Zweite Schulschießerei in der Türkei: Neun Tote in Kahramanmaras
Innerhalb von 24 Stunden hat die Türkei zwei Schulschießereien erlebt. Die zweite endete am Mittwochmorgen in Kahramanmaras mit neun Toten und 13 Verletzten. Ein 13-jähriger Schüler schoss in zwei Klassenräumen um sich, bevor er selbst starb. Die Waffen stammten aus dem Besitz seines Vaters, eines pensionierten Polizisten.
Was in Kahramanmaras geschah
Am Mittwochmorgen betrat Isa Aras Mersinli, 13 Jahre alt, eine Mittelschule im Stadtbezirk Onikisubat. Er trug fünf Schusswaffen und sieben Magazine in einem Rucksack. Mersinli betrat nacheinander zwei Klassenräume und feuerte. Acht Schülerinnen und Schüler sowie ein Lehrer starben. Sechs der 13 Verletzten wurden auf Intensivstationen verlegt, drei davon in kritischem Zustand. Der Schüler kam ebenfalls ums Leben. Innenminister Mustafa Çiftçi bestätigte die Opferzahlen am Mittag.
Die Waffen stammten nach Behördenangaben aus dem Privatbesitz von Mersinlis Vater, der als pensionierter Polizist legal Schusswaffen zu Hause aufbewahren durfte. Der Vater wurde noch am Mittwoch zur Befragung festgenommen. Ein Motiv war zunächst nicht bekannt. Anders als beim Vorfall vom Vortag in Siverek gab es keine bekannten Online-Ankündigungen durch den Täter.
Der Vortag in Siverek
Am Dienstag hatte ein 18-jähriger ehemaliger Schüler in Siverek, Provinz Sanliurfa, an einer Berufsschule das Feuer eröffnet und 16 Menschen verletzt. Todesopfer gab es keine. Der Täter hatte den Angriff zuvor in sozialen Netzwerken angekündigt und tötete sich danach selbst. Noch am Dienstagabend bezeichneten türkische Behörden Schulschießereien als extremes Ausnahmephänomen im Land.
Das Waffenproblem hinter den Taten
Die Türkei hat mit 6,2 registrierten Schusswaffen pro 100 Einwohner im internationalen Vergleich strenge Regulierungen. Deutschland liegt bei etwa 5,5, die USA bei rund 120. Doch die Zahlen täuschen über einen relevanten Sonderfall hinweg: In der Türkei haben pensionierte Polizisten und Sicherheitsbeamte das Recht, ihre Dienstwaffen zu Hause zu behalten. In beiden Fällen dieser Woche griffen die Täter auf Waffen aus genau diesem Bestand zurück.
Das Muster ähnelt einem in der Forschung gut beschriebenen Phänomen: Schulschießereien werden häufig mit legal erworbenen Waffen begangen, zu denen Heranwachsende unkontrollierten Zugang haben. In den USA dokumentiert das FBI mehr als 600 solcher Vorfälle jährlich. In der Türkei galten vergleichbare Taten bis vor zwei Tagen als Rarität ohne Präzedenzfall innerhalb einer so kurzen Zeitspanne.
Reaktionen und politischer Druck
Innenminister Çiftçi kündigte eine landesweite Überprüfung der Sicherheitskonzepte an türkischen Schulen an. Das Bildungsministerium will bis Ende Mai Ergebnisse vorlegen. Provinzgouverneurin Mükerrem Ünlüer ordnete für den Folgetag schulfrei in der Provinz Kahramanmaras an. Die türkische Staatsanwaltschaft ermittelt wegen mehrfachen Mordes sowie wegen fahrlässiger Waffenaufbewahrung gegen den Vater des Täters.
Oppositionsparteien im Parlament forderten eine Sonderdebatte zur Schulsicherheit. Die CHP-Fraktion verlangte eine sofortige Überprüfung der Regelungen zur Waffenaufbewahrung in Haushalten von Sicherheitspersonal. Staatspräsident Erdoğan äußerte sich bis zum Nachmittag nicht öffentlich zu den Vorfällen.
Ausblick
Die türkische Staatsanwaltschaft wird in den nächsten Tagen entscheiden, ob der Vater des Täters wegen fahrlässiger Waffenaufbewahrung angeklagt wird. Das Parlament hat für diese Woche eine Debatte zur Schulsicherheit angesetzt. Das Bildungsministerium soll bis zum 31. Mai konkrete Maßnahmen vorlegen. Ob dazu auch Änderungen an den Aufbewahrungsregeln für pensioniertes Sicherheitspersonal gehören, ist noch offen.
Aktualisierungen
Update 16. April, 14:38 Uhr: Türkische Behörden stufen beide Schulanschläge vom 15. April als Einzeltaten ein, nicht als koordinierte Kampagne. Am 16. April demonstrierten nach übereinstimmenden Medienberichten mehrere tausend Lehrer in verschiedenen türkischen Städten für besseren Schutz an Schulen. Die Proteste zeigen, dass der gesellschaftliche Druck auf die Regierung wächst, über die angekündigten Überprüfungen von Sicherheitskonzepten hinaus konkrete Konsequenzen zu ziehen.