ukrainischen Nationalen Sicherheitsrates über 500. Die monatliche FPV-Drohnenproduktion stieg von 20.000 Stück im Jahr 2024 auf 200.000 im Jahr 2025. Für 2026 ist eine Jahreskapazität von acht bis zehn Millionen Einheiten geplant. FPV-Drohnen verursachen laut ukrainischem Militär über 60 Prozent der russischen Verluste an Gerät und Personal.

Dieser Überschuss ist Strategie. Die Ukraine braucht Exporteinnahmen, um den Rüstungsaufbau selbst zu finanzieren. Ausländische Käufer zahlen für Waffen, die im echten Gefecht gegen russische Systeme entwickelt und verfeinert wurden: ein Argument, das kein Rüstungslabor replizieren kann.

Wer kauft und was verkauft wird

Saudi-Arabien, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate haben nach Berichten von Breaking Defense bereits Zehnjahresverträge unterzeichnet. Die Vereinbarungen umfassen Seekampfdrohnen, Systeme zur elektronischen Kriegsführung und Interceptordrohnen. Die Golfregion ist ein natürlicher Markt: Alle drei Länder beobachten die Krise mit dem Iran aus nächster Nähe und suchen nach Technologie, die unter Feuerbedingungen erprobt wurde.

Elf weitere Länder haben nach Angaben des ukrainischen Verteidigungsministeriums Anfragen für vergleichbare Drone-Deals gestellt. Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni hat mit Selenskyj vereinbart, dass ihre Teams ein bilaterales Rüstungsabkommen ausarbeiten. Welche weiteren Länder anfragen, gibt Kyiv nicht bekannt; einige Gespräche laufen vertraulich.

Ausdrücklich ausgenommen vom Export bleiben strategisch besonders sensible Systeme, darunter der Großteil der ukrainischen Weitstreckenraketen. Freigegeben sind dagegen Aufklärungs- und Kampfdrohnen, Marinedrohnen, Software für Gefechtsmanagementsysteme und Abfangdrohnen wie SkyFalls P1-SUN.

Berlins Rolle als erster Exportknotenpunkt

Den ersten europäischen Bürostandort des ukrainischen Exportzentrums hat Berlin, koordiniert mit Bundeskanzler Friedrich Merz, der die Initiative bereits im Dezember 2025 bei einem Besuch in Kyiv unterstützt hatte. Als zweiter Standort ist Kopenhagen geplant.

Deutschland ist als Drehscheibe nicht zufällig erste Wahl. Eine allgemeine Exportlizenz, die bis September 2026 gilt, erleichtert Rüstungstransporte. Rheinmetall und das Münchner Joint Venture Quantum Frontline Industries produzieren bereits Drohnen in Deutschland für die ukrainischen Streitkräfte. Das neue Exportsystem macht Berlin potenziell zum Knotenpunkt auch für Drittexporte: ukrainische Drohnen, teilweise in Deutschland produziert, die von Berlin aus an weitere Staaten verkauft werden.

Erste Exportverträge noch 2026

Ukrainische Behörden rechnen damit, dass die ersten förmlichen Exportverträge noch im laufenden Jahr geschlossen werden. Der schnellste Weg verläuft über Defense.City mit 15-tägigen Vorabgenehmigungen. Der Standardweg über das Kabinett dauert über sechs Monate, was bedeutet: Anträge die jetzt gestellt werden, könnten Ende 2026 beschieden sein.

Die eigentliche Hürde ist nicht politisch, sondern organisatorisch. Exportkontrolle, Ursprungszertifizierung und Technologietransferkontrolle müssen institutionell verankert werden, bevor größere Vertragsvolumina abgewickelt werden können. Defense.City soll diesen Aufbau beschleunigen; die 15-Tage-Genehmigungen sind vorläufig, nicht final. Das System baut gerade erst seine Kapazitäten auf: Der Anreiz ist vorhanden, der Rahmen steht, die Prozesse müssen reifen.

Quellen (7)