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Darmkrebsstudie: Null Rückfälle nach fast drei Jahren

Darmkrebsstudie: Null Rückfälle nach fast drei Jahren

Eine britische Studie der Phase II zeigt: Bei einer spezifischen Form des Dickdarmkrebses löste eine neun Wochen dauernde Immuntherapie vor der Operation den Tumor bei 59 Prozent der Patienten vollständig auf. Nach fast drei Jahren Follow-up hat kein einziger Patient einen Rückfall erlitten.

6. Mai 2026, 15:55 Uhr 762 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Eine britische Studie hat bei einer genetisch definierten Form des Dickdarmkrebses Ergebnisse gezeigt, die in der Onkologie selten sind: 59 Prozent der Patienten hatten nach einer neun Wochen dauernden Immuntherapie vor der Operation keinen lebendigen Tumor mehr im Körper. Über einen Zeitraum von fast drei Jahren danach erlitt kein einziger der 32 Studienteilnehmer einen Rückfall. Das ist für Dickdarmkrebs außergewöhnlich. Die bisherige Standardchemotherapie erreicht bei dieser Untergruppe lediglich sieben Prozent vollständige Remission und etwa 25 Prozent der Patienten erleben innerhalb von drei Jahren einen Rückfall.

Was dMMR-Dickdarmkrebs besonders macht

Nicht jeder Dickdarmkrebs reagiert gleich auf Behandlung. Etwa 15 Prozent aller Fälle tragen einen genetischen Defekt in einem Korrektursystem für DNA-Kopierfehler, das in der Forschung Mismatch Repair heißt, abgekürzt dMMR (deficient Mismatch Repair). Tumoren mit diesem Defekt zeigen außerdem das Merkmal MSI-H (Microsatellite Instability High). Fehlt das Korrektursystem, häufen sich Mutationen in den Tumorzellen besonders schnell an. Das ist für die Immuntherapie ein Vorteil: Ein Tumor mit vielen Mutationen hat viele Angriffspunkte, an denen das Immunsystem ihn erkennen kann.

In Deutschland erkranken nach Daten des RKI jährlich rund 55.320 Menschen neu an Darmkrebs. Bei einem Anteil von etwa 15 Prozent mit dMMR-Profil wären das ungefähr 8.300 Patienten pro Jahr, auf die die Ergebnisse der Studie potenziell zutreffen. Das Problem mit der bisherigen Standardtherapie: FOLFOX, eine Chemotherapiekombination aus 5-Fluorouracil, Oxaliplatin und Leucovorin, wirkt bei dMMR-Tumoren besonders schlecht. Die FOxTROT-Studie dokumentierte bei dieser Untergruppe eine pathologische Komplettremissionsrate von nur sieben Prozent.

Wie NEOPRISM-CRC aufgebaut war

Die Studie läuft an fünf britischen Krankenhäusern. 32 Patienten mit dMMR-Dickdarmkrebs in den Stadien II und III erhielten neun Wochen lang Pembrolizumab vor der geplanten Operation statt nach dem Eingriff eine Chemotherapie. Pembrolizumab (Handelsname Keytruda) ist ein monoklonaler Antikörper, der den Rezeptor PD-1 auf T-Zellen blockiert. Tumorzellen nutzen diesen Rezeptor, um das Immunsystem zu bremsen. Wenn Pembrolizumab diese Bremse löst, können die körpereigenen Abwehrzellen den Tumor wieder angreifen.

59 Prozent der Patienten erreichten eine pathologische Komplettremission: Die Chirurgen fanden bei der Operation keinen lebendigen Tumor mehr vor. Schwere Immunreaktionen (Grad 3 oder 4 nach klinischer Klassifikation) traten bei 6,2 Prozent der Patienten auf, was zwei von 32 Personen entspricht. Die Ergebnisse präsentierten die Forscher beim AACR Annual Meeting 2026 in San Diego im April. Das Langzeitergebnis, also die Nachbeobachtung über 33 Monate, stufte eCANCER, das europäische Fachportal für Krebsforschung, als besonders bemerkenswert ein.

Null Rückfälle in 33 Monaten

Das entscheidende Resultat ist der Langzeitbefund. Nach einem medianen Follow-up von 33 Monaten hatte kein einziger Patient einen Rückfall erlitten, weder in der Gruppe mit vollständiger Remission noch bei denen, bei denen nach der Immuntherapie noch Resttumor nachweisbar gewesen war. Die Studienautoren sehen darin einen Hinweis auf einen anhaltenden immunologischen Schutz: Pembrolizumab reaktiviert nicht nur zirkulierende T-Zellen, sondern schult sie spezifisch auf den Tumor ein. Selbst nach der Operation können ausgebildete Immunzellen verbleibende Tumorreste erkennen und bekämpfen, so die Hypothese.

Im Vergleich: Wie frühere Durchbrüche begannen

Bahnbrechende Therapien starteten oft als kleine Studien. Beim Hepatitis-C-Virus veränderten ab 2014 direkt antivirale Wirkstoffe, sogenannte DAAs, die Behandlung fundamental: Eine Krankheit, die jahrzehntelang nur mit nebenwirkungsreichem Interferon bekämpft werden konnte, ist heute für über 95 Prozent der Patienten heilbar. Die Daten aus Phase II waren überzeugend, die Zulassung folgte rasch.

Bei HIV führte 1996 die Einführung der Dreierkombinationstherapie mit damals wenigen hundert Patienten in klinischen Studien zu einer vollständigen Umkehrung der Prognose. Heute entspricht die Lebenserwartung HIV-positiver Menschen in Deutschland nahezu der Lebenserwartung der Allgemeinbevölkerung. Für dMMR-Dickdarmkrebs wäre ein ähnlicher Wandel denkbar, wenn größere Studien die Effekte von NEOPRISM-CRC bestätigen. Beide Vergleiche zeigen dasselbe Muster: Ein funktionierender Mechanismus, klein belegt, groß bestätigt.

Drei Bedingungen bis zur Standardtherapie

Damit neoadjuvantes Pembrolizumab zur Standardbehandlung bei dMMR-Dickdarmkrebs wird, müssen drei Dinge zusammenkommen. Erstens braucht es eine randomisierte Folgestudie in Phase III mit mehreren hundert Patienten. NEOPRISM-CRC hat 32 Patienten eingeschlossen, die geplante Gesamtrekrutierung lag bei 78. Zweitens müssen FDA und EMA auf Basis dieser Daten zustimmen, was nach Studien der Phase II einen schwierigeren Weg bedeutet. Drittens steht die Kostenfrage: Pembrolizumab wird je nach Land und Indikation mit mehreren zehntausend bis über 100.000 Dollar pro Jahr Therapiekosten veranschlagt. In Deutschland würde der Gemeinsame Bundesausschuss die Nutzenbewertung für diese spezifische Indikation durchführen.

Die Studienautoren empfehlen ausdrücklich eine Folgestudie und benennen die Grenzen ihrer Daten klar: Die Fallzahl ist zu klein für abschließende Aussagen, das Follow-up muss verlängert werden, da Dickdarmkrebs medizinisch erst nach fünf Jahren als dauerhaft geheilt gilt. Die Richtung ist ungewöhnlich eindeutig, die Absicherung steht noch aus.

Quellen (7)