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Wirtschaft
Kerosin aus Tel Aviv, LNG-Sperre: Europas Energienotstand

Kerosin aus Tel Aviv, LNG-Sperre: Europas Energienotstand

Israel liefert Deutschland Kerosin, die EU stoppt russische LNG-Spotgeschäfte, die Bundesbank warnt vor steigender Inflation. Seit der Hormuz-Sperrung im Februar sucht Europa hektisch nach Alternativen zu einem Energiemarkt, der sich in wenigen Wochen fundamental verändert hat.

6. Mai 2026, 15:00 Uhr 712 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Dass Israel und Deutschland Kerosin-Lieferverträge schließen, hätte vor einem Jahr kaum jemand für möglich gehalten. Seit die Straße von Hormuz gesperrt ist und rund ein Fünftel des weltweiten Ölangebots blockiert wird, sind Lieferketten neu justiert worden, die über Jahrzehnte stabil waren. Der Iran-Krieg hat aus einem regionalen Konflikt einen globalen Energieschock gemacht, der in Berlin, Brüssel und Amsterdam zu spüren ist.

Israels überraschende Rolle

Israelischer Energieminister Eli Cohen bestätigte in der vergangenen Woche, dass Israel einen Kerosinüberschuss aus eigenen Raffinerien identifiziert hat, der für den Export geeignet ist. Das Angebot kam direkt an Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche: Israelischer Außenminister Gideon Saar brachte das Thema bei einem Besuch in Berlin auf den Tisch.

Die Reaktion aus dem deutschen Verkehrsministerium war gedämpft. Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) erklärte, ein Kerosinmangel sei für Deutschland derzeit kein akutes Problem, da ausreichend inländische Raffineriekapazität vorhanden sei. Tatsächlich hatte die Internationale Energieagentur (IEA) noch im April gewarnt, dass die europäischen Kerosinvorräte rechnerisch noch sechs Wochen reichen, wenn die Hormuz-Sperrung weiter anhält.

Die Preisentwicklung erzählt eine andere Geschichte als Schneiders Entwarnung: Seit dem amerikanisch-israelischen Angriff auf Iran am 28. Februar 2026 haben sich die Kerosinpreise mehr als verdoppelt. Lufthansa hatte deshalb bereits 20.000 Flüge gestrichen und befristete Treibstoffzuschläge angekündigt. Das israelische Angebot ist in diesem Kontext weniger diplomatische Geste als wirtschaftliche Notlösung für eine Lieferkette unter Druck.

Die EU und das russische LNG

Am 25. April 2026 stoppte die EU den Spothandel mit russischem Flüssigerdgas. Das ist ein bemerkenswert später Schritt: Noch im Februar 2026, unmittelbar nach Beginn des Iran-Kriegs, exportierten russische Arktis-LNG-Terminals zu hundert Prozent nach Europa, weil Russland keine alternativen Abnehmer hatte. Die Hormuz-Krise hatte paradoxerweise Russlands LNG-Exporte stabilisiert, weil europäische Abnehmer qatarisches Gas nicht mehr zuverlässig bekommen konnten.

Mit dem Spothandelsverbot hat die EU nun zumindest kurzfristige russische Gaslieferungen untersagt. Ein vollständiger Ausstieg aus russischem LNG ist für Anfang 2027 geplant. Bis dahin bleibt das Dilemma bestehen: Europa braucht Gas und Russland hat Gas anzubieten. Jeder Euro, der nach Moskau fließt, finanziert einen Krieg, den die EU offiziell bekämpft.

Wie sehr Putin vom Iran-Konflikt profitiert hatte, zeigten Analysen von Anfang April: In den ersten zwei Wochen nach der Hormuz-Sperrung erzielte Russland durch gestiegene Ölpreise Mehreinnahmen von rund sechs Milliarden Euro gegenüber dem Vorjahresquartal. Das EU-Spotverbot ist ein Signal, das diese Logik durchbrechen soll, aber bisher kein vollständiger Riegel.

Was die Bundesbank erwartet

Bundesbank-Präsident Joachim Nagel warnte Mitte April, der Ölpreisschock werde die deutsche Inflation erheblich in Richtung drei Prozent treiben. Im März 2026 lag die deutsche Inflation bereits bei 2,7 Prozent, mit Energiepreisen, die im Jahresvergleich um 7,2 Prozent gestiegen waren. Das sind die stärksten Energiepreissteigerungen seit dem Schock von 2022.

Der Internationale Währungsfonds korrigierte im April seine Wachstumsprognosen für 2026 und 2027 jeweils um 0,3 Prozentpunkte nach unten. Für Deutschland, das 2025 bereits in der Rezession steckte, ist das eine schwierige Ausgangslage: Die erhoffte Erholung verzögert sich, während gleichzeitig die Importkosten steigen.

Die Europäische Zentralbank (EZB) tagt am 6. Juni. Ökonomen erwarten, dass sie angesichts des Inflationsdrucks von Zinssenkungen vorerst Abstand nehmen wird, obwohl die schwache Konjunktur eigentlich günstigere Kreditbedingungen nahelegen würde. Dieser Zielkonflikt zwischen Preisstabilität und Wachstumsförderung ist das zentrale geldpolitische Dilemma des Sommers 2026.

Welche Entscheidung im Juni fällt

Die kurzfristige Stabilisierung des europäischen Energiemarkts hängt an zwei Entwicklungen, die beide im Juni entschieden werden könnten. Erstens: Ob die laufenden Waffenruhe-Verhandlungen im Iran-Konflikt zu einer dauerhaften Öffnung der Hormuz-Straße führen. Eine Waffenruhe würde die Ölpreise unmittelbar drücken und den Kerosinmarkt entspannen. Zweitens: Was die EZB am 6. Juni beschließt und ob die Fed im gleichen Monat ebenfalls die Zinsen anpasst.

Das israelische Kerosinangebot bleibt derweil auf dem Tisch. Es symbolisiert eine neue Realität: In der Energiegeopolitik nach Hormuz gelten alte Allianzen nicht mehr als selbstverständlich und neue entstehen nach Bedarf. Deutschland, das seinen Gasbedarf nach 2022 von Russland auf LNG-Importe umgestellt hat, lernt erneut, wie schnell ein als sicher geltender Lieferant ausfallen kann.

Quellen (6)