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International
660 Drohnen, 14 Tote: Selenskyj schlägt Waffenruhe vor

660 Drohnen, 14 Tote: Selenskyj schlägt Waffenruhe vor

Russland beschoss die Ukraine in der Nacht zu Montag mit rund 660 Drohnen und 44 Raketen. Mindestens 14 Menschen starben, darunter ein zwölfjähriger Junge in Kyiv. Zeitgleich laufen rivalisierende Waffenruhevorschläge beider Seiten für den 9. Mai.

5. Mai 2026, 4:38 Uhr 740 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Russland feuerte am Montag rund 660 Drohnen und 44 Raketen auf die Ukraine ab. Mindestens 14 Menschen starben, darunter ein zwölfjähriger Junge in Kyiv. Was den Angriff von früheren Massenattacken unterscheidet: Er geschah an dem Tag, an dem Moskau seine bereits angekündigte Waffenruhe auf den 8. und 9. Mai ausdehnte. Selenskyj antwortete nicht nur mit Ablehnung, sondern mit einem eigenen Gegenvorschlag.

Nacht über Kyiv und Merefa

Im Großraum Kyiv traf eine russische Drohne ein Wohngebäude und tötete vier Menschen, darunter einen zwölfjährigen Jungen. 45 weitere Bewohner wurden verletzt. In Merefa, einer Kleinstadt südlich von Charkiw, kamen sechs Menschen ums Leben, mindestens 30 wurden verletzt. NBC News berichtete unter Berufung auf das ukrainische Militär, dass die Luftabwehr rund 640 der eingesetzten Drohnen und Raketen abfing, zwölf Raketen und etwa 20 Drohnen durchbrachen die Schutzsysteme und trafen 26 Orte im ganzen Land.

Die Abwehrquote von rund 91 Prozent klingt beeindruckend, verdeckt aber einen strukturellen Nachteil: Russlands Schwarmtaktik zielt nicht mehr primär auf einzelne militärische Ziele, sondern auf die Erschöpfung der Luftabwehrkapazitäten. Jede abgefangene Drohne kostet teure Abfangraketen, die nicht unbegrenzt nachproduziert werden können. Der Angriff vom Montag ist bereits der dritte Massenangriff in zehn Tagen: Am 25. April waren es 666 Drohnen und Raketen mit sieben Toten, in der Nacht vom 2. auf den 3. Mai feuerte Russland rund 495 Drohnen ab.

Waffenruhe und Gegenangebot: Ein Paradox vor dem Siegestag

Russland hatte bereits am Samstag, dem 2. Mai, eine Waffenruhe für den 9. Mai angekündigt. Noch am selben Montag, an dem die 660 Drohnen und Raketen abgefeuert wurden, dehnte das Verteidigungsministerium die Pause auf beide Tage aus, den 8. und den 9. Mai. Als Begründung nannte Moskau den Jahrestag des sowjetischen Sieges über Nazi-Deutschland. Der Angriff geschah damit exakt dann, während Russland offiziell eine Friedensgeste verkündete.

Selenskyj wies das Angebot öffentlich als «nicht ernst gemeint» zurück. Kyiv habe nie ein offizielles Waffenruhedokument aus Moskau erhalten, erklärte der Präsident. Als Vorbedingung für jede Verhandlung verlangt die Ukraine eine mindestens 30-tägige Feuerpause. Das ist das Fünfzehnfache dessen, was Moskau anbietet. Selenskyj legte gleichzeitig einen eigenen Vorschlag vor: eine Waffenruhe, die bereits am 5. oder 6. Mai beginnen soll. Eine Reaktion aus Moskau blieb aus.

Russland warnte seinerseits, dass die Ukraine bei einem Verstoß gegen die Siegestagspause mit «massiven Raketenangriffen auf Kyiws Zentrum» rechnen müsse. Die Drohung ist bemerkenswert: Sie suggeriert, dass Kyiws Innenstadt bislang bewusst verschont wurde, was die ukrainische Seite bestreitet. Das Ergebnis des Schlagabtauschs: Beide Seiten haben formal einen Waffenruheplan auf dem Tisch. Keiner verhandelt mit dem anderen. Die Geschichte des Osterwaffenstillstands aus dem April lehrt, was das bedeutet: Damals wurden binnen 32 Stunden fast 4.900 Verstöße dokumentiert.

Irans Krieg als unterschätzter Faktor im ukrainischen Luftkampf

NBC News berichtete unter Berufung auf US-Militäranalysten, dass der Irankonflikt die ukrainischen Luftabwehrkapazitäten direkt schwächt. Patriot-Abfangraketen und schwere Munition, die ursprünglich für die Ukraine eingeplant waren, sind laut diesen Analysen in die Operationen rund um die Straße von Hormus umgeleitet worden. Die USA unterhalten dort nach wie vor eine Marineeskorte für zivile Schiffe.

Ukraines Militär kompensiert die Lücke mit eigener Drohnenproduktion. Laut Selenskyjs eigenen Angaben stellt das Land inzwischen mehr als 2.000 Kamikazedrohnen monatlich her. Das ist eine beachtliche Industrieleistung für ein Land im dritten Kriegsjahr. Doch der Unterschied zwischen einer billigen Angriffsdrohne und einer Patriot-Abfangrakete (Stückpreis etwa drei Millionen Dollar) lässt sich nicht überbrücken. Wer günstig angreift, zwingt den Gegner zu teurer Abwehr.

Was vor und nach dem 9. Mai entscheidend ist

Die russische Waffenruhe beginnt am Freitag, dem 8. Mai. Bis dahin bleiben vier Tage, in denen beide Seiten erfahrungsgemäß weiter angreifen werden. Selenskyjs Gegenvorschlag einer früheren Pause ab dem 5. Mai liegt unbeantwortet auf dem Tisch. Die ukrainischen Streitkräfte haben angekündigt, bei einem russischen Verstoß gegen die eigene Waffenruhe unverzüglich zurückzuschlagen.

Langfristig bleibt die Frage, was nach dem 9. Mai kommt. Keine Seite hat ein konkretes Datum für echte Verhandlungen genannt. Die bisher diskutierten Pausen sind taktischer Natur, kein Waffenstillstand. Der Unterschied ist entscheidend: Eine Pause kann wenige Stunden dauern und danach in denselben Krieg münden. Ein Waffenstillstand setzt Einigung über Territorium, Rückzugslinien und internationale Garantien voraus. Beides ist im Frühjahr 2026 nicht in Sicht. Was in Sicht ist: ein weiterer russischer Angriff, sobald der 9. Mai vorbei ist.

Quellen (5)