Unterwasserentsalzung: Flocean startet in Norwegen
Zwei Milliarden Menschen weltweit haben keinen sicheren Zugang zu Trinkwasser. Entsalzungsanlagen gelten als eine der Schlüsseltechnologien dagegen, scheitern aber oft an Kosten, Energiebedarf und dem Platzbedarf an Küstenlinien. Das norwegische Startup Flocean hat jetzt in Mongstad die erste kommerzielle Unterwasserentsalzungsanlage der Welt in Betrieb genommen. Sie verbraucht nach Unternehmensangaben 50 Prozent weniger Energie als vergleichbare Anlagen an Land.
Was ist das eigentlich?
Herkömmliche Entsalzungsanlagen stehen an der Küste und pumpen Meerwasser durch Membranen, die Salz herausfiltern. Dieses Umkehrosmoseverfahren erfordert hohen Druck und damit viel Strom. Floceans Idee ist eine andere: Die Anlage wird in 300 bis 600 Metern Tiefe abgesenkt, wo der natürliche Wasserdruck des Ozeans bereits zwischen 30 und 60 Bar beträgt. Genau dieser Druck ist es, den eine Umkehrosmoseanlage an Land künstlich erzeugen muss. In der Tiefe entfällt dieser Aufwand weitgehend. Das Ergebnis ist laut Flocean eine Energieeinsparung von rund 50 Prozent sowie ein Kapitalkostenvorteil von etwa dem Siebenfachen gegenüber konventionellen Landanlagen.
Die erste kommerzielle Anlage in Mongstad, rund 60 Kilometer nördlich von Bergen, produziert täglich 1.000 Kubikmeter Trinkwasser. Das ist bescheiden gemessen an großen Entsalzungsanlagen im Nahen Osten, die täglich mehrere hunderttausend Kubikmeter liefern. Flocean gibt an, die Technologie sei modular erweiterbar bis auf 50.000 Kubikmeter pro Tag. Das Unternehmen selbst nennt die aktuelle Anlage einen Machbarkeitsnachweis für den kommerziellen Betrieb.
Warum jetzt?
Flocean wurde 2018 gegründet und testete die Technologie zunächst in kleinerem Maßstab ebenfalls in Mongstad. Nach eigenen Angaben hat die Anlage dort mehr als ein Jahr Testbetrieb absolviert. Im November 2025 stieg Xylem, ein US-amerikanisches Wassertechnologieunternehmen mit einem Jahresumsatz von rund sieben Milliarden US-Dollar, als strategischer Investor ein. TIME Magazine führte Floceans Technologie in seiner Liste der besten Erfindungen 2025 auf.
Der Zeitpunkt passt zu einer globalen Dynamik: Die Zahl der Menschen, die in Regionen mit Wasserstress leben, hat sich seit 2000 verdoppelt. Die UN-Wasserkonferenz 2023 listete Entsalzung als eine der drei prioritären Technologien zur Schließung der globalen Wasserlücke. Gleichzeitig sinken die Kosten für erneuerbare Energien, was energieintensive Prozesse wie Wasserentsalzung preiswerter macht.
Im Vergleich mit anderen Wassergewinnungsmethoden
Entsalzung ist nicht die einzige Antwort auf Wasserknappheit, aber in Küstenregionen die direkteste. Zum Vergleich: Israel deckt inzwischen rund 85 Prozent seines Trinkwasserbedarfs aus Entsalzungsanlagen und gilt als das am stärksten von Entsalzung abhängige Land der Welt. Die größte dieser Anlagen, Sorek II südlich von Tel Aviv, produziert täglich 624.000 Kubikmeter und versorgt damit rund 1,5 Millionen Menschen. Auch Saudi-Arabien betreibt Entsalzungsanlagen, die gemeinsam täglich über sieben Millionen Kubikmeter produzieren, allerdings überwiegend mit Strom aus Erdöl.
Floceans Ansatz unterscheidet sich nicht nur beim Energieverbrauch, sondern auch beim Flächenbedarf. Eine Anlage dieser Kapazität an Land würde laut Unternehmensangaben eine Küstenfläche von mehreren Tausend Quadratmetern benötigen. Die Unterwasserkapsel beansprucht 95 Prozent weniger Fläche und erzeugt keine Soleeinleitung an der Oberfläche, da die konzentrierte Salzlösung in der Tiefe verdünnt wird.
Von 1.000 auf 50.000: Was die Skalierung bremst
Die Anlage in Mongstad ist ein Proof of Concept. Drei Hürden müssen überwunden werden, damit die Technologie breite Wirkung entfalten kann. Erstens: Wartung in der Tiefe. Membranen in Umkehrosmoseanlagen müssen regelmäßig gewechselt werden. An Land ist das ein Routinevorgang. In 600 Metern Wassertiefe erfordert es spezialisierte Tauchroboter oder ferngesteuerte Fahrzeuge, deren Einsatz teuer ist. Flocean hat dieses Problem nach eigenen Angaben in den Betriebstests adressiert, einen externen Nachweis dafür gibt es noch nicht.
Zweitens: Genehmigungsrecht. Unterwasserkonstruktionen auf dem Meeresboden fallen in vielen Ländern unter spezifisches Meeresbodenrecht und erfordern Umweltprüfungen, die für Landanlagen nicht nötig sind. In Norwegen profitiert Flocean von einem etablierten regulatorischen Rahmen für Offshore-Infrastruktur, in anderen Märkten fehlt dieser noch. Drittens: Finanzierung. Die modular skalierbare Architektur setzt voraus, dass die Kapitalkosten für jede zusätzliche Einheit wirklich sinken. Das ist bei anderen modularen Technologien wie Solarpanelen gelungen, beim Offshore-Bau jedoch bislang kaum nachgewiesen.
Wenn Flocean die Anlage in Mongstad zwei bis drei Jahre störungsfrei betreibt und die Kostenstruktur unabhängig bestätigt wird, dürfte das Interesse aus dem Nahen Osten und Nordafrika, wo Wasserknappheit und Küstennähe zusammentreffen, erheblich sein.