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Pilzforscherin gewinnt Umwelt-Nobel für CO2-Arbeit

Pilzforscherin gewinnt Umwelt-Nobel für CO2-Arbeit

Dr. Toby Kiers hat entdeckt, dass Mykorrhizapilze jährlich 13 Milliarden Tonnen CO2 aus der Atmosphäre binden, ein Drittel aller Emissionen aus fossilen Brennstoffen. Für diese Arbeit erhält sie 2026 den Tyler Prize, den renommiertesten Umweltpreis der Welt.

3. Mai 2026, 9:19 Uhr 638 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Wer verstehen will, warum ein Baum stirbt oder wie sich ein Wald nach einem Brand erholt, muss unter die Erde schauen: in das Netz aus Pilzfäden, das die Wurzeln aller Pflanzen miteinander verbindet. Evolutionsbiologin Dr. Toby Kiers von der Vrije Universiteit Amsterdam hat dieses unsichtbare System über zwei Jahrzehnte erforscht und dafür 2026 den Tyler Prize for Environmental Achievement erhalten. Die Zahl, die ihre Forschung hervorgebracht hat, überrascht selbst Klimawissenschaftlerinnen: Pflanzen geben jährlich rund 13 Milliarden Tonnen Kohlendioxid an Mykorrhizapilze ab. Das entspricht einem Drittel aller globalen Treibhausgasemissionen aus fossilen Brennstoffen.

Das Netz unter unseren Füßen

Mykorrhizapilze bilden symbiotische Verbindungen mit etwa 90 Prozent aller Landpflanzen. Ihre feinen Fäden, sogenannte Myzelien, durchziehen den Boden und liefern Pflanzen Nährstoffe und Wasser, die deren Wurzeln allein nicht erreichen könnten. Im Gegenzug erhalten die Pilze Kohlenstoff aus der Photosynthese der Pflanzen. Was lange als reine Symbiose galt, stellt sich in Kiers' Forschung als eines der größten Klimaschutzsysteme der Erde heraus.

Kiers gelang es, diese Kohlenstoffflüsse erstmals quantitativ zu erfassen. Ihr Team entwickelte Messmethoden, die zeigen, wie viel Kohlenstoff Pflanzen tatsächlich in die unterirdischen Netzwerke leiten, statt ihn selbst zu speichern. Die Ergebnisse erschütterten ein verbreitetes Bild: Im Klimadiskurs gelten Bäume als die Kohlenstoffspeicher schlechthin. Kiers zeigt, dass ein erheblicher Teil dieser Bindeleistung unsichtbar unter der Erde liegt, in Pilznetzwerken, die in keinem Klimamodell und keinem Naturschutzgesetz explizit berücksichtigt werden.

Forschen und kartieren

Kiers arbeitet gleichzeitig als Grundlagenforscherin und als Naturschützerin. 2022 gründete sie gemeinsam mit anderen die Society for the Protection of Underground Networks (SPUN), eine gemeinnützige Organisation, die das erste globale Verzeichnis unterirdischer Pilznetzwerke aufbaut. Das Underground Atlas genannte Werk nutzt Bodenproben und Algorithmen, um die biodivers reichsten Mykorrhizastandorte weltweit zu lokalisieren und für Schutzprogramme zu nominieren.

Im Januar 2026 startete SPUN zusammen mit dem More-than-Human-Life-Programm der New York University School of Law das Ausbildungsprogramm Underground Advocates. Es soll Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler befähigen, juristisch und politisch für den Schutz von Pilznetzwerken einzutreten, ähnlich wie Anwälte für Menschenrechte oder Umweltschutzorganisationen für bedrohte Tierarten. Die erste juristische Schutzklage für ein Mykorrhizanetzwerk in einem Nationalpark ist nach SPUN-Angaben in Vorbereitung.

Kiers ist als jüngste Frau in der Geschichte des Tyler Prize ausgezeichnet worden. Das Preisgeld beläuft sich auf 250.000 Dollar, verwaltet von der University of Southern California. Die Verleihung fand am 23. April 2026 in Amsterdam statt.

Was auf dem Spiel steht

Die Dringlichkeit dieser Forschung ergibt sich aus einem globalen Trend: Etwa ein Drittel der weltweiten Böden gilt laut Welternährungsorganisation FAO als geschädigt oder degradiert, vor allem durch intensive Landwirtschaft, Monokulturanbau und den Einsatz von Fungiziden. All das zerstört Mykorrhizanetzwerke direkt. Wenn diese Netzwerke verschwinden, verlieren Böden nicht nur ihre Fähigkeit zur Kohlenstoffbindung, sondern auch zur Wasserretention, was Dürren und Erosion verschlimmert.

Für Renaturierungsprogramme, darunter das EU-Renaturierungsgesetz, das Mitgliedstaaten zu ökologischer Wiederherstellung von Flächen verpflichtet, könnte der Schutz unterirdischer Pilznetzwerke eine unterschätzte Stellschraube sein. Ohne intakte Mykorrhizasysteme wachsen renaturierte Flächen langsamer und speichern weniger Kohlenstoff als erwartet, zeigen erste Studien aus Wiederaufforstungsprojekten in Zentralafrika und Südamerika.

Was jetzt passiert

Kiers hat angekündigt, das Underground Atlas bis Ende 2027 auf alle Kontinente auszuweiten. Bislang sind die Datenpunkte in Teilen Europas, Nordamerikas und Südostasiens am dichtesten. Für die Klimawissenschaft entscheidend wird sein, ob die von ihr identifizierten Kohlenstoffflüsse in zukünftige Erdsystemmodelle eingebaut werden. Das Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services (IPBES) hat Kiers als Expertin für seinen nächsten Großbericht berufen, der 2027 erscheinen soll.