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Natriumionenbatterien: Größter Auftrag aller Zeiten

Natriumionenbatterien: Größter Auftrag aller Zeiten

Der weltgrößte Batteriehersteller CATL und Chinas größter Energiespeicherintegrator HyperStrong haben Ende April 2026 den weltgrößten Auftrag für Natriumionenbatterien unterzeichnet: 60 Gigawattstunden für Energienetze. Die Technologie braucht kein Lithium, kein Kobalt und könnte Stromspeicher für erneuerbare Energien erheblich günstiger machen.

6. Mai 2026, 16:39 Uhr 718 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Am 27. April 2026 unterzeichneten CATL und Beijing HyperStrong Technology den weltgrößten Auftrag für Natriumionenbatterien aller Zeiten: 60 Gigawattstunden für stationäre Energiespeicher, geliefert über drei Jahre. Es ist der erste Großvertrag dieser Technologie jenseits des Elektroautomarkts. Die Botschaft dahinter ist klar: Natriumionenbatterien, die ohne Lithium, Kobalt oder Nickel auskommen, sind nicht mehr experimentell. Sie sind kommerziell reif für Energienetze.

Kein Lithium, kein Kobalt

Natriumionenbatterien funktionieren nach demselben Grundprinzip wie Lithiumionenbatterien, tauschen aber den Rohstoff aus. Natrium ist das vierthäufigste Element der Erdkruste und als Natriumcarbonat in nahezu jedem Land günstig verfügbar. Lithiumcarbonat kostet je nach Marktlage zwischen 6.000 und 83.000 Dollar pro Tonne, Natriumcarbonat dagegen 100 bis 500 Dollar. Das ist der strukturelle Kostenvorteil.

Die Spezifikationen der Energiespeicherzellen von CATL für diesen Vertrag: Energiedichte von rund 160 Wattstunden pro Kilogramm, Systemwirkungsgrad von 97 Prozent, mehr als 15.000 Ladezyklen bei 80 Prozent Restkapazität und ein Betriebsbereich von minus 40 bis plus 70 Grad Celsius. Für stationäre Stromspeicher in Energienetzen spielt Energiedichte eine geringere Rolle als im Auto. Wichtiger sind Kosten, Lebensdauer und Temperaturbeständigkeit, vor allem für Anlagen in kalten Klimazonen oder in der Nähe von Wüsten.

Ein Nachteil bleibt: Mit 160 Wh/kg liegt die Energiedichte unter modernen LFP-Lithiumbatterien (180 bis 200 Wh/kg). Für Elektroautos mit großer Reichweite oder Nutzfahrzeuge sind Natriumionenbatterien deshalb weiter ungeeignet. Für Netzstabilisierung und Energiespeicherung sind sie nach Einschätzung des Fachportals Energy-Storage.News eine ernstzunehmende Alternative.

Was der Vertrag bedeutet

HyperStrong wurde 2011 gegründet und ist nach Angaben des Branchenverbands EESA der größte Batteriespeicherintegrator Chinas. Das Unternehmen hat nach eigenen Angaben mehr als 40 Gigawattstunden Speicherkapazität weltweit installiert und ist inzwischen an der Shanghaier Börse notiert. Büros in Kalifornien, Frankfurt, Australien und Singapur zeigen, dass HyperStrong den internationalen Markt gezielt erschließt.

Der jetzt geschlossene Vertrag über 60 Gigawattstunden ist Teil eines Rahmenabkommens aus dem November 2025, das über den Zeitraum 2026 bis 2035 insgesamt 200 Gigawattstunden vorsieht. Zum Vergleich: Die erste Netzstromspeicheranlage mit Natriumionenbatterien in den USA ging Ende September 2025 mit 3,5 Megawattstunden ans Netz. Der jetzt vereinbarte Auftrag ist 17.000 Mal größer. Electrek nannte die Technologie in seiner Berichterstattung zum Vertragsabschluss erstmals "mainstream-ready" für stationäre Speicher.

CATLs Chefwissenschaftler Wu Kai hatte Anfang 2026 erklärt, sein Unternehmen habe die Herausforderungen der gesamten Produktionskette für Natriumionenbatterien gelöst: Feuchtigkeitskontrolle in der Fertigung, Gasbildung in den Zellen, Elektrodenhaftung auf Aluminiumfolie und die Kapazität der Kohlenstoffanoden. Der vorliegende Auftrag ist der erste kommerzielle Beweis im Großmaßstab.

Im Vergleich: Wie Energietechnologien billiger werden

Die Geschichte erneuerbarer Energien ist eine Geschichte des Preiskollapses. 1976 kostete ein Watt Solarleistung laut Lazard-Berechnungen rund 100 Dollar. Heute liegt der Preis unter 0,30 Dollar, ein Rückgang von über 99 Prozent in 50 Jahren. Energiespeicher folgen einem ähnlichen Muster: LFP-Lithiumbatterien kosteten 2015 über 300 Dollar pro Kilowattstunde und 2025 um die 50 Dollar. Der Preisverfall der Lithiumbatterie hat den Ausbau von Elektroautos und Netzstromspeichern erst möglich gemacht.

Natriumionenbatterien stehen am Beginn dieser Kurve. Die Internationale Agentur für Erneuerbare Energien (IRENA) prognostiziert laut einer Analyse von PV Magazine aus dem Januar 2026, dass Natriumionenzellen auf 40 Dollar pro Kilowattstunde fallen könnten, was 25 bis 40 Prozent unter den Langzeitkosten vergleichbarer LFP-Systeme für Netzanwendungen läge. Dieser Auftrag erzeugt erstmals die Produktionsmengen, die diese Kostendegression beschleunigen könnten.

Was Na-Ion in Europa noch bremst

Die Herstellung von Natriumionenbatterien findet bislang ausschließlich in China statt. CATL betreibt die relevante Fertigungskapazität, HyperStrong baut die Systeme. Für Europa bedeutet das, dass der Schritt zur Rohstoffunabhängigkeit von Lithium durch eine neue Abhängigkeit von chinesischer Fertigungskapazität erkauft würde. Das ist eine geopolitische Verschiebung, keine Lösung.

Damit Na-Ion in Deutschland und Europa seinen Kostenvorsprung ausspielen kann, bräuchte es drei Dinge: Fertigungskapazität in Europa für Natriumionenzellen, Standardisierung der Speichersysteme für den europäischen Netzanschluss und regulatorische Anerkennung der Technologie in Ausschreibungsverfahren für Netzstabilisierung. Das erste europäische Natriumionenzellwerk ist noch nicht angekündigt. Die Energiewende braucht günstige Speicher. Die Frage ist, wer sie fertigt.

Quellen (8)