Tausende Schüler streiken bundesweit gegen Wehrpflicht
Am 81. Jahrestag der bedingungslosen deutschen Kapitulation demonstrierten bundesweit tausende Schülerinnen und Schüler gegen das neue Wehrdienstgesetz. In Berlin zogen laut Polizei rund 1.200, nach Veranstalterangaben bis zu 5.000 Teilnehmende vom Brandenburger Tor zur CDU-Zentrale. In mehr als 80 Städten, darunter Hamburg, München, Köln, Frankfurt, Stuttgart, Leipzig und Dortmund, fanden Kundgebungen statt. Es war der dritte bundesweite Aktionstag innerhalb von fünf Monaten.
Was das Gesetz verlangt und was (noch) nicht
Das Wehrdienstgesetz, das der Bundestag im Dezember 2025 verabschiedete und das seit dem 1. Januar 2026 in Kraft ist, verlangt drei Dinge. Erstens: Alle Männer des Geburtsjahrgangs 2008 erhalten einen Brief mit einem QR-Code zu einem Online-Fragebogen, den sie innerhalb eines Monats auszufüllen haben. Zweitens: Wer den Fragebogen ignoriert, bekommt eine Erinnerung per Einschreiben. Bleibt auch diese ohne Reaktion, liegt eine Ordnungswidrigkeit vor. Die Bundeswehr droht Verweigerern laut Medienberichten mit Bußgeldern bis zu 250 Euro, der gesetzliche Rahmen reicht bis zu 1.000 Euro. Drittens: Der Jahrgang 2008 soll schrittweise einer verpflichtenden Musterung unterzogen werden.
Wichtig für das Verständnis der Proteste: Der eigentliche Wehrdienst bleibt freiwillig. Wer nach Fragebogen und Musterung keinen Dienst leisten will, muss das nicht. Für den Fall, dass sich nicht genug Freiwillige melden, sieht das Gesetz ein Losverfahren vor. Ob und wann zu diesem Losverfahren gegriffen wird, bleibt offen.
Genau hier setzt die Kritik der Protestbewegung an. Sie argumentiert, dass der Weg von der verpflichtenden Musterung zur verpflichtenden Dienstpflicht kürzer ist, als die Bundesregierung zugibt und dass das Losverfahren den Weg dorthin rechtlich schon bereitet.
Eine Bewegung im dritten Anlauf
Die Schulstreikbewegung gegen das Wehrdienstgesetz startete im Dezember 2025. Am 5. Dezember streikten Schülerinnen und Schüler in über 90 Städten gleichzeitig mit der Bundestagsabstimmung über das Gesetz. Am 5. März 2026 folgten nach Veranstalterangaben rund 55.000 Teilnehmende in mehr als 150 Städten. Das heutige Datum wurde bewusst gewählt: Der 8. Mai gilt in Deutschland als Tag der Befreiung, der Jahrestag des Kriegsendes 1945 hat für die Organisatoren einen politischen Doppelklang. Das Motto lautete: „Heraus zum 8. Mai, nie wieder Wehrpflicht, nie wieder Krieg!“
Hinter den Streiks steht kein einzelner Verband, sondern ein loses Netzwerk: das Schulstreikbündnis, das Netzwerk Friedenskooperative, Ortsverbände der Falken, lokale Schülerinitiativen und die Gruppe „Nie wieder Krieg!“. Am 18. und 19. April trafen sich in Göttingen über 200 Delegierte lokaler Schulstreikkomitees aus ganz Deutschland zu einer Konferenz. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) zeigte mit lokalen Strukturen Sympathien für die Proteste, ohne bundesweit offiziell aufzurufen.
Bundeswehr kämpft um eine skeptische Generation
Die Bundeswehr hatte vor der Gesetzeseinführung ein strukturelles Problem: Der freiwillige Dienst brachte nicht genug Nachwuchs. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) hat als Ziel formuliert, die aktiven Kräfte bis 2035 auf rund 270.000 Soldatinnen und Soldaten zu erhöhen. Der aktuelle Bestand liegt deutlich darunter. Der Iran-Krieg und Europas beschleunigte Aufrüstung haben den politischen Druck erhöht, die Bundeswehr schneller auf Sollstärke zu bringen.
Die Generation, die seit dem 1. Januar 2026 Briefe vom Bundesverteidigungsministerium bekommt, ist in einer Welt aufgewachsen, in der Wehrpflicht in Deutschland nicht existierte. Die Bundeswehr war seit der Aussetzung 2011 ein Freiwilligenapparat. Viele Protestierende argumentieren: Die Wiedereinführung der Pflicht, auch wenn sie zunächst nur Fragebogen und Musterung umfasst, verändert das Verhältnis zwischen Staat und Jugend grundlegend.
Dass Bundeswehr-Vertreter aktiv in Schulen werben, ist ein weiterer Streitpunkt. Die Berliner Zeitung nannte das Kernproblem der Rekrutierungsstrategie: „Zwischen Bußgeld und Schulstreik kämpft die Bundeswehr um die Generation Z.“
Die erste Musterungswelle als eigentlicher Test
Die Frage, ob die Protestbewegung politisch etwas verändern kann, wird sich nicht beim Streik entscheiden. Der eigentliche Test kommt, wenn die ersten Musterungsbescheide für den Jahrgang 2008 verschickt werden, was im Laufe von 2026 schrittweise geschehen soll. Dann wird sich zeigen, wie viele der 18-Jährigen die Musterung verweigern, ob die angedrohten Bußgelder tatsächlich vollstreckt werden und wie die öffentliche Reaktion darauf ausfällt.
Auf politischer Ebene hat bislang keine der Regierungsparteien eine Revision des Gesetzes signalisiert. CDU/CSU und SPD haben das Wehrdienstgesetz gemeinsam verabschiedet. Die Linke ist Teil der Organisationsnetzwerke der Proteste, stellt aber seit der Parteikrise keine parlamentarische Kraft mehr, die das allein kippen könnte. Ob der anhaltende Protest zu einer Debatte über das Losverfahren führt, ob Bußgelder am Ende doch nicht vollstreckt werden oder ob die Musterungsquoten enttäuschend bleiben, ist die Frage, die diese Bewegung in den kommenden Monaten beantwortet.