← Zurück zur Übersicht
Good News
106 Kākāpō-Küken: Rekord für den Nachtpapagei

106 Kākāpō-Küken: Rekord für den Nachtpapagei

Neuseelands schwerster Papagei war 1995 fast ausgestorben. In der Brutsaison 2026 schlüpften 106 Küken, mehr als je zuvor. Die Gesamtpopulation übersteigt erstmals 235 Tiere.

8. Mai 2026, 17:39 Uhr 697 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Neuseelands Kākāpō galt lange als lebender Nachruf auf eine verlorene Fauna. Jetzt meldet das Schutzprogramm die erfolgreichste Brutsaison aller Zeiten: 106 Küken schlüpften 2026, 93 überlebten. Der bisherige Rekord aus dem Jahr 2019 lag bei 85 Küken.

Auf der Schwelle zum Aussterben

Mit bis zu vier Kilogramm ist der Kākāpō der schwerste Papagei der Welt. Er kann nicht fliegen, ist nachtaktiv, lebt ausschließlich in Neuseeland und brütet nur dann, wenn Nahrung im Überfluss vorhanden ist, in der Regel alle zwei bis vier Jahre. Die Kombination aus Bodenständigkeit, Langsamkeit und Vertrauensseligkeit machte ihn zum leichten Opfer eingeschleppter Räuber: Nach der europäischen Besiedlung dezimierten Ratten, Katzen und Wiesel die Bestände. 1995 lebten noch 51 Tiere in freier Wildbahn, ein Bestand so klein, dass jede weitere Saison die letzte hätte sein können.

Das neuseeländische Department of Conservation (DOC) startete ein radikales Rettungsprogramm: Alle verbliebenen Kākāpō wurden gefangen und auf drei räuberfreie Inseln gebracht, Whenua Hou, Te Kākahu und Anchor Island. Dort überwachen Ranger die Nester rund um die Uhr, versorgen kranke Küken mit Ersatzfutter und statten die Tiere mit Sendern aus, die ihre Bewegungen in Echtzeit verfolgen. Mittlerweile wird jedes Küken genotypisiert, damit die Verpaarung genetisch gesteuert werden kann und Inzuchtdepression vermieden wird.

Rīmu-Ernte treibt Rekordbrutsaison

Der Kākāpō brütet nicht nach einem festen Kalender. Er reagiert auf das Angebot von Rīmu-Beeren: Nur wenn die Ernte auf den Schutzinseln reichlich ausfällt, beginnen die Weibchen zu nisten. 2026 sorgte eine außergewöhnliche Rīmu-Ernte für eine seltene Situation, in der alle 78 Weibchen gleichzeitig brüteten. Das Ergebnis war beispiellos. DOC teilte gegenüber Radio New Zealand mit, dass 106 Küken schlüpften und 93 die kritischen ersten Wochen überlebten. Das übertrifft den bisherigen Rekord von 2019 um fast 25 Prozent.

Die Ranger gingen dabei weit über das Übliche hinaus. Als ein Weibchen sein Nest in einem schwer zugänglichen Felsspalt an der Fiordland-Küste angelegt hatte, tunnelten sich Mitarbeiter durch das Gestein, um das eingeschlossene Küken zu retten. Dieses letzte Küken brachte die Saisonbilanz auf 106. Mit den 93 Überlebenden übersteigt die Gesamtzahl der erwachsenen Kākāpō erstmals 235. Zum Vergleich: 2016 waren es noch 154 Tiere, 2019 kletterte der Bestand nach der damaligen Rekordsaison auf knapp 200.

Im Vergleich mit anderen Tierkomebacks

Der Kākāpō reiht sich in eine Reihe spektakulärer Artenrettungen ein. Der Bartgeier wurde 1913 in den Alpen ausgerottet. Ab 1986 begannen die Vulture Conservation Foundation und nationale Naturschutzbehörden mit der Wiederansiedlung. Heute leben über 300 Bartgeier frei in den Alpen, laut VCF eine der erfolgreichsten Wiedereinsiedlungen in Europa. Der Iberische Luchs hatte 2002 noch unter 100 Individuen. Durch gezieltes Zuchtprogramm und Habitatschutz in Spanien und Portugal erreichte die Population laut IUCN 2024 über 2.000 Tiere, das schnellste Erholungstempo aller gefährdeten Katzenarten weltweit.

Noch drastischer verlief der Absturz beim Kalifornischen Kondor: 1987 existierten nur noch 27 Tiere, allesamt in Gefangenschaft. Ein intensives Zuchtprogramm brachte die Zahl bis 2024 auf über 500, davon mehr als 300 in freier Wildbahn (US Fish and Wildlife Service). Der gemeinsame Nenner aller erfolgreichen Tierkomebacks ist aktives Management: Lebensraum schützen reicht nicht, solange man nicht gleichzeitig auf genetische Vielfalt, Krankheiten und Fressfeinde achtet.

Die zwei Risiken auf dem Weg zur 300er-Marke

Trotz des Rekords bleibt die Population fragil. Zwei konkrete Risiken beschäftigen das DOC-Team. Das erste sind Krankheiten: 2019 dezimierte ein Aspergillus-Pilzbefall zahlreiche Küken der damaligen Rekordsaison. Ein ähnlicher Ausbruch könnte bei einer Gesamtpopulation von weniger als 250 Tieren verheerende Folgen haben. Die Ranger überwachen Küken deshalb in den ersten Lebenswochen intensiver als früher und greifen früher mit tierärztlicher Hilfe ein.

Das zweite ist der Klimawandel. Rīmu-Bäume blühen unregelmäßig und veränderte Niederschlagsmuster könnten die Abfolge ertragreicher Rīmu-Jahre stören, die Brutsaisons auslösen. Forscher der Victoria University of Wellington untersuchen, welche Klimaszenarien die Rīmu-Phänologie in den nächsten Jahrzehnten verändern könnten. DOC-Wissenschaftler nennen 300 Tiere als ersten stabilen Bestandsschwellenwert. Wenn die Population diese Grenze erreicht, ist eine Ausweitung auf weitere Schutzinseln geplant. Mit 235 Erwachsenen und den 93 überlebenden Küken der Saison 2026 ist diese Marke in Reichweite.

Quellen (7)