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Tech & Wissen
Warmer Frühling kostet Bienen ein Drittel Körperfett

Warmer Frühling kostet Bienen ein Drittel Körperfett

Eine Würzburger Studie mit fast 15.000 Individuen zeigt: Warme Frühjahre treiben Wildbienen aus dem Winterschlaf, bevor Blüten verfügbar sind. Weibchen verlieren bis zu 34 Prozent ihrer Körpermasse, bevor sie die erste Nahrung finden.

17. April 2026, 10:33 Uhr 698 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Eine neue Studie der Universität Würzburg belegt, wie wärmere Frühjahre Wildbienen und Wespen in eine Falle treiben: Die gestiegenen Temperaturen wecken sie aus dem Winterschlaf, bevor Blüten und Beute verfügbar sind. Weibchen mancher Arten verlieren bis zu 34 Prozent ihrer Körpermasse, bevor sie die erste Nahrung finden. Der Befund ist deshalb so beunruhigend, weil er nicht auf Einzelfälle zutrifft, sondern auf alle fünf untersuchten Arten aus über 160 bayerischen Regionen.

Schlüpfen und verhungern

Das Phänomen heißt phänologische Entkopplung: Tier und Pflanze entwickeln sich unterschiedlich schnell auf den Frühling zu. Bisher war bekannt, dass frühe Wärme Insekten früher aus der Winterruhe holt. Offen blieb, wie schwer das ist. Dr. Cristina Ganuza und Prof. Ingolf Steffan-Dewenter vom Biozentrum der Universität Würzburg haben diese Frage jetzt mit einem Großexperiment beantwortet.

Das Team untersuchte zwischen 2021 und 2024 insgesamt 14.921 Individuen aus 160 Regionen Bayerns. Die Tiere wurden unter drei simulierten Klimabedingungen gehalten: kaltes, warmes und heißes Frühjahr. Das Ergebnis, veröffentlicht im Fachjournal Functional Ecology am 13. April 2026: Alle fünf höhlenbrütenden Wildbienenarten und Wespenarten schlüpften bei wärmeren Temperaturen früher. Aber früher bedeutet in diesem Fall nicht fitter.

Bei höheren Temperaturen läuft der Stoffwechsel schneller. Die Insekten verbrennen ihre gespeicherten Fettreserven rascher, während die Blütenpflanzen und Beuteinsekten noch nicht verfügbar sind. Das Ergebnis: Weibchen sommerbrütender Arten verloren unter warmen Bedingungen bis zu 34 Prozent ihrer Körpermasse, bevor ausreichend Nahrung zu finden war. Ein Körpermasseverlust in dieser Größenordnung beeinträchtigt Überlebensrate und Reproduktionserfolg dauerhaft.

Herkunft entscheidet über Anfälligkeit

Besonders aufschlussreich ist der geografische Vergleich: Insekten aus traditionell kühleren Regionen, etwa dem Bayerischen Wald, reagierten auf warme Frühjahre empfindlicher als Tiere aus wärmeren Regionen wie Unterfranken. Letztere haben über Generationen eine gewisse Anpassung an unzuverlässige Frühjahrstemperaturen entwickelt.

Prof. Steffan-Dewenter erklärt den Mechanismus: Populationen aus kühleren Klimazonen sind auf verlässlich kalte Winter und gleichmäßig fortschreitende Frühjahre eingestellt. Schwankt das Klima stärker oder erwärmt es sich schneller, fehlt ihnen die Plastizität, die ihre Gegenstücke aus wärmeren Regionen über lange Zeiträume entwickelt haben. Die Studie wurde im Rahmen des bayerischen Klimaforschungsprogramms LandKlif durchgeführt, das systematisch untersucht, wie sich der Klimawandel auf Ökosysteme in Bayern auswirkt.

Folgen für Bestäubung und Landwirtschaft

Der wirtschaftliche Hintergrund macht das Thema über die reine Ökologie hinaus relevant. Nach Angaben des Bundesamts für Naturschutz sind rund 80 Prozent der deutschen Wildpflanzen und ein erheblicher Teil der landwirtschaftlichen Kulturen auf Bestäuber angewiesen. Wildbienen leisten dabei neben der Honigbiene den Großteil der Arbeit: Deutschland beherbergt rund 590 Wildbienenarten, deren Populationen laut einer Auswertung des NABU seit den 1990er Jahren um durchschnittlich 30 Prozent zurückgegangen sind.

Klimabedingter Körpermasseverlust kommt zu bereits bestehenden Belastungsfaktoren hinzu: Pestizide, Habitatverlust durch intensive Landwirtschaft und der Rückgang blühender Wildkräuter. Was die Würzburger Studie neu zeigt, ist, dass der Klimawandel nicht nur durch Extremereignisse wie Dürren wirkt, sondern durch subtile Verschiebungen im jahreszeitlichen Timing, die für den Insektenkörper messbare physische Folgen haben.

Für Imker und Landwirte ist das direkt spürbar. Wenn früh schlüpfende Wildbienen in geschwächtem Zustand in die Saison starten, fällt der Bestäubungsdruck in der kritischen Obstblüte geringer aus. Die wirtschaftlichen Schäden lassen sich bislang noch nicht beziffern, weil die Studie primär auf Laborebene arbeitet. Freilandmessungen in verschiedenen Regionen stehen noch aus.

Was als nächstes passiert

Die Forschungsgruppe plant als nächsten Schritt Freilandexperimente in unterschiedlichen Klimazonen Bayerns, um die Laborergebnisse unter realen Bedingungen zu überprüfen. Ganuza und Steffan-Dewenter empfehlen auf Basis ihrer Daten konkrete Gegenmaßnahmen: Frühzeitig blühende Wildblumenstreifen entlang von Äckern und in öffentlichen Grünanlagen könnten die Nahrungslücke im zeitigen Frühjahr verkleinern. Bereits im März blühende Arten wie Schlehen, Weiden und Huflattich könnten das Überleben früh geschlüpfter Bienen deutlich verbessern.

Das LandKlif-Programm will außerdem untersuchen, ob und wie schnell sich Wildbienenpopulationen aus kühleren Regionen genetisch an die veränderten Bedingungen anpassen können. Die bisherigen Daten sprechen dafür, dass die Anpassungsgeschwindigkeit hinter dem Klimawandeltempo zurückbleibt, vor allem bei Arten mit langen Generationszyklen. Der nächste LandKlif-Forschungsbericht ist für Herbst 2026 angekündigt.

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