Chile eliminiert Lepra als erstes Land Amerikas
Chile ist das erste Land in Amerika, das von der Weltgesundheitsorganisation offiziell als leprabelfreit zertifiziert wurde. Am 4. März 2026 bestätigte die WHO, dass das südamerikanische Land seit mehr als drei Jahrzehnten keinen einzigen einheimischen Leprafall mehr verzeichnet hat. Das Modell, das Chile dorthin gebracht hat, könnte anderen Ländern der Region als Vorlage dienen.
Eine Krankheit mit zweitausendjähriger Geschichte
Lepra wird durch das Bakterium Mycobacterium leprae verursacht und greift vor allem Haut, periphere Nerven und die oberen Atemwege an. Unbehandelt führt sie zu schweren Entstellungen und dauerhaften Lähmungen. Die Krankheit ist seit Jahrtausenden mit sozialem Ausschluss verbunden: Leprakranke wurden über Jahrhunderte aus ihren Gemeinschaften vertrieben.
Dabei ist Lepra seit den 1980er-Jahren gut behandelbar. Die Mehrfachantibiotikatherapie, abgekürzt MDT, aus Rifampicin, Clofazimin und Dapson heilt die Erkrankung innerhalb von sechs bis zwölf Monaten vollständig. Die WHO verteilt diese Kombination seit 1995 kostenlos weltweit. Der Haken: In Ländern mit schwacher Gesundheitsinfrastruktur werden viele Fälle spät erkannt, nicht vollständig behandelt oder gar nicht erfasst.
Weltweit wurden 2024 laut WHO 172.717 neue Fälle gemeldet. Indien trägt mit rund 55.000 Fällen die größte Last, Brasilien mit 27.000 Fällen den zweiten Platz. Beide Länder gelten als hochendemisch.
Dreißig Jahre ohne lokale Ansteckung
Chile steht in starkem Kontrast zu diesen Zahlen. Den letzten lokal erworbenen Fall registrierte das Land 1993. In den darauffolgenden drei Jahrzehnten wurden zwar 47 Fälle gemeldet, ausschließlich aber bei Menschen, die sich im Ausland angesteckt hatten. Zwischen 2012 und 2023 war kein einziger gemeldeter Fall auf inländische Übertragung zurückzuführen.
Die WHO-Kriterien für die offizielle Eliminierung sind streng: fünf aufeinanderfolgende Jahre ohne einheimische Neuinfektionen bei Kindern, danach drei weitere Jahre ohne jede lokale Übertragung in der Gesamtbevölkerung. Chile erfüllte beide Bedingungen. Ein unabhängiges internationales Expertengremium prüfte 2025 auf Chiles Antrag hin die epidemiologischen Daten, Überwachungsmechanismen und Nachhaltigkeitspläne. Am 4. März 2026 folgte die offizielle WHO-Bestätigung gemeinsam mit der Panamerikanischen Gesundheitsorganisation PAHO.
Was Chile richtig gemacht hat
Die chilenische Strategie beruhte auf drei Säulen. Erstens: frühe, flächendeckende Diagnose durch ein robustes Meldesystem, das Lepraverdachtsfälle zur Pflichtanzeige erklärt. Zweitens: kostenfreier Zugang zur MDT-Therapie für alle Patienten seit 1995, zunächst finanziert über die Nippon Foundation, ab dem Jahr 2000 durch Novartis. Drittens: ein integriertes Gesundheitssystem, das trotz des jahrzehntelangen Rückgangs der Fallzahlen die klinische Expertise und die Laborkapazitäten aufrechterhalten hat.
Dieser letzte Punkt ist nach Einschätzung der PAHO der am schwierigsten zu replizierende. Wenn eine Krankheit selten wird, verlieren Ärzte die Übung in der Diagnose. Chile hat durch kontinuierliche Weiterbildung und verbindliche Protokolle sichergestellt, dass Lepra erkannt wird, auch wenn ein Arzt in dreißig Jahren nur einen einzigen Fall sieht.
Zweites Land weltweit nach Jordanien
Chile ist das 61. Land weltweit, das Lepra eliminiert hat und das zweite, das den formellen WHO-Verifikationsprozess durchlaufen hat. Jordanien war 2020 das erste Land, das diesen Nachweis erhielt. Andere Länder hatten zwar erklärt, die Eliminierungskriterien zu erfüllen, reichten aber keine externen Prüfanträge ein.
In Amerika ist Chile das sechste Land, das mindestens eine der vernachlässigten Tropenkrankheiten offiziell eliminiert hat, aber das erste, das Lepra spezifisch aus der Liste gestrichen hat. Mexiko, Kolumbien und Ecuador haben andere vernachlässigte Tropenkrankheiten beseitigt, kämpfen aber teils noch mit Lepra.
Ein Modell für die Region
Die PAHO will Chiles Erfahrungen systematisch auswerten und als Handlungsrahmen für andere Länder zur Verfügung stellen. Die relevante Frage ist nicht ob die MDT wirkt, das steht außer Frage, sondern wie ein Gesundheitssystem in der Lage ist, eine seltener werdende Krankheit auch dann noch zuverlässig zu überwachen, zu diagnostizieren und zu behandeln, wenn der politische Druck nachlässt.
Die WHO verfolgt das Ziel, Lepra bis 2030 in weiteren Ländern zu eliminieren. Brasilien und Indien, die zusammen fast die Hälfte aller globalen Fälle stellen, werden als kurzfristiges Ziel nicht realistisch eingestuft. Für Länder mit mittlerem Einkommensniveau und moderaten Fallzahlen zeigt Chile: Dreißig Jahre konsequenter Umsetzung einer einfachen Strategie reichen aus.