Grüne, SPD und Linke verlassen X
In einer koordinierten Aktion verlassen Grüne, SPD und Die Linke heute die Plattform X. CDU, CSU und FDP bleiben. Diese Entscheidung schafft eine politische Asymmetrie auf der wichtigsten Arena für politische Echtzeitkommunikation in Deutschland: Die linke Mitte räumt den Raum, rechts-von-Mitte-Kräfte bleiben. Wer geht, überlässt die Bühne.
Was X unter Elon Musk wurde
Im Oktober 2022 kaufte Elon Musk das damalige Twitter für 44 Milliarden Dollar. Was folgte, ist dokumentiert: Musk entließ rund 80 Prozent der Belegschaft, demontierte systematisch die Inhaltsmoderation und stellte Konten wieder her, die wegen Hassrede oder Desinformation gesperrt worden waren. X entwickelte sich unter seiner Führung zur bevorzugten Plattform für rechtspopulistische Bewegungen in Europa und Amerika.
Im Januar 2025 unterstützte Musk öffentlich die AfD im deutschen Bundestagswahlkampf. Er schrieb auf X, nur die AfD könne Deutschland retten und schaltete Live-Auftritte mit führenden AfD-Politikern. Für die drei nun aussteigenden Parteien war das der entscheidende Punkt: Die Plattform gehört einem Mann, der aktiv in die deutsche Demokratie eingreift und dabei eine Partei unterstützt, die der Verfassungsschutz beobachtet.
Drei Parteien, ein Hashtag
Die Initiative geht auf Pegah Edalatian zurück, die politische Geschäftsführerin der Grünen. Sie koordinierte den gemeinsamen Ausstieg über mehrere Wochen hinweg. Edalatian begründete die Entscheidung mit einem direkten Satz: "X ist in den letzten Jahren im Chaos versunken." Die Plattform fördere Desinformation und die Diskussionskultur sei einer aggressiven, verrohten Auseinandersetzung gewichen. SPD und Die Linke schlossen sich der Aktion an.
Betroffen sind die offiziellen Parteikonten, Bundestagsfraktionskonten sowie Konten führender Parteifunktionäre. Die Konten werden nicht gelöscht, sondern deaktiviert. Damit halten die Parteien die Option offen, zurückzukehren. Mitglieder sind laut Edalatian "selbstverständlich frei zu entscheiden, ob sie auf X bleiben wollen". Als Alternative empfehlen alle drei Parteien vor allem Bluesky.
Die Einigkeit reicht allerdings nicht bis in die Parteispitzen. Ricarda Lang und Cem Özdemir, zwei der bekanntesten Grünen-Politiker des Landes, haben angekündigt, persönlich auf X aktiv zu bleiben. Özdemirs Begründung ist strategisch: Das Feld dürfe nicht der AfD überlassen werden. Dass zwei prominente Grünen-Politiker die eigene Parteilinie öffentlich nicht mitgehen, zeigt das Dilemma, das diese Entscheidung erzeugt.
CDU, CSU und FDP: Das Feld nicht räumen
CDU, CSU und FDP bleiben auf X und ihre Begründung ist strategisch konsequent. CSU-Generalsekretär Martin Huber formulierte es ohne Umschweife: "Die sozialen Netzwerke den Radikalen zu überlassen, ist keine Option." Eine CDU-Sprecherin ergänzte, man könne sich Debatten nicht entziehen. Die FDP plant nach eigenen Angaben keinen Abgang.
Das Argument hat Gewicht. X ist in Deutschland noch immer die Plattform, auf der Journalisten, Politiker und kommentierfreudige Öffentlichkeit in Echtzeit aufeinandertreffen. Wenn Grüne, SPD und Linke mit ihren zusammen mehreren Millionen Followern den Raum verlassen, während AfD, CDU und FDP bleiben, verstärkt das genau die Schieflage, die als Austrittsgrund genannt wird. Wer geht, gibt die Bühne frei.
Das ist das klassische Dilemma des Plattformboykotts: Die Verweigerung fühlt sich prinzipienfest an, wirkt aber häufig kontraproduktiv. Die Plattform verliert nicht an Bedeutung, weil drei Parteien aussteigen. Ihre Reichweite auf dieser Plattform hingegen verliert ihren Kanal.
Zwei Millionen Deutsche auf Bluesky
Als Alternative empfehlen die drei Parteien vor allem Bluesky. Das dezentralisierte Netzwerk, dessen zugrundeliegendes Protokoll ursprünglich von Twitter-Mitgründer Jack Dorsey konzipiert wurde, hat global rund 42 Millionen Nutzer. Deutschland ist dabei überproportional vertreten: Laut Verkehrsdaten stammten im Sommer 2025 rund 4,5 Prozent des Bluesky-Traffics aus Deutschland, der drittstärkste internationale Anteil hinter den USA und Japan. Das entspricht schätzungsweise knapp zwei Millionen aktiven deutschen Nutzern.
Zum Vergleich: X hat weltweit nach eigenen Angaben mehrere Hundert Millionen monatlich aktive Nutzer. Der Größenunterschied zwischen den Plattformen ist erheblich. Ob Bluesky in Deutschland eine kritische Masse für politische Echtzeit-Debatten erreicht, entscheidet sich in den nächsten Monaten. Die drei aussteigenden Parteien werden diesen Test mitgestalten: Sie nehmen ihre Follower-Netzwerke mit und geben Bluesky einen Wachstumsimpuls.
Parallel entwickeln sich europäische Alternativen. W Social, ein schwedisch-deutsches Projekt, plant eine regulierungskonforme Plattform mit verpflichtender Identitätsverifizierung und europäischem Datenschutz. Eine breite Öffentlichkeit soll sie bis Ende 2026 erreichen. Ob das gelingt, ist offen. Die Vergangenheit ähnlicher Projekte stimmt nicht optimistisch.
Die eigentliche Frage ist nicht, ob X gut oder schlecht ist. Sie ist: Welche Konsequenz folgt aus einer politischen Bewertung? SPD, Grüne und Die Linke haben ihre Antwort gegeben. Ob die Abwesenheit auf X sie politisch stärkt oder schwächt, werden sie in den nächsten Wochen spüren. Der Maßstab bleibt dabei X, nicht Bluesky.