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Wirtschaft
KPMG: Investitionskürzungen in Deutschland verdoppelt

KPMG: Investitionskürzungen in Deutschland verdoppelt

23 Prozent der internationalen Konzerne planen Investitionskürzungen in Deutschland, mehr als doppelt so viele wie 2023. Die KPMG-Studie 'Business Destination Germany 2026' zeigt: Das Problem sind keine Stimmungsschwankungen, sondern strukturelle Schwächen bei Energie, Bürokratie und Digitalisierung.

28. April 2026, 14:37 Uhr 787 Wörter · 4 Min. Lesezeit

23 Prozent der internationalen Konzerne planen, ihre Investitionen in Deutschland zu kürzen. Das ist mehr als doppelt so viele wie noch 2023, als 11 Prozent Kürzungen planten. Für ein Land, das jahrelang als Direktinvestitionsmagnet galt, liefert die KPMG-Studie "Business Destination Germany 2026" einen ernüchternden Befund: Schlechte Stimmung ist in konkrete Entscheidungen übergegangen.

Wie die Studie entstand

Die fünfte Auflage der KPMG-Befragung seit 2017 basiert auf Interviews mit 400 Finanzchefs der größten deutschen Tochtergesellschaften internationaler Konzerne aus den acht wichtigsten Investorenländern: USA mit 105 Teilnehmern, Frankreich (34), Österreich und Schweiz (je 34), China (33), Japan und Großbritannien (je 32) sowie Niederlande (32). Das Ergebnis ist kein Meinungsbild aus Verbandsmitteilungen, sondern aus den Bilanzzimmern jener Unternehmen, die tatsächlich Kapital in Deutschland einsetzen.

Der KPMG-Standortindex misst Deutschland auf einer Skala von plus zehn (bester EU-Standort) bis minus zehn (schlechtester) im Vergleich zu anderen EU-Ländern. 2017 lag der Wert bei 3,1. 2026 ist er auf 0,2 gefallen, einen historischen Tiefstwert. Deutschland ist damit kaum noch über dem EU-Durchschnitt. Parallel dazu bewerten 52 Prozent der CFOs die wirtschaftliche Lage ihrer deutschen Tochtergesellschaft als „schlecht“ oder „sehr schlecht“. Das ist nahezu eine Verdreifachung gegenüber 2023.

Energiekosten: Letzter Platz von 24 Kriterien

Die Studie erfasste in dieser Auflage erstmals Energiekosten als eigenständigen Standortfaktor. Das Ergebnis überrascht selbst für ein Land, das seit Jahren über zu hohe Energiepreise diskutiert: Energiekosten landeten sofort auf dem letzten Platz aller 24 bewerteten Kriterien. 43 Prozent der befragten CFOs sehen Deutschland bei Energiekosten als schlechtesten Standort in der gesamten Europäischen Union.

Der Kontext verschärft den Befund. Brent-Rohöl kostet derzeit über 110 Dollar pro Barrel, rund 45 Prozent mehr als vor dem Irankrieg und der Blockade der Straße von Hormus. Deutschland leidet unter dieser Preisentwicklung besonders, weil seine energieintensive Schwerindustrie auf günstige Energie angewiesen ist. Der Vergleich mit Nachbarländern ist ernüchternd: Frankreich profitiert von günstiger Kernkraft, Polen hat niedrigere Lohnkosten und günstigere Gasbeschaffungsverträge. In diesem Wettbewerb steht Deutschland am Ende.

Bürokratie und Digitalisierung als zweites und drittes Hemmnis

Neben Energiekosten bremsen zwei weitere strukturelle Schwächen das Investorenvertrauen. Bei der Bürokratie sehen 70 Prozent der CFOs Deutschland unter den fünf schwächsten EU-Ländern, 29 Prozent sogar als schlechtesten Standort in der gesamten EU. Das deckt sich mit einem Befund, den deutsche Unternehmensverbände seit Jahren erheben: Wer in Deutschland Industrieprojekte genehmigen lassen will, wartet in manchen Bundesländern Jahre, während vergleichbare Verfahren in den Niederlanden oder Dänemark in Monaten abgewickelt werden.

Die dritte Schwachstelle ist die digitale Infrastruktur. Breitbandausbau, 5G-Netzabdeckung und Cloud-Anbindung liegen unter dem Niveau von Ländern wie den Niederlanden, Frankreich oder den nordischen EU-Staaten. Für Konzerne, die auf digitale Lieferketten und Echtzeit-Datenverarbeitung angewiesen sind, ist das ein direkter Standortnachteil, der sich in der Kalkulation niederschlägt.

Das Paradox: Bleiben trotz Kritik

Trotz der schlechten Bewertungen nutzen 60 Prozent der internationalen Konzerne Deutschland nach wie vor als europäisches Hauptquartier, 63 Prozent steuern von Deutschland aus auch ihre Aktivitäten außerhalb Europas. Das ist eine strukturelle Stärke, die nicht durch schlechte Stimmung wegdiskutiert wird: Konzerne haben Jahrzehnte in Infrastruktur, Fachkräfte und Lieferketten investiert. Ein Umzug kostet mehr als ein schlechtes Studienergebnis.

Doch die Warnzeichen verdichten sich. Wenn die Zahl der Konzerne, die kürzen wollen, sich mehr als verdoppelt, ist das kein Ausreißer mehr. 46 Prozent planen, ihr Investitionsniveau unverändert zu lassen. Nur 31 Prozent planen Zuwächse. Das Verhältnis hat sich gegenüber früheren Studienjahren deutlich verschoben. Für Beschäftigte in Betrieben mit ausländischen Mutterkonzernen bedeutet weniger Investition konkret: weniger neue Maschinen, ausbleibende Werksmodernisierungen, im Extremfall Verlagerung von Produktionslinien ins Ausland.

Reformhoffnung und ihre Grenzen

Es gibt einen Gegentrend. 19 Prozent der CFOs zählen die Reformagenda der Bundesregierung zu den drei wichtigsten Gründen, in Deutschland zu investieren. 17 Prozent sehen in den Transformationsaufgaben des Landes, also Energiewende, Klimaneutralität, Digitalisierung und Stärkung der Verteidigungsfähigkeit, konkrete Investitionsmöglichkeiten. Das neue Sondervermögen für Bundeswehr und Infrastruktur wird von einem weiteren Teil der Befragten als positives Signal gewertet.

Die Einschränkung ist erheblich: Nur 19 Prozent der CFOs erwarten, dass es in den nächsten fünf Jahren tatsächlich Fortschritte beim Bürokratieabbau geben wird. Hoffnung und Erwartung klaffen weit auseinander. Immerhin: 48 Prozent glauben, dass sich die wirtschaftliche Lage Deutschlands insgesamt in fünf Jahren verbessern wird. Das ist kein Totalausfall des Vertrauens, aber auch keine überzeugende Mehrheit.

Was als Nächstes kommt

KPMG hat eine Folgebefragung für September 2026 angekündigt. Bis dahin entscheidet sich, ob der von der Bundesregierung im Jahreswirtschaftsbericht 2026 angekündigte Bürokratieabbau messbare Ergebnisse liefert. Konkret: Führen kürzere Genehmigungsverfahren für Industrieprojekte dazu, dass Konzerne ihre Kürzungspläne zurücknehmen? Die September-Studie wird zeigen, ob sich die Trendwende in Zahlen ausdrückt. Bis dahin ist 2026 das Jahr, in dem aus schlechter Stimmung zum ersten Mal in diesem Ausmaß konkrete Investitionsrückgänge werden könnten.

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