Wal "Timmy" in Not: Rettungsplan wird revidiert
Am 23. März 2026 wurde ein Buckelwal erstmals in der Lübecker Bucht gesichtet. Dreißig Tage und zahlreiche gescheiterte Rettungsversuche später steckt das Tier, das die Öffentlichkeit „Timmy“ getauft hat, noch immer in einer flachen Bucht nahe der Insel Pöl. Am Mittwoch musste Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) den zuletzt genehmigten Rettungsplan überarbeiten. Ein neues Konzept liegt nicht vor. Tierschutzorganisationen wie IFAW und Sea Shepherd warnen, die Zeit laufe ab.
Wie Timmy in die Bucht geriet
Buckelwale gehören nicht in die Ostsee. Das Meer ist zu flach, zu salzarm und für diese Tiere ungeeignet. Wie das Jungtier in die Gewässer vor Mecklenburg-Vorpommern gelangte, ist unbekannt. Am 23. März wurde es erstmals in der Lübecker Bucht nahe Timmendorfer Strand gesichtet, woher auch der Spitzname stammt.
Das Tier schwamm zunächst weg, tauchte dann in der Wismarbucht wieder auf und drang tief in den Kirchsee nahe der Insel Pöl ein. Der Kirchsee ist ein flaches Küstengewässer mit sandigem Grund. Anhaltende Ostwinde drückten den Wasserstand in den vergangenen Wochen bis zu 30 Zentimeter unter Normalpegel, was die physische Lage des Wals weiter verschlechterte. Experten aus dem Umfeld von IFAW und Sea Shepherd gehen davon aus, dass das Tier bereits innere Verletzungen erlitten hat und wahrscheinlich an einer Erkrankung leidet, die seinen Orientierungssinn beeinträchtigt.
Die gescheiterten Versuche
Am 16. April fuhr eine Kolonne von Lastwagen in den Hafen Kirchdorf auf Pöl. Die private Rettungsinitiative, finanziert von der Unternehmerin Karin Walter-Mommert und MediaMarkt-Mitgründer Walter Gunz, hatte Pontons und Spezialausrüstung mitgebracht. Der Plan: das Tier mit Luftkissen anheben, in Pontons stabilisieren und durch den Kirchsee ins offene Wasser führen.
Backhaus gab zunächst grünes Licht für den Einsatz. Am 20. April stiegen die Wasserstände kurz an, Timmy schwamm auf eigene Kraft aus der flachsten Stelle weg. Retter versuchten, ihn mit kleinen Booten in Richtung offenes Wasser zu lotsen. Nach rund zwei Stunden blieb das Tier wieder stehen. Sergio Bambaren, Autor und Teil des Rettungsteams, berichtete, der Wal sei beim Leitungsversuch in totale Panik geraten, was seinen körperlichen Stress weiter erhöhte.
Am Mittwoch erklärte Backhaus, der Luftkissenplan müsse überarbeitet werden. Hintergrund sind Spannungen im Expertenteam: Eine internationale Walexpertin aus Hawaii hatte die Zusammenarbeit beendet und öffentlich schwere Bedenken gegen die Rettungsstrategie geäußert. Welcher Plan stattdessen umgesetzt werden soll, teilte Backhaus nicht mit.
Was die Rettung so schwer macht
Die Grundfrage ist ungelöst: Kann ein Tier dieser Größe und in diesem Zustand sicher durch den flachen Kirchsee transportiert werden? Buckelwale erreichen bis zu 16 Meter Länge und wiegen zwischen 25 und 30 Tonnen. Ein Transport durch ein Flachwassergebiet setzt das Tier erheblichem Stress aus, kann bestehende innere Verletzungen verschlimmern und erfordert Wasserstände, die von Windverhältnissen abhängen, die niemand kontrollieren kann.
IFAW und Sea Shepherd unterstützen die Rettungsbemühungen grundsätzlich, äußern aber Bedenken zum Gesundheitszustand. Backhaus betont, er halte an Expertenmeinungen fest, ohne zu präzisieren, welchen der gespaltenen Berater er folgt. Explizit ausgeschlossen hat er eine Euthanasie bislang nicht. In Fachkreisen gilt sie als letzte Option, falls das Tier nicht mehr transportfähig ist.
Ein Medienereignis mit echten Fragen
Mehr als eine Million Menschen verfolgen die Ereignisse in Liveblogs und sozialen Netzwerken. Der Wal ist längst zu einem Medienereignis geworden, das über den tierschutzlichen Einzelfall hinausgeht. International koordinierte Rettungsversuche mit Teams aus Hawaii, den Niederlanden und Dänemark, finanziert von Privatpersonen, sind für ein einzelnes Tier außergewöhnlich. Kritiker weisen darauf hin, der Aufwand, der hier für ein Individuum betrieben werde, stehe in keinem Verhältnis zu dem, was Deutschland systematisch für den Schutz mariner Ökosysteme ausgibt.
Diese Kritik blendet allerdings aus, dass der Fall eine öffentliche Aufmerksamkeit für Tierschutzfragen ausgelöst hat, die kein Kampagnenetat kaufen könnte.
Wie es weitergeht
Backhaus will in den nächsten Tagen einen überarbeiteten Rettungsplan vorstellen. Ob dieser noch die Luftkissenstrategie enthält, ist unklar. Das Zeitfenster für eine Rettung wird enger: Länger auf dem Grund aufzuliegen bedeutet mehr innere Verletzungen, ein schwächeres Tier und schlechtere Überlebenschancen nach einem Transport. Die Wasserstände bieten in den nächsten Tagen wenig Hoffnung auf natürliche Erleichterung.