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Gesellschaft
2,76 Millionen junge Erwachsene ohne Berufsabschluss

2,76 Millionen junge Erwachsene ohne Berufsabschluss

Fast jeder fünfte junge Erwachsene in Deutschland hat keinen Berufsabschluss. Der neue Berufsbildungsbericht zeigt: Die Zahl unbesetzter Ausbildungsplätze steigt, gleichzeitig finden 39.900 Bewerber keinen Platz. Das Passungsproblem wächst in der Wirtschaftskrise weiter.

6. Mai 2026, 14:40 Uhr 706 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Das Bundeskabinett hat den Berufsbildungsbericht 2026 diese Woche verabschiedet und die Zahlen sind alarmierend. 18,8 Prozent der 20- bis 34-Jährigen in Deutschland haben keinen Berufsabschluss. Das sind 2,76 Millionen Menschen, die damit einem erhöhten Armutsrisiko ausgesetzt sind und dem Arbeitsmarkt als Fachkräfte dauerhaft fehlen. Gleichzeitig blieben 2025 rund 39.900 Bewerberinnen und Bewerber ohne Ausbildungsplatz, ein Anstieg von 28 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Das Paradox des Ausbildungsmarkts

Auf dem deutschen Ausbildungsmarkt koexistieren zwei scheinbar widersprüchliche Probleme. Auf der einen Seite schrumpft das Angebot: Die Zahl neu abgeschlossener Ausbildungsverträge sank 2025 um 2,1 Prozent auf 476.700. Das Gesamtangebot an Ausbildungsplätzen fiel um 4,6 Prozent auf 530.300 Stellen. Auf der anderen Seite wächst die Zahl derer, die keinen Platz finden.

Dieses Nebeneinander hat einen Namen: Passungsproblem. Betriebe suchen vor allem in Handwerk, Pflege und Logistik händeringend Auszubildende, während Schulabgänger bevorzugt in kaufmännische Berufe, IT oder Medien streben. Die angebotenen Stellen und die Wünsche der Bewerbenden liegen räumlich und fachlich auseinander. Eine Schreinerlehre in Bayern interessiert jemanden aus Berlin nicht, auch wenn der Platz technisch verfügbar ist.

Die Wirtschaftskrise verschärft das Grundproblem. Viele Betriebe, die unter Druck stehen, streichen Ausbildungsplätze als erstes, weil Auszubildende kurzfristig keine Produktivität bringen. Der Rückgang von 4,6 Prozent beim Ausbildungsangebot spiegelt diese Logik wider. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an die Grundqualifikationen, was Hauptschülerinnen und Schüler mit schwachen Schulabschlüssen weiter aussortiert.

Wer besonders betroffen ist

Der Berufsbildungsbericht zeigt, dass die 18,8 Prozent ohne Abschluss keine homogene Gruppe sind. Besonders betroffen sind junge Menschen mit Migrationshintergrund, Schulabgängerinnen und -abgänger ohne Hauptschulabschluss sowie Personen aus strukturschwachen Regionen. Die Förderprogramme des Bundesbildungsministeriums erreichen diese Gruppen nach eigener Einschätzung nur unvollständig.

Arbeitgeberverbände kritisieren in ihrer Reaktion auf den Bericht die mangelnde Berufsorientierung in Schulen. BDA-Hauptgeschäftsführer Steffen Kampeter erklärte, viele Schulabgängerinnen und Schulabgänger seien schlicht nicht über die Realität des Ausbildungsmarkts informiert. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) sieht das Hauptproblem woanders: In zu vielen Betrieben fehle es an tariflichen Ausbildungsvergütungen, die attraktiv genug seien, um junge Menschen in handwerkliche Berufe zu locken.

Beide Positionen haben empirischen Rückhalt. Studien des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) zeigen, dass Betriebe, die Tariflöhne zahlen, deutlich einfacher Auszubildende finden. Gleichzeitig ist Berufsorientierung in deutschen Schulen tatsächlich unzureichend: In vielen Bundesländern erhalten Schülerinnen und Schüler kaum systematische Informationen über duale Ausbildungsberufe.

Was die Regierung plant

Das Kabinett beschloss zusammen mit dem Bericht die sogenannte Qualifizierungsoffensive Berufliche Bildung (QBB). Das Programm soll die Berufsorientierung in Schulen verbessern, Ausbildungsabbrüche reduzieren und Betriebe bei der Ausbildung von leistungsschwächeren Bewerberinnen und Bewerbern unterstützen. Konkrete Mittel sind im Programm vorgesehen, die Höhe war bei Redaktionsschluss noch nicht öffentlich beziffert.

Ein Berufsausbildungsgipfel ist für Juni 2026 geplant, an dem Ministerium, Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände gemeinsame Maßnahmen verabschieden sollen. Ob das ausreicht, ist unter Bildungsforschern umstritten. Das BIBB hat in vergangenen Analysen wiederholt darauf hingewiesen, dass das Passungsproblem strukturell und nicht durch Kommunikationskampagnen lösbar ist: Es braucht mehr Betriebe, die ausbilden wollen und können und mehr junge Menschen, die eine klare Perspektive in handwerklichen und sozialen Berufen sehen.

Bis zum Gipfel im Juni

Die Zahl 18,8 Prozent ist gegenüber 2023 (19 Prozent) leicht gesunken. Das zeigt, dass grundsätzlich Bewegung möglich ist. Allerdings ist der Rückgang marginal und mit dem Anstieg der unversorgten Bewerber um 28 Prozent signalisiert der Bericht für 2025 eher eine Verschlechterung als Verbesserung. Bei gleichbleibenden Bedingungen könnten bis 2030 über drei Millionen junge Erwachsene ohne Berufsabschluss sein.

Was den Unterschied macht, ist nicht primär der Gipfel im Juni, sondern die Konjunkturentwicklung. Wenn die deutsche Wirtschaft 2027 wieder anzieht, werden Betriebe mehr ausbilden. Wenn nicht, werden Ausbildungsangebote weiter schrumpfen. Die 2,76 Millionen ohne Abschluss sind insofern auch ein Indikator dafür, wie es um Deutschlands wirtschaftliche Erholung bestellt ist, nicht nur ein bildungspolitisches Problem.

Quellen (5)