Hipp-Erpressung: Rattengift wegen übersehener Mail
Am 27. März landete eine E-Mail in einem anonymen Sammelpostfach des Babynahrungsherstellers Hipp. Die Erpresser forderten zwei Millionen Euro bis zum 2. April, sonst würden sie vergiftete Gläser in Supermärkte bringen. Hipp öffnete die Mail erst am 16. April. Zu diesem Zeitpunkt lagen bereits fünf mit Rattengift versetzte Gläser in Supermarktregalen in Österreich, Tschechien und der Slowakei. Mindestens ein weiteres Glas wird noch gesucht.
Die Chronologie einer verpassten Frist
Der Ablauf des Falls erklärt, wie aus einem Erpressungsversuch eine Verbraucherwarnung für drei Länder wurde. Die Drohmail mit der Forderung nach zwei Millionen Euro ging am 27. März bei Hipp ein, aber an eine Sammelpostadresse, die nach Unternehmensangaben nur in größeren zeitlichen Abständen geprüft wird. Die Frist verstrich am 2. April, ohne dass Hipp reagierte. Nicht weil das Unternehmen ablehnte, sondern weil die Mail schlicht nicht gelesen worden war.
Die Erpresser setzten ihre Drohung daraufhin um. Zwischen dem 2. und dem 19. April platzierten sie manipulierte Gläser in Supermärkten in Eisenstadt (Österreich), Brünn (Tschechien) und Dunajská Streda (Slowakei). Insgesamt wurden fünf vergiftete Gläser sichergestellt. Eines davon, im Burgenland gefunden, wurde im Labor positiv auf Rattengift getestet. Hipp entdeckte die Drohmail am 16. April und informierte sofort die Behörden. Drei Tage später trat das Unternehmen an die Öffentlichkeit: Hipp sei Opfer einer Erpressung.
Das Gift und seine Wirkung
Als Giftstoff wurde Bromadiolon nachgewiesen, ein Wirkstoff der in handelsüblichen Rattengiften weit verbreitet ist. Bromadiolon hemmt die Wirkung von Vitamin K, das für die Blutgerinnung benötigt wird. Die Folgen einer Vergiftung können Zahnfleischbluten und Nasenbluten sein, Blutergüsse ohne erkennbare Ursache sowie Blut im Stuhl. Eine Vergiftung ist behandelbar, wenn sie früh erkannt wird. Das Gegenmittel ist Vitamin K, das in schweren Fällen intravenös verabreicht wird.
Wie viel Gift in den sichergestellten Gläsern steckt und ob die vorhandene Konzentration für Kleinkinder gefährlich wäre, hat die Polizei nicht öffentlich kommuniziert. Die Ermittler empfehlen Eltern, Gläser der betroffenen Sorte Karotten mit Kartoffeln (190-Gramm-Gläser) nicht zu öffnen und sofort zu melden, wenn Merkmale einer Manipulation erkennbar sind.
Wie die Gläser erkennbar sind
Die Kriminalpolizei Ingolstadt beschreibt drei Merkmale, an denen manipulierte Gläser erkannt werden können. Erstens: Auf dem Glasboden befindet sich ein weißer Sticker mit einem roten Kreis. Zweitens: Der Deckel ist beschädigt oder zeigt Spuren einer früheren Öffnung. Drittens: Beim erstmaligen Öffnen fehlt das typische Klickgeräusch, das entsteht, wenn das Vakuum eines ungeöffneten Glases gebrochen wird. Wer eines dieser Merkmale feststellt, sollte das Glas nicht öffnen und sich an die Polizei wenden.
Hipp hat nach eigenen Angaben alle betroffenen Chargen aus dem Handel zurückgerufen. Welche Chargennummern konkret betroffen sind, hat das Unternehmen auf seiner Website veröffentlicht. Für Produkte aus anderen Sorten und für Länder außerhalb Österreichs, Tschechiens und der Slowakei bestehe nach aktuellem Ermittlungsstand keine erhöhte Gefahr.
Ermittlungen in vier Ländern
Bei der Kriminalpolizei Ingolstadt wurde eine Sonderkommission unter dem Namen Glas eingerichtet. Das Bayerische Landeskriminalamt ist eingebunden, ebenso die österreichische Kriminalpolizei sowie Behörden in Tschechien und der Slowakei. Die Ermittlungen richten sich gegen unbekannte Täter wegen Erpressung und versuchter Körperverletzung. Verhaftungen hat es nach aktuellem Stand nicht gegeben und die Identität der Täter ist unbekannt.
Unklar ist, wie die Gläser in die Regale gelangt sind und ob die Täter Zugang zu Hipp-Produkten im Großhandel hatten. Die Polizei sucht aktiv nach mindestens einem weiteren manipulierten Glas, das nach bisherigen Erkenntnissen noch in Umlauf sein könnte. Hinweise nimmt die Polizei über den Notruf entgegen.
Das Bundesgesundheitsministerium hat sich über die Sicherheitsmaßnahmen informiert. In Deutschland werden keine Rückrufmaßnahmen angeordnet, weil die manipulierten Gläser bislang ausschließlich in Österreich, Tschechien und der Slowakei sichergestellt wurden. Sollten sich Hinweise auf eine breitere Verteilung ergeben, würde das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit die Maßnahmen ausweiten.
Der Fall wirft auch eine unternehmerische Frage auf: Warum prüft ein Unternehmen, das Babynahrung für Millionen Kinder herstellt, eine Eingangsadresse nur in größeren Abständen? Hipp erklärte, die Mail sei an eine unpersonalisierte Sammeladresse gegangen, nicht an die üblichen Sicherheitskanäle. Das Unternehmen habe seine Prozesse inzwischen angepasst. Ob dazu auch eine häufigere Prüfung verdachtsrelevanter Postfächer gehört, ließ Hipp offen.