Merz: Gesetzliche Rente reicht für Lebensstandard nicht
Beim Jahresempfang des Bundesverbands der Deutschen Banken in Berlin hat Bundeskanzler Friedrich Merz am Montag einen ungewöhnlich direkten Satz gesagt: Die gesetzliche Rentenversicherung werde "bestenfalls nur noch Basisabsicherung für das Alter sein" und nicht mehr ausreichen, den Lebensstandard zu sichern. Wer im Alter nicht an die Grundsicherungsgrenze kommen wolle, müsse privat oder betrieblich vorsorgen. Das ist nicht die Einschätzung eines Finanzprofessors bei einer Fachtagung. Es ist die öffentliche Einschätzung eines amtierenden Bundeskanzlers gegenüber 21 Millionen Rentnerinnen und Rentnern und 35 Millionen Beitragszahlern.
Was die Rente heute bringt
Das Rentenniveau liegt derzeit bei 48 Prozent des Durchschnittslohns. Wer 45 Jahre lang durchschnittlich verdient hat, erhält ab Juli 2026 eine Standardrente von 1.913 Euro brutto. Nach Abzug der Beiträge zur Krankenversicherung und zur Pflegeversicherung verbleiben 1.693 Euro netto, vor Steuern. Die tatsächliche Durchschnittsrente aller Rentnerinnen und Rentner lag im Juli 2025 jedoch bei 1.289 Euro monatlich. Wer Lücken in der Erwerbsbiografie hat, Teilzeit gearbeitet oder in schlechter bezahlten Branchen beschäftigt war, liegt oft deutlich darunter.
Das Rentenpaket, das der Bundestag am 5. Dezember 2025 beschlossen hat und seit dem 1. Januar 2026 in Kraft ist, sichert das Rentenniveau von 48 Prozent gesetzlich bis 2031. Was danach kommt, ist offen. Merz' Aussage beim Bankenverband ist in diesem Kontext zu lesen: Die Regierung sagt nicht, sie werde die Rente kürzen. Sie sagt, sie reiche absehbar nicht mehr.
Was schon gilt und was noch kommt
Merz sprach von einem "Paradigmenwechsel": weg vom reinen Umlageverfahren, bei dem aktive Arbeitnehmer die laufenden Renten finanzieren, hin zu einem Mischsystem aus Umlage und Kapitaldeckung. Kapitalgedeckte Anteile sind unabhängig vom Verhältnis zwischen Beitragszahlern und Rentnern. Das macht sie demografiefester, aber abhängig von Kapitalmarkterträgen, die schwanken können.
Ein Teil des Umbaus ist bereits Realität. Die Aktivrente erlaubt Rentnerinnen und Rentnern seit Januar 2026, bis zu 2.000 Euro monatlich steuerfrei hinzuzuverdienen. Das ist attraktiv für Fachkräfte, die über das Rentenalter hinaus tätig bleiben wollen, aber bisher durch die steuerliche Belastung des Zusatzverdienstes abgeschreckt wurden. Gleichzeitig fließen seit Januar 2026 monatlich zehn Euro in ein kapitalgedecktes Altersvorsorgedepot für jedes Kind zwischen sechs und achtzehn Jahren, die sogenannte Frühstartrente. Für ein heute sechsjähriges Kind wäre das beim Eintritt ins Erwachsenenleben ein Startkapital von rund 1.440 Euro.
Der politisch schwierigere Teil steht noch aus. Eine Expertenkommission, besetzt mit zwei Vorsitzenden, drei Vertretern der Koalitionsparteien und acht Fachleuten, soll bis Ende Juni 2026 Vorschläge für eine grundlegende Neugestaltung der Alterssicherung vorlegen. Auf dieser Grundlage will die Koalition noch 2026 ein umfassendes Reformgesetz einbringen. Die zentrale Frage, ob das Rentenniveau von 48 Prozent nach 2031 gesetzlich weitergesichert wird, hat die Koalition bisher offen gelassen.
Wer widerspricht und warum
Die SPD hat beim Paradigmenwechsel Merz' einen Preis verlangt und durchgesetzt: Rentenniveau 48 Prozent bis 2031, keine Anhebung des Renteneintrittsalters über 67 hinaus, Rentenanpassungen weiterhin an die Lohnentwicklung gekoppelt. Aktivrente und Frühstartrente waren akzeptable Kompromisse. Was über 2031 hinaus kommt, ist eine andere Frage. Das Handelsblatt berichtete von Kritik am Rentenvorstoß des Kanzlers auch aus SPD-Reihen.
Das strukturelle Gegenargument zur Kapitaldeckung ist nicht neu. Rund 30 Prozent der deutschen Arbeitnehmer haben nach Berechnungen des Deutschen Gewerkschaftsbunds kein freies Einkommen für private Anlageprodukte. Für Haushalte, die am Monatsende nichts übrig haben, ist die Frühstartrente mit zehn Euro monatlich ein symbolischer Einstieg. Eine ernsthafte kapitalgedeckte Altersvorsorge darauf aufzubauen, erfordert deutlich mehr.
Die Riester-Rente bleibt das Mahnmal. 2001 als private Ergänzung zur gesetzlichen Rente eingeführt, zählt sie heute 16 Millionen Verträge, von denen fast die Hälfte beitragsfrei gestellt oder aufgelöst wurde. Zu hohe Kosten, zu geringe Renditen und zu komplizierte Bedingungen haben viele Sparer abgeschreckt. Das neue Altersvorsorgedepot soll günstiger und flexibler sein. Die ersten belastbaren Daten über Abschlussquoten und Kündigungsquoten werden nach drei bis fünf Jahren vorliegen.
Was als nächstes entschieden wird
Merz hat mit seiner Aussage beim Bankenverband eine Erwartung gesetzt. Die Expertenkommission soll bis Ende Juni ihre Vorschläge vorlegen, das Reformgesetz soll noch 2026 kommen. Entscheidend wird sein, was nach 2031 passiert: Ohne gesetzliche Verlängerung der Rentenniveaugarantie könnte das Rentenniveau auf 43 bis 45 Prozent fallen. Bei der derzeitigen Standardrente wären das bis zu 250 Euro monatlich weniger für einen Eckrentner mit 45 Beitragsjahren. Die SPD hat eine Zusage zur Fortschreibung bisher verweigert. Am 20. April hat Merz öffentlich gemacht, was die Regierung intern längst weiß. Der Koalitionsstreit über die Rente beginnt erst.