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Humanoide Roboter gehen in Serienproduktion

Humanoide Roboter gehen in Serienproduktion

Figure AI produziert in Texas jetzt einen humanoiden Roboter pro Stunde, eine 24-fache Steigerung in vier Monaten. Chinas Unitree plant zwanzigtausend Einheiten für 2026. BMW Leipzig testet die Maschinen bereits. Der Schritt vom Labor in die Fabrikhalle ist vollzogen.

5. Mai 2026, 8:41 Uhr 762 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Figure AI produziert in einer Fabrik im kalifornischen San José seit April 2026 einen humanoiden Roboter pro Stunde. Das entspricht einer 24-fachen Steigerung innerhalb von vier Monaten. In China plant Unitree Robotics für das Jahr 2026 zwanzigtausend Einheiten zu bauen, viermal so viele wie im Vorjahr. Tesla kündigt für den Spätsommer an, seinen Optimus-Roboter ebenfalls in Serienproduktion zu bringen. Was jahrzehntelang als Vision galt, hat einen Zeitplan bekommen: Humanoide Roboter verlassen das Labor.

BotQ: Wenn eine Fabrik sich selbst hochskaliert

Die Einrichtung heißt BotQ, liegt in San José, Kalifornien und dient Figure AI als Pilotfabrik für die Skalierung. Im Januar 2026 rollte dort noch alle paar Tage ein Roboter vom Band. Im April lag die Rate bei etwa 55 Einheiten pro Woche, was einer Einheit pro Stunde entspricht. Die Erstdurchlaufquote, also der Anteil der Roboter, die den ersten Qualitätstest ohne Nacharbeit bestehen, liegt laut Interesting Engineering bei über 80 Prozent. Das ist für eine neue Produktion bemerkenswert: Typische Automobilfabriken beginnen bei unter 70 Prozent und brauchen Jahre um 90 Prozent zu erreichen.

Insgesamt hat Figure AI bisher mehr als 350 Roboter ausgeliefert. Abnehmer sind unter anderem BMW-Werke in Leipzig und im US-amerikanischen Spartanburg. Dort übernehmen die Maschinen repetitive Aufgaben in der Karosserieproduktion, etwa das Einlegen von Verkleidungsteilen. Der Figure 03 kostet nach Branchenangaben rund 30.000 Dollar pro Einheit. Das entspricht grob einem Jahresgehalt eines deutschen Industriearbeiters und ist damit für mittlere Unternehmen prinzipiell erschwinglich.

Chinas Vorsprung: Über 80 Prozent der Auslieferungen

Weltweit arbeiten inzwischen rund 90 Unternehmen an humanoiden Robotern, gegenüber etwa 55 noch im Vorjahr. China stellt dabei laut Branchendaten über 80 Prozent aller ausgelieferten Einheiten im Jahr 2025. Unitree Robotics und Agibot, beide chinesisch, hatten zusammen 81 Prozent der globalen Auslieferungen, wie Yahoo Finance unter Berufung auf Marktanalysten berichtete. Unitrees H2-Modell kostet ebenfalls rund 30.000 Dollar und ist damit direkt im selben Preissegment wie das US-Produkt von Figure. Der Unterschied liegt in der geplanten Menge: Unitree will 20.000 Einheiten im Jahr 2026 bauen, Figure hat eine Jahreskapazität von rund 12.000 aufgebaut.

Die Frage wer in diesem Markt das Tempo vorgibt, hat strategische Bedeutung weit über die Fabriken hinaus. Humanoide Roboter, die Aufgaben in allgemeinen Fabrikhallen übernehmen können, würden die Fertigungsautomatisierung fundamental verändern. Bisherige Industrieroboter sind auf einzelne Bewegungsabläufe programmiert und fest installiert. Ein humanoider Roboter kann dagegen an einer anderen Halle, einer anderen Aufgabe und mit anderer Software betrieben werden. Er ist der erste universell einsetzbare Fertigungshelfer ohne feste Schnittstelle.

Tesla, BMW und die erste Welle kommerzieller Einsätze

Tesla plant, seinen Optimus-Roboter ab Ende Juli 2026 in der Fabrik in Fremont in Serie zu fertigen. Als langfristiges Ziel nennt das Unternehmen eine Million Einheiten pro Jahr. Für 2026 werden nach Berichten von ad-hoc-news interne Ziele von rund 50.000 Stück gehandelt. Ob Tesla dieses Ziel erreicht, ist unklar: Das Unternehmen hat Produktionspläne in der Vergangenheit mehrfach verschoben. Gesichert ist, dass Optimus in den eigenen Tesla-Werken als erster kommerzieller Testfall eingesetzt werden soll, bevor externe Aufträge angenommen werden.

BMW Leipzig gilt als erstes deutsches Werk, das humanoide Roboter in einem Pilotprogramm einsetzt. Seit 2024 läuft dort die Zusammenarbeit mit Figure AI. Übernommen werden Aufgaben, die körperlich belastend und hochgradig repetitiv sind, genau jene Tätigkeiten, bei denen menschliche Mitarbeiter hohe Fehlzeiten aufweisen. Ein Regelwerk für den Einsatz humanoider Roboter in deutschen Betrieben hat die Bundesregierung bisher nicht vorgelegt. Die Maschinen sind im Einsatz, die Rechtslage für Haftung und Arbeitsschutz bei ihrem Betrieb bleibt ungeklärt.

Pilotprojekte 2026, Großaufträge 2027: Was noch fehlt

Brancheneinschätzungen, unter anderem vom Marktforschungsdienst TIMEWELL, sehen 2026 als Jahr der Pilotprojekte und Erstlieferungen, 2027 als Jahr der ersten industriellen Großaufträge. Bis dahin müssen die Hersteller nachweisen, dass ihre Maschinen nicht nur in kontrollierten Bedingungen funktionieren, sondern über Monate in normalen Produktionsumgebungen mit Staub, Lärm, wechselnden Temperaturen und unvorhergesehenen Situationen. Bisherige Industrieroboter haben für diesen Nachweis jahrelange Prüfzyklen durchlaufen.

Für Europa stellt sich dabei eine Frage, auf die Brüssel und Berlin keine Antwort gegeben haben: Wenn die meisten humanoiden Roboter in China gefertigt und zu Preisen angeboten werden, die US-Konkurrenten unterbieten, welche Rolle spielt dann ein europäischer Maschinenbau, der auf komplexe und teure Maschinen spezialisiert ist? Die Massenproduktion humanoider Roboter folgt einer anderen Logik als der klassische Sondermaschinenbau. Sie braucht Skaleneffekte, günstige Komponenten und kurze Iterationszyklen. Das sind keine Stärken, die Europa in dieser Industrie mitbringt.

Quellen (7)