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International
Drohnenkommandant Magyar: Kein Ziel in Russland sicher

Drohnenkommandant Magyar: Kein Ziel in Russland sicher

Robert Brovdi, Kampfname Magyar, führt Ukraines Drohnenkräfte und sagt: Kaum ein Ziel in Russland ist noch sicher. Gleichzeitig will Verteidigungsminister Fedorov in der ersten Jahreshälfte 2026 genau 25.000 Bodenroboter beschaffen, mehr als doppelt so viele wie im gesamten Vorjahr.

3. Mai 2026, 10:39 Uhr 830 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Robert Brovdi, 49, aus Uschhorod, hat zwei Leben. Vor dem Krieg war er Unternehmer in der Agrar- und Immobilienbranche. Seit der russischen Invasion führt er unter dem Kampfnamen Magyar Ukraines offizielle Drohnenkräfte. Sein Urteil über das Territorium des Gegners ist knapp: „Kaum ein Ziel in Russland ist vor uns sicher.” Ziele bis zu 2.000 Kilometer hinter der Front lägen nun in Reichweite seiner Einheiten. Parallel dazu gibt Verteidigungsminister Mykhailo Fedorov bekannt, dass die Ukraine in der ersten Jahreshälfte 2026 genau 25.000 unbemannte Bodenfahrzeuge beschaffen will, mehr als doppelt so viele wie im gesamten Jahr 2025. Der Drohnenkrieg wird nicht nur militärisch radikalisiert, sondern industriell.

Was Magyars Kräfte bereits leisten

Magyars Einheit begann als kleiner Aufklärungstrupp, ist heute Teil der offiziellen ukrainischen Streitkräfte und ihre Methode hat sich als außerordentlich effizient erwiesen: Die Drohnenkräfte stellen nur etwa zwei Prozent von Ukraines gesamter militärischer Stärke, sind aber nach eigenen Angaben für rund ein Drittel aller erfolgreichen Treffer auf russischen Boden verantwortlich. Im März 2026 allein führten ukrainische Einheiten mehr als 9.000 Missionen mit Bodenrobotern durch. Logistik, Munitionstransport, Verwundeten-Evakuierung. Über die vergangenen drei Monate summiert sich die Zahl auf mehr als 22.000 unbemannte Einsätze.

Die geografische Reichweite wächst: Das ukrainische Verteidigungsministerium erklärte, die Reichweite der Angriffsdrohnen sei seit Kriegsbeginn 2022 um 170 Prozent ausgebaut worden. Magyar benennt das Ziel direkt: Russlands Energieinfrastruktur. „Wenn Raffinerien das Werkzeug sind, um Ressourcen in Kriegsgeld zu verwandeln, sind sie legitime militärische Ziele”, sagte er der britischen BBC. Ukraines Drohnenkampagne gegen russische Ölraffinerien hat seit Januar 2026 nach Angaben von Präsident Selenskyj mindestens sechs Milliarden Euro Schaden verursacht; im April allein wurden laut Bloomberg 21 gezielte Schläge auf russische Ölanlagen registriert, ein Viermonatshoch.

Das R-330Zh und was seine Zerstörung bedeutet

Ende April gelang Ukraines Drohnenkräften ein Treffer mit symbolischer Sprengkraft. Die Spezialeinheit Lasar's Group der Nationalgarde zerstörte in der Oblast Charkiw ein russisches R-330Zh-Zhitel-Störsystem, jenen Gerätetyp, der speziell dafür gebaut ist, Drohnen und Kommunikationssignale zu unterbinden. Das System kann Bodenverbindungen auf bis zu 25 Kilometer stören, Luftverbindungen auf bis zu 50 Kilometer; sein Marktwert liegt bei rund zehn Millionen Dollar. Seit Beginn der russischen Invasion wurden erst 24 solcher Systeme visuell als zerstört bestätigt.

Die Ironie ist militärisch exakt: Russland verliert ein Anti-Drohnen-System durch Drohnen. Für die ukrainischen Kräfte bedeutet die Vernichtung eines Zhitel einen unmittelbaren taktischen Gewinn in einem Radius von mehreren Dutzend Kilometern, weil die russische Fähigkeit zur Signalstörung lokal einbricht. Für Russland ist jedes vernichtete Zhitel-System ein schwer ersetzbarer Verlust, die Produktion ist aufwendig, die verfügbaren Stückzahlen beschränkt.

25.000 Roboter: die Industrialisierung des Krieges

Während die Drohnenkräfte taktisch eskalieren, plant Kiew eine strukturelle Verschiebung in der Kriegsführung. Verteidigungsminister Fedorov gab bekannt, die Ukraine werde in der ersten Jahreshälfte 2026 25.000 unbemannte Bodenfahrzeuge (UGV) unter Vertrag nehmen. Das ukrainische Verteidigungsbeschaffungsamt hat bereits 19 Verträge im Wert von umgerechnet rund 250 Millionen Dollar mit inländischen Herstellern unterzeichnet. Das Ökosystem dahinter ist groß: 280 ukrainische Unternehmen entwickeln Bodenroboter, insgesamt mehr als 550 aktive Lösungen sind auf dem Markt.

Das strategische Leitgerät ist der Bizon-L, ein 300-Kilogramm-Nutzlast-Logistikroboter mit 50 Kilometern Reichweite. Kiew hat ihn unter NATO-Katalogstandards eingestuft und zur operativen Nutzung durch die Streitkräfte und verbündeter Länder freigegeben, ein Schritt, der auch die Interoperabilität für künftige Koalitionen sichert. Fedorovs erklärtes Fernziel: 100 Prozent der Frontlogistik soll von robotischen Systemen übernommen werden. Im Klartext bedeutet das: Keine Soldaten mehr beim Munitionstransport und Verwundetentransport unter Feuer, wenn die Skalierung gelingt.

Was das für den Kriegsverlauf bedeutet

Die Zahlen beschreiben eine Asymmetrie, die sich vertieft. Russland reagiert ebenfalls mit Drohnen: In der Nacht zum 1. Mai setzte es nach ukrainischen Angaben mehr als 400 Drohnen gleichzeitig ein, der größte Massenangriff seit Wochen. Aber Russland verliert dabei systematisch die Infrastruktur, die seinen Gegenangriff im Drohnenbereich ermöglichen soll: Störsysteme wie das Zhitel werden von eben jenen Drohnen zerstört, die sie abwehren sollten.

Die Kombination aus gesteigerter Reichweite, industrieller Produktionskapazität und einer Doktrin, die gefährlichsten Aufgaben auf Maschinen überträgt, verändert die Kosten-Nutzen-Rechnung des Krieges grundlegend. Das Institute for the Study of War (ISW) schreibt in seiner Analyse, die ukrainische Ölkampagne könne Russlands Fähigkeit einschränken, die für Sommer 2026 geplante Großoffensive im Donbas zu finanzieren und logistisch zu versorgen. Ob diese Einschätzung zutrifft, hängt davon ab, ob sich Russland anpassen kann und wie schnell.

Was als Nächstes kommt

Magyar hat angekündigt, die Angriffe auf russisches Territorium weiter zu skalieren, ausdrücklich in immer größere Tiefe. Fedorov hat die 25.000 Bodenroboter als Ziel für das erste Halbjahr 2026 benannt, also bis Ende Juni. Am 9. Mai findet Russlands Siegesparade statt; Putin hat eine symbolische Feuerpause angeboten, die Selenskyj als unzureichend ablehnte. Für die ukrainischen Drohnenkräfte ändert ein Feiertag an der militärischen Planung nichts. Magyar hat deutlich gemacht, dass sein Kalender kein Datum ausspart.